In der sächsischen Lausitz wächst eine Idee, die nach Acker, Labor und Fabrik zugleich klingt: Flachs, Nutzhanf, Fasernessel und Miscanthus könnten dort künftig zusammen mit Reststoffen wie Stroh oder kommunalem Laub Rohstoffe für eine regionale Naturfaserwirtschaft liefern. Das Forschungsprojekt „LauTra – Gemeinsam auf dem Weg zum Lausitzer Faser-Revier“ untersucht, welche Potenziale in der Region vorhanden sind und wie daraus neue Wertschöpfungsketten entstehen können.

Daran arbeiten das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und die Hochschule Zittau/Görlitz (HSZG) mit regionalen Akteuren. Das auf drei Jahre angelegte Projekt wird vom Bundesforschungsministerium (BMFTR) gefördert. Vorgestellt und eingeordnet wird der Ansatz auch an der TU Berlin.

Vom Feld bis zum Recycling

Naturfaser klingt zunächst nach einer sauberen Sache. Automatisch nachhaltig ist sie aber nicht. Intensive Monokulturen, etwa von Hanf oder Flachs, können viel Dünger und Pflanzenschutzmittel benötigen. Böden und Grundwasser geraten dadurch unter Druck. Auch Ernte sowie mechanischer oder chemischer Faseraufschluss brauchen Wasser und Energie. Und auf dem Acker kann der Anbau mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren.

„LauTra“ setzt deshalb auf eine möglichst vollständige Kreislaufwirtschaft: Die Fasern sollen regional angebaut, verarbeitet und genutzt werden; am Ende steht im Idealfall das Recycling. Ziel ist eine faserbasierte, zirkuläre Bioökonomie in der Lausitz – nicht bloß eine neue Rohstoffproduktion, die irgendwo am Werkstor endet.

Im Mittelpunkt steht ausdrücklich nicht die textile Massenproduktion. Gesucht werden industrielle Anwendungen: naturfaserverstärkte Kunststoffe, Faserverbundstoffe etwa für die Autoindustrie, Leichtbauplatten, Spezialpapiere, industrielle Formteile und neuartige Verpackungs- beziehungsweise Verpackungsmaterialien. Ein ordentliches Brett ist dabei der Aufbau ausreichender Absatzmärkte.

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Darum betrachtet das Projekt die gesamte Wertschöpfungskette, vom Anbau über die Verarbeitung bis zur Nutzung, und holt Akteure entlang dieser Kette an einen Tisch. Eine Stoffstromanalyse soll klären, welches Potenzial der Faserpflanzenanbau besitzt, welche Verarbeitungskapazitäten für unterschiedliche Produkte notwendig wären und welche Akteure für Aufbau und Nutzung der Wertschöpfungskette infrage kommen.

Alte Textilregion, neue Anwendungen

Die sächsische Lausitz wurde auch wegen ihrer Geschichte ausgewählt. Ihre Textilwirtschaft ist heute deutlich weniger bedeutend als früher, besteht aber vor allem im Bereich technischer Textilien fort. „LauTra“ will an frühere unternehmerische Strukturen anknüpfen, ohne die Vergangenheit einfach nachzuspielen.

Frühere Vorhaben zur Bioenergieregion Lausitz führten nach Darstellung von Dehnhardt nicht zu dauerhaften Ergebnissen. Ein Grund: Es fehlten regionale Abnehmer. Diesmal soll der Blick deshalb nicht nur auf die Produktion der Rohstoffe fallen, sondern ebenso auf Verarbeitung, Einsatz und Verwertung.

Das Projekt baut auf dem bestehenden Akteursnetzwerk „Lander3“ und dem damit verbundenen Projekt „Lausitzer Naturfaser-Verbundwerkstoffe“ der Hochschule Zittau/Görlitz auf. Eine Naturfaserwirtschaft gilt dabei als Ergänzung zu anderen Entwicklungswegen der Lausitz – nicht als Alternative zu Wind- und Solarenergie. Wenn eine zirkuläre Struktur Fuß fasst, könnten Arbeitsplätze in Anbau, Verarbeitung und Recycling entstehen.

Die Sache hat allerdings einen langen Atem. Zahlreiche ehemalige Bergbau-Kippenflächen sind derzeit teilweise aus Sicherheitsgründen gesperrt und deshalb nicht landwirtschaftlich nutzbar. Für Faserpflanzen kämen sie erst langfristig infrage, wenn sie rekultiviert und wieder freigegeben sind. Bis dahin soll die Faserwertschöpfungskette auf bereits verfügbaren Flächen entstehen.

Der Zeitdruck kommt aus dem Kohleausstieg

Die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Der Kohleausstieg ist gesetzlich beschlossen und zeitlich festgelegt. Damit steigt der Druck, neue und krisenfeste Wertschöpfungsketten aufzubauen. Zugleich berücksichtigt die Förderlandschaft den Strukturwandel stärker als früher. Viel Geld ist also im Spiel, aber Geld allein pflanzt noch keinen Flachs und baut keine Recyclinganlage.

Am 14. August 2020 trat das Strukturstärkungsgesetz in Kraft. Es soll den Verlust von Industriearbeitsplätzen durch den Kohleausstieg ausgleichen. Für das Brandenburger Lausitzer Revier stehen bis 2038 insgesamt 10,32 Milliarden Euro Strukturfördermittel bereit. Die Förderung läuft über zwei Arme: 3,6 Milliarden Euro beziehungsweise 3,612 Milliarden Euro Bundesmittel kann Brandenburg eigenständig für kommunale und regionale Projekte verwenden. Mehr als 6,7 Milliarden Euro sind für Bundesprojekte in der Lausitz vorgesehen; davon waren im April 2023 bereits 6,62 Milliarden Euro beziehungsweise 98,8 Prozent vergeben.

Die erste Förderperiode läuft bis zum 31. Dezember 2026. Dafür stehen Brandenburg rund 1,42 Milliarden Euro zur Verfügung. Über den Werkstattprozess wurden innerhalb von zweieinhalb Jahren 65 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 1,6 Milliarden Euro auf den Weg gebracht – damit gelten die Mittel dieser ersten Periode als planmäßig ausgeschöpft.

Die Verteilung sorgt dennoch für Reibung. Die Projekte konzentrieren sich stark auf Cottbus, das überproportional viele Förderzusagen erhalten hat. Kleinere Kommunen sind bei der Beantragung häufig finanziell und personell überfordert, besonders im Kerngebiet der Kohleregion, wo durch den Kohleausstieg bestehende Wertschöpfungsketten und Einnahmen wegfallen können. Joachim Ragnitz vom ifo-Institut Dresden bescheinigte den Landesprojekten laut der genannten Darstellung zu wenig Konkretisierung und Realitätsnähe.

Fördergeld, Beteiligung und offene Flanken

Für Unternehmen soll auch der europäische Just Transition Fund helfen. Die Richtlinie für die Unternehmensförderung wurde am 15. August 2023 verabschiedet. Der JTF soll Regionen und Menschen beim sozialen, wirtschaftlichen, beschäftigungspolitischen und ökologischen Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft unterstützen.

Für Unternehmen in der Lausitz sind insgesamt 238 Millionen Euro JTF-Mittel vorgesehen: rund 170 Millionen Euro für kleine und mittlere Unternehmen und rund 68 Millionen Euro für Großunternehmen. Brandenburg erhält insgesamt 786 Millionen Euro aus dem JTF. Ob die betroffenen Unternehmen und nachgelagerten Wertschöpfungsketten ausreichend finanziert werden, bleibt laut der Darstellung offen. Dazu zählen etwa Handwerksbetriebe und industrielle Dienstleister der LEAG.

Unternehmen und Wirtschaftsverbände kritisieren ihre Beteiligungsmöglichkeiten. Die IHK und HWK Cottbus bewerten die bisherige Bewältigung des Strukturwandels zu 76 Prozent als befriedigend bis sehr schlecht. Unternehmen fühlten sich unzureichend eingebunden; ihre Anregungen würden von Politik und Verwaltung kaum berücksichtigt. Potenzielle industrielle Arbeitgeber und wertschöpfende Arbeitsplätze fänden im Prozess zu wenig Beachtung – genau jene Punkte, an denen ein Naturfaserprojekt später einmal gemessen werden dürfte.

Der im August 2020 eingerichtete Sonderausschuss Strukturentwicklung Lausitz soll die Umsetzung des Strukturstärkungsgesetzes im Landtag Brandenburg begleiten und Transparenz fördern. Er besteht aus elf Mitgliedern der im Landtag vertretenen Parteien; ein Vertreter des Rates für Angelegenheiten der Sorben/Wenden nimmt beratend teil. Industriearbeitsplätze, Glasfaser- und Breitbandausbau, bezahlbare Energieversorgung und Versorgungssicherheit werden laut der genannten Darstellung im Ausschuss nicht behandelt. Auf der Tagesordnung stehen stattdessen unter anderem Gleichstellung, Vereinsentwicklung sowie die Beteiligung der Zivilgesellschaft und von Frauen am Strukturwandel.

Die AfD-Fraktion lehnt den von der Landesregierung betriebenen Strukturwandel ab. Nach ihrer Darstellung fließen die Fördermittel überwiegend an staatliche Institutionen und dienten vor allem der Beseitigung früherer Infrastrukturdefizite, etwa bei Straßen und Kindergärten. Die AfD fordert eine stärker wachstumsorientierte Regionalpolitik und kritisiert den geplanten Kohleausstieg 2038 sowie mögliche Diskussionen über einen vorgezogenen Ausstieg.

Für „LauTra“ bleibt damit vieles sehr konkret: Welche Pflanze wächst wo? Welche Anlage kann das Material verarbeiten? Wer kauft am Ende die Platte, das Formteil oder die Verpackung – und wer nimmt die Faser danach wieder zurück? In der Lausitz wird aus diesen Fragen gerade ein Forschungsprojekt. Auf den Äckern ist davon zunächst wenig zu sehen. Aber irgendwann müsste man es an den Hallentoren merken.