900 Euro fürs Studium, zehn Jahre für Bebra: Wie Lara Berge Landärztin werden will
Berlin war für Lara Berge erst einmal der große Aufbruch. Die 24-Jährige wollte Bebra verlassen, die Welt kennenlernen, und zog für ihr Medizinstudium in die Hauptstadt. Heute studiert sie dort im sechsten Semester. Doch dauerhaft in Berlin leben und arbeiten? „Eigentlich hält mich dort nichts“, sagt Berge sinngemäß. Ihr Plan steht deshalb: Nach dem Studium geht es zurück in die Heimat.
Seit Anfang 2026 ist dieser Weg auch finanziell abgesichert. Nach bestandenem Physikum bewarb sich Berge erfolgreich um das Medizin-Stipendium des Landkreises Hersfeld-Rotenburg – als erste Stipendiatin des Programms. Monatlich erhält sie 900 Euro, die sie für Studiengebühren und einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten verwendet. Der Ort, an dem diese Geschichte ihren Ausgang nimmt und wohin sie führen soll: Bebra. Der Rahmen: Med Berlin.
900 Euro im Monat, dafür mehrere Jahre in der Region
Das Landkreis-Stipendium richtet sich an Studierende mit regionalem Bezug, die den ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung bestanden haben. Nach der Auswahl durch ein Gremium wird die Förderung für maximal acht Semester beziehungsweise bis zum Ende der Regelstudienzeit gezahlt. Im Gegenzug verpflichten sich die Stipendiatinnen und Stipendiaten, ihre Facharztweiterbildung im Landkreis zu absolvieren und anschließend vier Jahre lang als Haus- oder Fachärztin beziehungsweise Haus- oder Facharzt in der Region zu arbeiten.
Für Berge bedeutet das: Nach dem Studium muss sie ihre Facharztausbildung in Bebra machen. Danach folgen die verpflichtenden Berufsjahre. Je nach Dauer der Weiterbildung ergibt sich eine Gesamtbindung von ungefähr zehn Jahren. Mit 24 Jahren einen solchen Vertrag zu unterschreiben, findet sie selbst ungewöhnlich. Andererseits wollte sie ohnehin zurück. Das Stipendium sei für sie deshalb nicht der Grund für die Rückkehr, sondern finanzielle Unterstützung auf dem Weg dorthin.
Das Programm geht auf einen einstimmigen Beschluss des Kreistags zurück. Ursprünglich hatte der Landkreis die Bewerbungsphase verlängert, weil sich zunächst keine jungen Medizinerinnen und Mediziner beworben hatten. Ziel ist, angehende Ärztinnen und Ärzte in der Region zu halten, dem Ärztemangel im ländlichen Raum entgegenzuwirken und vor allem die hausärztliche Versorgung langfristig zu sichern.
Der Wunsch entstand schon in der Kindheit
Ärztin werden wollte Berge schon als Kind. Ihre Mutter arbeitete zunächst als Arzthelferin und später als Pharmareferentin. So bekam die Tochter früh mit, wie Praxisalltag riecht, klingt und funktioniert – zwischen Telefonklingeln, Gesprächen und dem schnellen Griff nach der richtigen Akte. Prägend war außerdem die Begegnung mit der Rotenburger Ärztin Dr. Sybille Totzke. Deren Umgang mit Patienten beeindruckte Berge.
Ihr Weg ins Studium verlief trotzdem nicht schnurgerade. Berge hatte bereits vor dem Neustart in Berlin Medizin studiert und einen Bachelor of Medicine erworben. Dann ging ihre damalige private Universität insolvent. Das Studium musste sie neu organisieren. Ein Wechsel an eine niederländische Universität wäre möglich gewesen, hätte aber zusätzlichen Aufwand bedeutet. Also entschied sie sich für Berlin.
Bürgermeister Stefan Knoche wusste von Berges Wunsch, eines Tages nach Bebra zurückzukehren. Frühere Überlegungen, sie dabei zu unterstützen, waren an fehlenden Möglichkeiten gescheitert. Mit dem Stipendium gibt es nun ein konkretes Instrument – und für Berge monatlich 900 Euro weniger Druck im ohnehin teuren Studienalltag.
Langfristig möchte sie eine eigene kleine Praxis führen. Sie will Patienten, die sie bereits kennt, über Jahre begleiten, Vertrauen aufbauen und sich Zeit nehmen. Gerade auf dem Land ist das nicht selbstverständlich: Der Ärztemangel und die hohe Auslastung vieler Praxen führen dazu, dass persönliche Gespräche mitunter knapp ausfallen. Bis zum eigenen Wartezimmer dauert es allerdings noch. Erst kommen Studium, Facharztweiterbildung und die vorgeschriebenen Berufsjahre in der Region.
Auch wenn sich ihr persönliches Leben oder das Gesundheitssystem verändern sollten, hält Berge an ihrem Vorhaben fest. Sie will nach Bebra zurückkehren und die medizinische Versorgung dort mitgestalten.
Warum auf dem Land Praxen fehlen
Die Lage, in die Berge später hineinwachsen möchte, ist angespannt. Auf dem Land werden die Wege zu Hausarztpraxen länger, frei werdende Praxen finden häufig keine Nachfolger. Viele Landärztinnen und Landärzte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig arbeiten Nachwuchsärzte häufiger in Teilzeit und in Anstellung, statt eine eigene Praxis zu übernehmen.
Dazu kommen praktische Fragen, die in einer Großstadt leichter zu lösen sind: In ländlichen Regionen gibt es teils weniger Infrastruktur, weniger Arbeitsplätze für Partner und weniger Angebote zur Kinderbetreuung. Die Bevölkerung auf dem Land wird außerdem älter und benötigt mehr medizinische Versorgung. Für landwirtschaftliche Familien sind erreichbare Hausarztpraxen etwa für Vorsorge, die Behandlung kleinerer Verletzungen und ärztliche Bescheinigungen für die Betriebshilfe wichtig.
Das Hersfeld-Rotenburg-Stipendium ist dabei nur ein Baustein. Mehrere Bundesländer reservieren über die Landarztquote einen Teil ihrer Medizinstudienplätze für Bewerberinnen und Bewerber, die sich verpflichten, nach Studium und Weiterbildung zur Fachärztin oder zum Facharzt für Allgemeinmedizin meist zehn Jahre in einer unterversorgten oder gefährdeten Region zu arbeiten. Nordrhein-Westfalen führte die Quote 2019 als eines der ersten Länder ein; inzwischen nutzen sie die Mehrheit der Bundesländer.
Für die Auswahl zählen neben der Abiturnote auch Tests, Auswahlgespräche und Berufserfahrung im Gesundheitswesen. Wer die Verpflichtung nicht erfüllt, muss mit einer hohen Vertragsstrafe rechnen. Die lange Ausbildungsdauer macht die Wirkung allerdings zu einer Sache für später. Befürworter sehen die Quote als verlässlichen Baustein, Kritiker bemängeln die frühe Bindung an einen beruflichen Lebensweg. Ein bisschen Bauchweh bleibt da schon.
Mehr als Stipendien: neue Wege zur Versorgung
Kassenärztliche Vereinigungen, Länder und Kommunen fördern Niederlassungen in unterversorgten Gebieten unter anderem mit Zuschüssen zur Praxisgründung oder -übernahme, Umsatzgarantien und Sicherstellungszuschlägen. Auch Stipendien für Medizinstudierende mit Interesse an einer ländlichen Region gehören dazu. Gemeinden stellen teilweise Praxisräume bereit und helfen bei der Wohnungssuche oder bei der Suche nach einem Arbeitsplatz für die Partnerin oder den Partner.
Medizinische Versorgungszentren und Gemeinschaftspraxen bieten Anstellung, geteilte Dienste und ein geringeres unternehmerisches Risiko. Bei Zweigpraxen und lokalen Sprechstunden kommen Ärztinnen und Ärzte aus Kreisstädten an bestimmten Tagen in umliegende Dörfer. Qualifizierte medizinische Fachangestellte können Hausbesuche und Routineaufgaben übernehmen. Videosprechstunden, telemedizinische Konsile und elektronische Rezepte sparen Wege – eine körperliche Untersuchung ersetzen sie aber nicht immer.
Auch kommunale Gesundheitszentren gehören zu den diskutierten Lösungen. Dort arbeiten Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten unter einem Dach zusammen. Für Patienten, die einen Termin brauchen, vermitteln die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen unter 116 117 Haus- und Facharzttermine. Außerhalb der Sprechzeiten ist die Nummer der ärztliche Bereitschaftsdienst. In Notfällen gilt 112.
Landwirte und Familien können eine feste Hausarztpraxis wählen, auch wenn sie selten krank sind, und Vorsorgetermine in ruhigere Zeiten des Arbeitsjahres legen. Für Folgetermine und Beratungen kann sich eine Videosprechstunde anbieten. Erste-Hilfe-Kenntnisse im Betrieb sollten regelmäßig aufgefrischt werden; Medikamentenplan und Notfallinformationen gehören griffbereit ins Haus.
Weitere Informationen bieten unter anderem Studis Online, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und das Bundesgesundheitsministerium. Lara Berge wird derweil weiter in Berlin studieren. Danach wartet Bebra – mit Facharztweiterbildung, vier Pflichtjahren und irgendwann vielleicht einer kleinen Praxis, in der sie für ihre Patienten tatsächlich Zeit hat.
