Aachens Wirtschaft zwischen Konjunkturflaute und industrieller Transformation
Die Wirtschaft in der Region Aachen kommt nicht recht vom Fleck. Das zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage der IHK Aachen, für die 334 Unternehmen mit mehr als 30.000 Beschäftigten aus der Städteregion Aachen sowie den Kreisen Düren, Euskirchen und Heinsberg befragt wurden. Die IHK führte die Erhebung gemeinsam mit den Vereinigten Industrieverbänden von Düren, Jülich, Euskirchen und Umgebung durch.
Nur jedes vierte Unternehmen bewertet seine Geschäftslage als gut, ebenso viele als schlecht. Der Saldo der aktuellen Geschäftslage sank auf +3 Punkte; der langjährige Durchschnitt liegt bei +26 Punkten. Die Ertragslage blieb nahezu auf dem niedrigen Niveau des Frühjahrs. Für die Zukunft erwarten die Unternehmen mehrheitlich eine weitere Verschlechterung. Seit 2022 sind die Erwartungen damit zum achten Mal in Folge pessimistisch.
Industrie unter Druck, Dienstleistungen mit etwas Rückenwind
Besonders angespannt ist die Lage in der Industrie. 21 Prozent der Unternehmen bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als gut, rund ein Drittel als schlecht. Bei 55 Prozent sanken die Umsätze, nur 23 Prozent meldeten Zuwächse. Die Auslastung der Produktionskapazitäten ging von 79 auf 77 Prozent zurück; der langjährige Durchschnitt liegt bei 80,7 Prozent.
Auch bei den Aufträgen wird es dünner: Bei vier von zehn Unternehmen gingen die Auftragseingänge zurück. Die Exportumsätze sanken bei 57 Prozent und stiegen bei 20 Prozent der Betriebe. Auslandsaufträge gingen bei 38 Prozent zurück, während 20 Prozent mehr meldeten. Für die kommenden Monate rechnen 30 Prozent mit einer sinkenden und 20 Prozent mit einer steigenden Auslandsnachfrage.
Viele Industriebetriebe halten Investitionen zurück. Hohe Energiepreise, eine hohe Bürokratielast, steigende Arbeitskosten, Fach- und Arbeitskräftemangel, eine schwache Inlandsnachfrage und wirtschaftspolitische Unsicherheit machen ihnen zu schaffen. Schwierige Entwicklungen auf den Exportmärkten kommen obendrauf – und treffen die Industrie besonders, weil viele Unternehmen auf internationalen Handel angewiesen sind.
Jedes neunte Industrieunternehmen plant, die Produktion im Ausland auszubauen oder dorthin zu verlagern und zugleich in Deutschland zu reduzieren. Weitere 5 Prozent wollen ihre Auslandsproduktion erhöhen, ohne die Produktion in Deutschland zu verändern. Damit engagiert sich etwa jedes sechste Industrieunternehmen stärker im Ausland als im Inland. 11 Prozent haben Kurzarbeit angemeldet, weitere 9 Prozent rechnen kurzfristig damit.
Etwas freundlicher sieht es bei den Dienstleistungen aus. Dort berichten 38 Prozent von guten und 11 Prozent von schlechten Geschäften. Bei 44 Prozent stiegen die Umsätze, bei etwa einem Viertel gingen sie zurück. Seit dem Frühjahr hat sich die Lage leicht verbessert – als einziger Sektor meldeten Dienstleistungsunternehmen mehrheitlich eine Verbesserung.
Auch das Baugewerbe kommt vergleichsweise gut zurecht: 45 Prozent bewerten ihre Geschäftslage als gut, 5 Prozent als schlecht. Damit weist der Sektor weiterhin die beste Lagebewertung auf. Steigende Zinsen und Rohstoffpreise belasten zwar, doch Tiefbau und Bauinstallationen berichten überwiegend von positiven Geschäften. Hochbau und Projektentwicklung schneiden schlechter ab.
Im Handel bleibt die Stimmung überwiegend negativ. Insgesamt melden 18 Prozent gute und etwa ein Drittel schlechte Geschäfte. Im Großhandel sind nur 9 Prozent zufrieden, 41 Prozent unzufrieden. Der Einzelhandel wirkt deutlich stabiler: 39 Prozent melden gute, 17 Prozent schlechte Geschäfte.
Stadt Aachen als Ausnahme
Die regionale Landkarte ist nicht einfarbig. Die Stadt Aachen ist die einzige Teilregion mit positiver Geschäftslage und optimistischen Aussichten: 39 Prozent melden gute, 12 Prozent schlechte Geschäfte. 21 Prozent erwarten eine positive Entwicklung, 14 Prozent eine negative.
In der übrigen Städteregion Aachen bleibt die Lage angespannt. Dort sind 15 Prozent zufrieden und 36 Prozent unzufrieden; nur 10 Prozent rechnen mit einer Verbesserung, 37 Prozent mit einer Verschlechterung. Im Kreis Düren melden 32 Prozent gute und 29 Prozent schlechte Geschäfte. 18 Prozent erwarten bessere, 35 Prozent schlechtere Zeiten.
Im Kreis Euskirchen stehen 15 Prozent zufriedenen Unternehmen 28 Prozent unzufriedene gegenüber. 11 Prozent rechnen mit besseren, 35 Prozent mit schlechteren Geschäften. Der Kreis Heinsberg fällt etwas ausgewogener aus: 34 Prozent bewerten die Lage positiv, 21 Prozent negativ. 22 Prozent erwarten eine Verbesserung, 21 Prozent eine Verschlechterung; insgesamt wird dort keine Veränderung erwartet.
IHK-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer fordert laut Antenne AC weniger Bürokratie, verlässliche Regeln und schnellere öffentliche Investitionen in die Infrastruktur. Klingt nüchtern, ist für Betriebe aber keine Nebensache, wenn Entscheidungen über Maschinen, Standorte oder Personal anstehen.
Zurückhaltung bei Investitionen und Personal
Bei den Erträgen ist die Stimmung ebenfalls gedämpft. 42 Prozent melden sinkende Erträge, 21 Prozent steigende. Der Ertragssaldo stieg geringfügig auf –21 Punkte, blieb damit aber deutlich negativ. 23 Prozent erwarten steigende Investitionen, 21 Prozent wollen ihre Ausgaben senken. Jeder achte Betrieb plant keinerlei Investitionen. Die Investitionsabsichten stagnieren seit zwei Jahren.
Für die kommenden Monate wird insgesamt keine Veränderung der Beschäftigtenzahlen erwartet. 20 Prozent rechnen mit mehr Beschäftigten, etwas mehr mit einem Rückgang. Damit sind die Erwartungen erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie überwiegend negativ.
Wo eingestellt wird, werden vor allem praktisch und fachlich qualifizierte Menschen gesucht: 51 Prozent der Betriebe mit Einstellungsplänen suchen Mitarbeitende mit dualer Berufsausbildung, 42 Prozent Fachwirte, Meister oder andere Weiterbildungsabsolventen. 41 Prozent suchen Fach- oder Hochschulabsolventen, 38 Prozent Schulabgänger oder Auszubildende und etwa ein Drittel Mitarbeitende ohne abgeschlossene Berufsausbildung.
Die Arbeitslosenquote in der Region Aachen sank seit dem Frühjahr auf 6,7 Prozent. Sie liegt damit über dem Bundeswert von 6,0 Prozent, aber unter dem NRW-Wert von 7,6 Prozent. Der Rückgang wird vor allem auf arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in der Städteregion Aachen zurückgeführt, die die Integration von Langzeitarbeitslosen verbessern sollen. Wie sich die Zahlen nach dem Ende dieser Maßnahmen entwickeln, bleibt abzuwarten.
Ein Jahrzehnt voller Brüche
Die Zahlen aus Aachen passen in ein größeres Bild. Das IW-Regionalranking ermöglicht erstmals eine konsistente Zehnjahres-Retrospektive für den Zeitraum 2016–2026. Untersucht wird, wie Regionen unter zunehmend schwierigen Bedingungen wirtschaftlichen Erfolg und Dynamik entwickeln konnten.
Auf mehrere Jahre stabilen Wachstums folgte ab Ende der 2010er-Jahre ein schwierigeres Umfeld. Zu Beginn der 2020er-Jahre verdichteten sich die Belastungen zu einem „Krisenjahrzehnt“: Mehrjährige Konjunkturschwächen, eine industrielle Rezession und strukturelle Veränderungen in Wertschöpfungsnetzwerken fielen zeitlich zusammen. Die Corona-Pandemie destabiliserte wirtschaftliche Strukturen vorübergehend, beschleunigte zugleich aber Digitalisierung und neue Arbeitsformen.
Hinzu kommt der Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Das Pariser Klimaabkommen von 2015 sowie verschärfte europäische und nationale Klimapolitik leiteten einen langfristigen Transformationsprozess ein. Energieintensive und industriell geprägte Regionen stehen dadurch vor grundlegenden Anpassungen. Die Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine verschärfte bestehende Probleme; die Schließung der Straße von Hormus erhöht den Anpassungsdruck zusätzlich.
Geopolitische Spannungen und zunehmende Deglobalisierung verändern internationale Wertschöpfungsketten. Produktionsmodelle orientieren sich neben Effizienz zunehmend an Resilienz, Stabilität und Sicherheit. Für Aachener Industriebetriebe, deren Geschäfte stark vom Ausland abhängen, ist das keine ferne Debatte, sondern landet ziemlich direkt in Auftragsbüchern und Investitionsplänen.
Parallel verändert der demografische Wandel die regionalen Arbeitsmärkte. Die erwerbsfähige Bevölkerung altert, Fachkräfteengpässe und internationale Migration prägen die Beschäftigung. Die industrielle Transformation erzeugt erheblichen Bedarf an Up- und Re-Skilling. Regionen unterscheiden sich darin, Arbeitskräfte zu gewinnen, zu integrieren und langfristig zu binden.
Das IW-Regionalranking betrachtet deshalb aktuelle besonders erfolgreiche Regionen ebenso wie jüngere Entwicklungsverläufe, Wachstumsimpulse, langfristige Entwicklungsniveaus und unterschiedliche Entwicklungspfade. Im Mittelpunkt stehen außerdem die Faktoren erfolgreicher Regionalentwicklung – also die Frage, wie Regionen Unsicherheit bewältigen, strukturelle Veränderungen gestalten und vorhandene Potenziale
