Ärztemangel: Wachsen der ambulanten Versorgung trotz sinkender Praxen?
Die Herausforderung des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen nimmt in Deutschland an Dringlichkeit zu. Eine aktuelle Studie der Universität Witten/Herdecke hat entdeckt, dass eine zunehmende Zahl von Absolvent:innen dieser Einrichtung sich in eigener Praxis niederlässt und zudem häufig in leitenden Positionen in Krankenhäusern arbeitet. Dies steht im Kontrast zu einem bundesweiten Trend, der zeigt, dass immer weniger Mediziner:innen diesen Schritt wählen, während der Bedarf an ambulanter Versorgung gleichzeitig weiter wächst.
Die Alumni-Tracking-Studie der UW/H fokussierte sich auf die Karrieren von 333 Mediziner:innen der Jahrgänge 1999 bis 2008. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: 49,7 Prozent der UW/H-Absolvent:innen arbeiten in der ambulanten Versorgung, wobei 41,1 Prozent sogar eine eigene Praxis führen. Zum Vergleich: Der bundesweite Durchschnitt in der ambulanten Versorgung liegt lediglich bei 24,4 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Universität durch frühe Praxiserfahrungen und intensive Einbindung in die ambulante Versorgung eine entscheidende Rolle spielt.
Geografische Verteilung und der „Klebeeffekt“
Ein zusätzliches Augenmerk der Studie liegt auf dem sogenannten „Klebeeffekt“. Dieser beschreibt die Tendenz von Absolvent:innen, in der Nähe ihres Ausbildungsortes zu arbeiten. Die Dichte der UW/H-Absolvent:innen innerhalb eines Radius von sechs Kilometern rund um die Universität ist 207-mal höher als statistisch erwartet. Dieser Effekt bleibt bis zu einer Entfernung von etwa 30 Kilometern erkennbar und legt die Basis für zukünftige Untersuchungen zur Wirkung von Ausbildungsstandorten auf die regionale ärztliche Versorgung.
Trotz der positiven Entwicklung an der UW/H warnt das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) in einem Gutachten, das im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) erstellt wurde, vor einem umfassenden Fachkräftemangel. Bis 2035 wird nur ein Zuwachs von etwa 15.400 Ärzt:innen prognostiziert, was lediglich einer Steigerung von 8 Prozent entspricht. Zudem wird das Wachstum der examinierten Pflegekräfte auf 32.100, und von Kinderkrankenpflegekräften sogar auf 9.100 (20 Prozent) geschätzt. Der Zuwachs wird jedoch geringer ausfallen als in den vergangenen Jahren.
Herausforderungen und Lösungen
Eine zentrale Problematik stellt die hohe Anzahl an Teilzeitbeschäftigten im Gesundheitswesen dar. Diese Tendenz könnte die erhofften Personalzuwächse zunichtemachen. Darüber hinaus wird auf die Notwendigkeit verwiesen, die Bürokratie im Gesundheitswesen zu reduzieren. Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der DKG, hebt die dringende Erfordernis der Entbürokratisierung hervor. Eine solche Maßnahme könnte die Arbeitskraft von bis zu mehreren zehntausend Fachkräften freisetzen, was einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten könnte.
Die Problematik wird weiter verstärkt durch eine prognostizierte Zunahme an altersbedingten Ausstiegen ab 2025, die die Berufseintritte übersteigen werden. Es sind zwar leichte Verbesserungen und steigende Absolventenzahlen nach 2030 zu erwarten, doch die Attraktivität der Berufe im Gesundheitswesen muss dringend gesteigert werden. Nur so können ausreichend Auszubildende und Berufseinsteiger gewonnen werden, um der Versorgung im Gesundheitswesen gerecht zu werden.
Die Erkenntnisse der UW/H und die Herausforderungen, die durch die DKI-Studie aufgezeigt wurden, verdeutlichen die Notwendigkeit eines umfassenden Ansatzes zur Sicherstellung einer adäquaten medizinischen Versorgung in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf die ambulante Versorgung.
