In Magdeburg richtet sich heute, am 6. Oktober 2026, der Blick auf den Landtag von Sachsen-Anhalt: Die AfD und das BSW wollen Tobias Rausch zum Präsidenten wählen. Der 35-Jährige ist bislang außerhalb Sachsen-Anhalts wenig bekannt. Am Dienstag könnte er dennoch das höchste Amt im Landesparlament übernehmen.

Die AfD verfügt über 39 Stimmen, die fünf Abgeordneten des BSW wollen ebenfalls zustimmen. Bei der Landtagswahl Anfang September kam die AfD auf 43,8 Prozent und verfehlte damit die absolute Mehrheit. Weil der Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, wäre seine Führung des Landtagspräsidiums ein politischer Einschnitt: Rausch wäre der erste AfD-Landtagspräsident in Deutschland.

Das BSW will ein Zeichen setzen

BSW-Fraktionsvorsitzender Thomas Schulze bekräftigte am Montag, die AfD stelle als stärkste Kraft den Anspruch auf das Amt. Die Wahl solle ein Zeichen für die Achtung parlamentarischer Gepflogenheiten sein. Die AfD sei mit knapp 44 Prozent stärkste Kraft geworden, laut Geschäftsordnung stehe ihr deshalb die Position des Landtagspräsidenten zu. Eine „Brandmauer“ gegen die AfD lehnt Schulze ab und spricht von einem neuen Politikstil.

SPD, Grüne und Linke lehnen Rauschs Wahl ab und kritisieren die Entscheidung des BSW. Grünenpolitikerin Susan Sziborra-Seidlitz warf dem BSW vor, einerseits mit Demokraten zusammenzuarbeiten und andererseits der AfD zur Macht zu verhelfen. Grünen-Bundesparteichef Felix Banaszak bezeichnete die erwartete Wahl als Zäsur. Er sagte, erstmals seit 1945 werde ein Rechtsextremer an der Spitze eines deutschen Parlaments stehen. Das BSW sei von einer Wahlalternative zur AfD zu einer Wahlinitiative für die AfD geworden.

Der CDU-Landesvorstand empfahl seinen Abgeordneten, sich zu enthalten. CDU-Landeschef und Fraktionschef Sven Schulze begründete das damit, dass AfD und BSW gemeinsam über eine Mehrheit verfügten und es auf CDU-Stimmen nicht ankomme. Für die Vizepräsidentenposten wollen SPD und CDU Armin Willingmann beziehungsweise Carsten Borchert ins Rennen schicken. Willingmann ist Wissenschaftsminister, Borchert Bildungspolitiker.

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Wer Tobias Rausch ist

Tobias Rausch wurde am 28. November 1990 in Mellrichstadt in Unterfranken geboren und wuchs in Staßfurt beziehungsweise im Salzlandkreis auf. Sein Vater Daniel Rausch ist ebenfalls AfD-Abgeordneter im Landtag von Sachsen-Anhalt. Tobias Rausch absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, anschließend von 2010 bis 2013 eine Ausbildung zum Immobilienkaufmann. Seit 2014 arbeitet er als Unternehmer in der Immobilienbranche und ist Geschäftsführer einer Immobilienfirma in Hecklingen.

Seit 2013 ist Rausch AfD-Mitglied und Gründungsmitglied des AfD-Kreisverbands Salzlandkreis. Innerhalb der Partei war er Landesjugendbeauftragter und stellvertretender Landesvorsitzender im AfD-Landesvorstand. Nach innerparteilichen Zerwürfnissen im Landesverband Sachsen-Anhalt ernannten ihn AfD-Bundesvorstand und Bundesschiedsgericht 2014 zum kommissarischen Landesvorsitzenden.

Ebenfalls 2014 wurde Rausch in den Stadtrat von Staßfurt gewählt. Dort bildet er mit der Unabhängigen Wählergemeinschaft Salzland eine Fraktion. Bei der Landtagswahl 2016 zog er in den Landtag von Sachsen-Anhalt ein; in der AfD-Landtagsfraktion wurde er zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt und im Dezember 2016 im Amt bestätigt. Bei den Kommunalwahlen 2019 kam er in den Kreistag des Salzlandkreises und wurde Vorsitzender der AfD-Kreistagsfraktion.

2021 trat Rausch erneut als Direktkandidat im Wahlkreis Schönebeck an, zog aber über Platz 5 der AfD-Landesliste in den Landtag ein. Im selben Jahr wurde er zum Parlamentarischen Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion gewählt. Bei der Landtagswahl 2026 gewann er im Wahlkreis Schönebeck mit 48,2 Prozent das Direktmandat; nach der Wahl wurde er als Parlamentarischer Geschäftsführer bestätigt. Die AfD-Fraktion nominierte ihn einstimmig für das Amt des Landtagspräsidenten.

Der freundliche Kandidat – und seine politischen Positionen

AfD-Co-Fraktionschef Ulrich Siegmund, ein Vertrauter Rauschs, stellte ihn in einem Werbeclip als umgänglichen und repräsentativen Kandidaten dar. Die Partei präsentiert Rausch als vermittelbar. Er fällt weniger durch persönliche Beschimpfungen auf als andere Parteimitglieder. Seit Jahren trägt er jedoch den politischen Kurs des als rechtsextrem eingestuften Landesverbands mit.

Im Landtag bezeichnete Rausch die etablierten Parteien als verantwortlich für die „dümmste Energieversorgung der Welt“. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisiert er ebenfalls. Einen „zwangsfinanzierten Gebührenrundfunk“ lehnt er ab und fordert die Kündigung des Medienstaatsvertrags.

Rausch selbst kündigte einen ausgleichenden Führungsstil an. Er wolle die Interessen aller berücksichtigen und eine Diskussionskultur fördern, die „hart in der Sache, aber fair in der Person“ sei. Linken-Fraktionschefin Eva von Angern verwies dagegen auf seine langjährige Landtagszugehörigkeit und mehrere Ordnungsrufe. Rausch habe sich wiederholt, teils lautstark, mit der damaligen Landtagsvizepräsidentin Anne-Marie Keding persönlich auseinandergesetzt. Von Angern bezweifelt deshalb, dass er allen Abgeordneten wertschätzend begegnen und das Amt angemessen ausüben könne.

SPD-Fraktionsvorsitzende Katja Pähle äußerte ebenfalls Zweifel, ob Rausch die Rechte aller Parlamentarier achten werde. Außerdem könne es Schwierigkeiten geben, falls er gleichzeitig Landtagspräsident und Generalsekretär der AfD in Sachsen-Anhalt bleibe. AfD-Co-Fraktionschef Siegmund sprach hingegen von einem „historischen Tag“. Der AfD sei in den vergangenen fünf Jahren der Posten des Landtagsvizepräsidenten verweigert worden.

Vorwürfe aus Partei und Umfeld

Rausch war Mitglied einer parteiintern „Pokerrunde“ genannten Gruppe um Ulrich Siegmund. Innerhalb der AfD wurden gegen ihn Vorwürfe der Vetternwirtschaft erhoben. Drei Geschwister sollen bei der AfD-Bundestagsabgeordneten Claudia Weiss beschäftigt gewesen sein. Sein Schwager soll im Bundestagsbüro des AfD-Abgeordneten Thomas Korell angestellt gewesen sein, einer seiner Brüder zusätzlich in Rauschs Immobilienfirma gearbeitet haben.

Im Bundestagswahlkampf 2025 soll Rausch für mehr als 40.000 Euro Plakate für einen Konkurrenten des offiziellen AfD-Kandidaten Kay-Uwe Ziegler organisiert haben. Auch seine spätere Ehefrau Lisa Lehmann nahm Rausch mehrfach auf Delegationsreisen mit. Lehmann war ab Juli 2023 Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro des Landtagsabgeordneten Oliver Kirchner, in der Jungen Alternative aktiv und zuvor Partnerin des früheren Landesvorsitzenden André Poggenburg. Später wurde sie zusätzlich in der AfD-Landtagsfraktion beschäftigt.

Nach den Angaben erhielt Lehmann monatlich rund 520 Euro für fünf Arbeitsstunden bei Kirchner sowie 6.000 Euro brutto als Bürokauffrau aus dem Fraktionsetat. 2022 reiste sie mit Rausch und dem Europaausschuss nach Armenien. Rausch und Lehmann heirateten im Oktober 2025. Im Dezember 2025 nahm er sie auf eine AfD-Delegationsreise nach New York und Washington mit.

Teile der AfD-Basis warfen Rausch vor, durch Schweigen und Druck auf Kritiker die Aufklärung der Vorwürfe zu behindern. AfD-Bundeschef Tino Chrupalla bezeichnete die Praxis als problematisch, aber rechtlich zulässig. Rausch und Claudia Weiss wiesen die Vorwürfe zurück. Laut Mitteldeutscher Zeitung beschäftigte Rausch außerdem vier Spieler des SV 09 Staßfurt in seinem Abgeordnetenbüro. Rausch ist Vorsitzender des Vereins.

Ein Test für Magdeburg

Die geplante Zusammenarbeit von AfD und BSW gilt in Magdeburg als Test für gemeinsame Absprachen. Nach der Wahl könnten beide Parteien unter einer AfD-geführten Minderheitsregierung gemeinsame Sachprojekte umsetzen. Ob aus dem heutigen Schulterschluss mehr wird, lässt sich am Wahltag noch nicht ablesen. Das politische Signal ist trotzdem deutlich.

Als möglichen Stellvertreter will die AfD Hans-Thomas Tillschneider vorschlagen. Der Beschluss sei