Vor 200 Jahren verband der jüdische Arzt, Pädagoge, Kunstsammler und Bildungsreformer Alexander Haindorf in Münster Bildung mit einer gesellschaftlichen Vision. Aus einem 1825 gegründeten Verein gingen eine Schule, ein Lehrerseminar und die Förderung jüdischer Handwerksausbildung hervor. Bildung sollte Jüdinnen und Juden gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung ermöglichen.

Die Universität Münster nimmt dieses Kapitel am 15. und 16. Oktober 2026 bei einem Symposium mit dem Titel „200 Jahre Emanzipation durch Bildung – Alexander Haindorf und seine Vision“ in den Blick. Organisiert wird die Veranstaltung vom Antisemitismusbeauftragten der Universität Münster. Das Programm gehört zur Kategorie „Konferenzen und Kongresse“ und läuft an beiden Tagen jeweils von 09:30 bis 15:00 Uhr.

Eine Schule, die Religionen zusammenbringen sollte

Haindorf bezeichnete sein Ziel als „Amalgamierung“. Jüdische Traditionen sollten mit einer von ihm als christlich und deutsch verstandenen bürgerlichen Kultur verbunden werden. Dahinter steckt eine Frage, die auch heute nicht glatt beantwortet werden kann: Bedeutete Emanzipation vor allem Begegnung und gegenseitige Bereicherung – oder zugleich Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft?

Alexander Haindorf wurde 1784 geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er bei seinen Großeltern mütterlicherseits in Hamm auf. Der jüdische Gemeindevorsteher Anschel Hertz erkannte seine Begabung und förderte ihn. Haindorf studierte Medizin, Psychologie, Philosophie und Geschichte und entwickelte sich zum Universalgelehrten.

1810 habilitierte er sich, ein Jahr nach seiner Promotion, mit einer Arbeit über die „Pathologie und Therapie der Gemüts- und Geisteskrankheiten“. Eine Professur blieb ihm dennoch verwehrt, weil laut damaliger Akademie bislang kein Jude an eine deutsche Universität berufen worden war. Die Akademie war 1810 zur Universität Münster herabgestuft worden.

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Danach setzte sich Haindorf für bessere Bildungs- und Aufstiegschancen von Juden ein. Am 17. Oktober 1825 reichte er die Vereinsstatuten bei der Bezirksregierung Münster ein, die Genehmigung erfolgte am 17. November. Am 28. November 1825 wurde die Marks-Haindorf-Stiftung als Verein gegründet.

Vorgesehen waren die Förderung von Handwerken unter Juden, eine Schule für arme und verwaiste Kinder, die Ausbildung jüdischer Schullehrer, die Verbesserung des jüdischen Bildungswesens in Westfalen, die bürgerliche und staatsrechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung sowie allgemeine Menschenbildung. Haindorf kündigte eine unentgeltliche Schule und ein Lehrerseminar an. Er orientierte sich am Philanthropismus und gilt als früher Vertreter des Reformjudentums.

Im Frühjahr 1826 eröffnete die jüdische Elementarschule am Kanonengraben in Münster. Zunächst nahm sie Kinder verschiedener Glaubensrichtungen und sozialer Schichten auf. Jüdische und christliche Lehrkräfte unterrichteten gemeinsam, Unterrichtssprache war Deutsch. Der Religionsunterricht blieb getrennt: Jüdische Schüler erhielten jüdischen, protestantische Schüler protestantischen und katholische Schüler katholischen Religionsunterricht. Hebräisch konnte als Wahlfach belegt werden.

Haindorf verband die Pflege der eigenen Religion mit gegenseitigem Respekt. 1826 wurde der Zuständigkeitsbereich auf Vorschlag des Oberpräsidenten Ludwig von Vincke auf die Rheinprovinz erweitert. Der Verein hieß nun „Verein für Westfalen und Rheinprovinz zur Bildung von Elementar-Lehrern und Beförderung von Handwerkern unter den Juden“.

Vom privaten Verein zur Stiftung

Als private Initiative durfte der Verein zunächst keine öffentlichen oder privaten Spenden annehmen. Haindorf bemühte sich deshalb zehn Jahre lang um die staatliche Anerkennung der Schule. 1839 wurde sie erteilt, maßgeblich unterstützt durch eine Spende von 25.000 Talern von Elias Marks. Die Schule wurde als jüdische Schule eingetragen; Kinder anderer Konfessionen durften danach nicht mehr aufgenommen werden.

Laut einem Bericht der Bezirksregierung Münster war sie bereits 1830 die bedeutendste israelitische Schule im Münsterland. Schrittweise entwickelte sie sich zu einer Mittel- beziehungsweise höheren Stadtschule. Wegen ihres überdurchschnittlichen Bildungsstandards genoss sie auch in der christlichen Bürgerschaft Münsters einen guten Ruf. Private Finanzierung ermöglichte den Lehrern vergleichsweise sichere Stellen, denn der Schulbetrieb war nicht unmittelbar vom Gemeindeleben abhängig.

Das Seminar und die Stiftung wurden nach Alexander Haindorf und seinem Schwiegervater Elias Marks benannt. Zu den Schülern gehörte Salomon Blumenau. Nach Haindorfs Tod 1862 übernahm sein Schwiegersohn Jakob Loeb den Vereinsvorsitz. 1866 wurde die Einrichtung unter Loeb in eine Körperschaft öffentlichen Rechts umgewandelt: die Marks-Haindorf’sche Stiftung.

Jakob Loewenberg besuchte das Lehrerseminar von 1870 bis 1873. Später verbreitete er den Stiftungsgedanken in Deutschland als Verbindung jüdischer Tradition mit preußischer Königstreue und deutschem Patriotismus. Felix Coblenz begann 1878 seine Lehrerausbildung am Seminar. Meier Spanier leitete es von 1900 bis 1911.

Es gab auch die kleinen, fast beiläufigen Geschichten: Seminaristen durften kostenlos den Münsteraner Zoo besuchen. Möglich machte das die Verbindung des ehemaligen Stiftungsschülers Eli Marcus mit Zoodirektor Hermann Landois. Ein Gutachten des Oberpräsidiums der Provinz Westfalen bescheinigte der Schule 1905 einen „guten Geist“ sowie die Erziehung zu nationaler und patriotischer Gesinnung.

1901 wurde die Vermittlung von Handwerkslehrstellen eingestellt, weil Naturwissenschaften und Technik an Bedeutung gewannen. Damit entfiel ein ursprünglich in den Statuten verankerter Aufgabenbereich. Gleichzeitig wuchsen die jüdische Gemeinde Münsters und die Schülerzahl. Das Deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. war die letzte Blütezeit der Elementarschule; um 1900 gewann der reformjüdische Ansatz der Stiftung bundesweit an Bedeutung.

Krieg, Verfolgung und ein Haus mit langem Gedächtnis

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 meldeten sich die vier Seminaristen der letzten Klasse freiwillig zum Militär. Julius Kaufmann diente beim Metzer Infanterieregiment Nr. 67 in Münster, Emil Kanowitz beim 8. Husarenregiment in Paderborn. Die beiden anderen Seminaristen wurden anschließend einberufen.

Die Zöglinge der Stiftung zeichneten Kriegsanleihen im Wert von 309.800 Mark. Bei rund 50 Schülern entsprach dies laut Artikel 2,5 Prozent der gesamten Kriegsanleihen der Provinzialhauptstadt. 1926 wurde das Lehrerseminar aufgelöst. 1933 entfielen sämtliche städtischen Zuschüsse.

Im November 1938 wurde die Stiftung durch antisemitische Vandalismusschäden beschädigt. Am 17. Dezember 1938 wurden die staatlichen Subventionen ersatzlos gestrichen. Ab 1939 diente das Gebäude als eines von 14 Münsteraner „Judenhäusern“, in denen Juden vor ihrer Deportation in Vernichtungslager zwangsweise untergebracht wurden. 1940 wurde die Stiftung zwangsweise in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland überführt und hörte auf zu bestehen.

Das Schulhaus überstand den Zweiten Weltkrieg und den antisemitischen Terror. Von 1949 bis 1960 diente es bis zum Neubau der Münsteraner Synagoge als jüdisches Gemeindezentrum. Heute erinnert eine Informationstafel an die Stiftung. Das Jüdische Museum Westfalen erwähnt sie im Zusammenhang mit Haindorfs Lebenswerk; in unmittelbarer Nähe befindet sich die Marks-Haindorf-Stiege.

Gerade deshalb nimmt das Symposium das Haus am Kanonengraben 4 als Ort jüdischer Bildungs-, Verfolgungs- und Erinnerungsgeschichte in den Blick. Auf dem Programm stehen Haindorfs Leben und seine Zeit, seine Bildungsvision, die Geschichte der Marks-Haindorf-Stiftung, Haindorfs Tätigkeit als Sammler und Stifter sowie interkulturelle Bildung in der Gegenwart. Es geht außerdem darum, wie Menschen gesellschaftlich dazugehören können, ohne ihre Unterschiede aufzugeben.

Musik, Museum und der Blick auf die Gegenwart

Am 15. Oktober beginnt um 19:30 Uhr im LWL-Museum für Kunst und Kultur ein Konzertabend; eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Das Ensemble „Mendels Töchter“ spielt Lieder von Erich Mendel (1902–1988). Mendel war Chorleiter, erforschte jüdis