Hamburg, 31. Oktober 2026. Während draußen vielleicht schon die ersten Halloweenkostüme durch die Straßen ziehen, wird in Berlin über Angst, politische Verantwortung und die Frage gestritten, wer die Sicherheit der Stadt garantieren kann. Die Berliner Verkehrsbetriebe werben derweil mit zwei sich umarmenden Männern und dem Satz „Ich küsse deine Augen“ für Berlin als „Stadt der Liebe“ – ausdrücklich in Abgrenzung zu Paris. Im politischen Berlin klingt das derzeit fast wie ein Kommentar zur Lage: Gewalt, Angst und der Nahostkonflikt bestimmen die Debatten.

Die Linke-Politikerin Elif Eralp hatte nach der Berliner Wahl erklärt, Liebe und Gerechtigkeit hätten über Hass gesiegt. Nun geriet die Berliner Linken-Fraktionschefin wegen eines Berichts des „Spiegel“ in die Diskussion. Es geht um interne Anmerkungen zu einem autorisierten Interview, die dem Magazin versehentlich zugeschickt worden sein sollen. Darin wollten Eralp und ihr Mann bestimmte Namen nicht nennen, weil sie Angst vor den betreffenden Personen hätten.

Ein internes Dokument, ein öffentlicher Streit

Laut „Spiegel“ ging es unter anderem um Ibrahim Ibrahim, einen propalästinensischen Aktivisten, dem Verbindungen zur Hamas und Sympathien für Terrorismus vorgeworfen werden. Ibrahim gilt als Aktivist mit Nähe zur Volksfront für die Befreiung Palästinas, der PFLP, die der Verfassungsschutz als Terrororganisation einstuft. Nach der Abgeordnetenhauswahl im September nahm er an einer Wahlparty der Linken Neukölln teil.

Aus den mutmaßlich internen Notizen gehe laut Magazin hervor, dass Eralp Reaktionen Ibrahims oder seiner Unterstützer fürchte. Dem Bericht zufolge schrieb sie: „Ich kann mich und meine Familie nicht für den SPIEGEL in Gefahr bringen.“ Eralp erklärte am Donnerstag, sie wolle sich nicht konkret äußern, weil private und interne Inhalte veröffentlicht worden seien. Zugleich sagte sie, sie wolle als Regierende Bürgermeisterin für die Sicherheit aller Berliner sorgen und konsequent gegen organisierte Kriminalität, Gewalt und Terror vorgehen.

Sie lasse sich von niemandem einschüchtern, betonte Eralp. Sorgen um die eigene Familie seien normal und selbstverständlich. Linken-Co-Fraktionschef Tobias Schulze sagte ebenfalls, Politiker in hervorgehobenen Positionen hätten stets Angst um ihre Familien. Die Darstellung des „Spiegels“ halte seine Partei für nicht redlich. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) kritisierte, durch die Veröffentlichung interner Kommunikation werde gezielt eine Person verletzt, die sich schutzlos fühle und dies intern mitgeteilt habe.

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Ebru Taşdemir kritisierte im „Freitag“, dass der „Spiegel“ die internen Anmerkungen überhaupt veröffentlicht habe. Der Autor des Newsletters hält die Veröffentlichung grundsätzlich für journalistisch vertretbar: Journalisten sollten Informationen auch dann aufdecken, wenn sie ihnen durch ein Versehen zugänglich wurden. Gleichzeitig könne die Darstellung als Teil einer Kampagne gegen eine linke Politikerin mit Migrationshintergrund verstanden werden. Beides steht nebeneinander. Und genau da wird es unangenehm.

Koalitionssuche mit Sicherheitsfrage

Eralp versucht derzeit, mit Grünen und SPD eine von ihr geführte Koalition zu bilden. Die Linke wurde bei der Abgeordnetenhauswahl im September stärkste Kraft und war insbesondere mit der Forderung nach Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen erfolgreich. Einzelne Berliner Linke-Mitglieder stehen allerdings wegen Antisemitismusvorwürfen, Nähe zu radikalen Palästinensergruppen und Kontakten zu kriminellen Clan-Mitgliedern in der Kritik.

Die Grünen sprachen Eralp ihr Vertrauen als mögliche Regierende Bürgermeisterin aus. Grünen-Fraktionschefin Bettina Jarasch erklärte, eine rot-grün-rote Koalition würde die Bekämpfung von Antisemitismus, organisierter Kriminalität und Extremismus zum Schwerpunkt machen.

CDU-Fraktionschef Stefan Evers warf Eralp mangelnde Durchsetzungsfähigkeit in ihrer Fraktion vor. Seit dem „Spiegel“-Artikel sei zudem deutlich, dass sie sich aus politischen und anderen Gründen zurückhalte, sagte Evers. Er stellte infrage, wie Eralp die Sicherheit von Millionen Berlinern gewährleisten wolle, wenn sie selbst Angst vor dem islamistischen Umfeld ihrer Partei habe.

Für den 3. November war bereits ein Gespräch der CDU mit SPD und Grünen geplant. Evers kündigte an, dort auch eine Alternative zu einem linksgeführten Bündnis anzusprechen und Sondierungen vorzuschlagen. SPD-Landeschef Steffen Krach sagte, die CDU habe die SPD nach der Wahl bisher nicht zu Sondierungsgesprächen eingeladen. Eine Einladung sechs Wochen nach der Wahl komme sehr spät. Unter Demokraten müsse man eine solche Einladung annehmen, erklärte Krach, nach seinem Verständnis gehe es bei dem Termin allerdings eher um allgemeine Gespräche.

Berlin müsse den Kampf gegen organisierte Kriminalität in der nächsten Legislaturperiode verstärken, sagte Krach außerdem. Er verwies auf unterschiedliche Auffassungen zwischen SPD und Linken über einen starken Verfassungsschutz und eine starke Polizei. AfD-Fraktionschefin Kristin Brinker erklärte, der „Spiegel“-Bericht zeige, dass das Thema Clan-Verbindungen bei der Linken offenbar über den Fall des Bundestagsabgeordneten Koçak hinausgehe. Sie forderte Grüne und SPD auf, die Koalitionsgespräche umgehend zu beenden.

Angst allein, so der Tenor des Newsletters, müsse nicht gegen eine politische Führungsrolle sprechen. Auch andere Berlinerinnen und Berliner leben mit Sorgen: jüdische Berliner insbesondere im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt, ebenso palästinensische Berliner. Gefordert wird ein Berliner Senat, der diese Ängste ernst nimmt, Bedrohungen begrenzt und den Nahostkonflikt in einen friedlichen, zivilen Dialog überführt. Weitere Beiträge von Steffen Grimberg und Stephan Hebel werden angekündigt.

Berlin zwischen Gewaltstatistik und Nahostkonflikt

Der Hintergrund ist nicht bloß politisches Getöse. Die Zahl politisch motivierter Straftaten in Berlin blieb 2025 hoch und stieg in einigen Bereichen weiter an. Als besondere Gefahren werden Rechtsextremismus, Täter mit ausländischen Ideologien und Islamismus genannt. Antisemitische Straftaten erreichten in Berlin den höchsten Stand seit 1995.

Vor allem Täter mit ausländischer Ideologie und Islamisten seien vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts für den Anstieg antisemitischer Straftaten verantwortlich, heißt es in dem Bericht. Die Statistik umfasst unter anderem Gewalt, Terrorverfahren und antisemitische Delikte. Auch ein Detail zu einem linksextremen Stromanschlag soll aufschlussreich sein. Das sind keine Zahlen, die sich im politischen Alltag einfach wegmoderieren lassen.

Weitere Stimmen kommen aus der internationalen Politik. Deutschlands neuer Botschafter in Kiew äußerte sich in einem Interview zur NATO, zu Russland und zur Ukraine. Der Autor Alon Sahar analysiert im „Freitag“ die israelischen Knesset-Wahlen. Die Wahl führte zu einer Pattsituation, Benjamin Netanjahu schnitt stärker ab als erwartet, und palästinensische Parteien erzielten ein bemerkenswertes Ergebnis. Trotz der Schlagzeilen über ein Patt bestehe eine klare Möglichkeit, Netanjahu abzulösen.

Gadi Eisenkot, Netanjahus wichtigster Herausforderer, kündigte nach ersten Nachwahlbefragungen eine „zionistische Regierung mit Wehrpflicht“ an. Damit zielte er auch auf die Abschaffung von Ausnahmen beim Militärdienst für ultraorthodoxe jüdische Männer. Seine Ankündigung schloss palästinensische Parteien als mögliche Koalitionspartner faktisch aus – obwohl deren Unterstützung für eine Regierung ohne Netanjahu entscheidend sein könnte.

Vom ZDF bis zur Mikwe

Zwischendurch, fast wie ein Atemholen zwischen den politischen Fronten: Ein Film über Wolf Biermann wird besprochen. Biermanns Frau ist Co-Autorin, der Betreiber seines Labels Co-Produzent. Florian Schroeders „Journal Deluxe“ startete im ZDF; die erste Folge wird als amüsant bewertet.

Auch die Serie „Nobody Wants This“ taucht im Newsletter auf. Sie erzählt die Liebesgeschichte eines jüdischen Rabbiners und einer säkularen Dating- und Sex-Podcasterin, die sich dem Judentum annähert. Besonders hervorgehoben wird das Ende, in dem Mikwe und Hochzeit zusammenfallen. Ein ziemlich großer Sprung – und irgendwie genau die Art von Serienmoment, über den man danach noch kurz reden muss.

Elif Eralp soll am 1. November Thema eines „radioeins Kommentatoren-Talks“ sein. Weitere Themen sind die US-Zwischenwahlen und mögliche Niederlagen von Donald Trumps Republikanern. Teilnehmen sollen unter anderem Robin Alexander, Julia Reuschenbach, Julius van de Laar und Yasmine M’Barek. Die Veranstaltung im Berliner Tipi am Kanzleramt ist ausverkauft, soll aber im