Bettina Völter verabschiedet sich von der Alice-Salomon-Hochschule Berlin (ASH). Nach zwölfeinhalb Jahren in der Hochschulleitung endet für die 1964 geborene Wissenschaftlerin eine Zeit, in der die Hochschule stark gewachsen ist – und zugleich immer wieder mitten in gesellschaftliche Konflikte geraten ist. Heute, am 28.09.2026, spricht vieles davon auch an der FU Berlin nach.

Völter war von 2014 bis 2018 Prorektorin für Forschung und Kooperationen, anschließend Rektorin und seit Dezember 2024 Präsidentin. In ihrer Amtszeit stieg die Zahl der Studienplätze um rund 40 Prozent. Die Hochschule wurde organisatorisch neu aufgestellt, ein Neubau entstand, ein dritter Bauabschnitt kam hinzu, Digitalisierungsprozesse wurden vorangetrieben und Haushaltsprobleme bearbeitet.

Wachstum, Kürzungen und ein Gedicht an der Fassade

Die ASH wuchs, obwohl die Finanzierung aus Völters Sicht nicht ausreichte. Nach Kürzungen des Berliner Senats 2024 musste die Hochschule ihre Entwicklung allerdings stark bremsen. Ihre Schwerpunkte sieht Völter in Organisationsentwicklung, Profilbildung und dem Erhalt demokratischer sowie partizipativer Strukturen.

Wie heikel die Verbindung von Hochschule und Gesellschaft werden kann, zeigte sich 2018 an Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ an der Hochschulfassade. Nach einem offenen Brief von Studierenden wurde das Gedicht übermalt. Kritiker warfen der Hochschule Zensur und einen Angriff auf die Kunstfreiheit vor. Völter räumt ein, Gomringer zu spät einbezogen zu haben.

Eine spätere Zusammenarbeit mit der Poetikpreisträgerin Barbara Köhler führte zu einem neuen Fassadenkonzept. Preisträgerinnen und Preisträger können eigene Gestaltungsvorschläge einreichen, die Fassadengestaltung wechselt regelmäßig. Gomringers Gedicht und die Kontroverse sind auf einer Bronzetafel dokumentiert; ein QR-Code führt zu einer ausführlichen Dokumentation. Völter bewertet die Lösung als Verbindung von Kunstfreiheit und Wissenschaftsfreiheit.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die Besetzung im Januar 2025

Anfang Januar 2025 wurde das Audimax der ASH besetzt. Am 06.01. besetzten Aktivisten den Raum mit Forderungen zum Gaza-Krieg. Nach einem Gespräch mit der Hochschulleitung verließen sie das Gebäude zunächst wieder; die Leitung hatte die Aktion vorerst geduldet. Am 07.01. kam es zu einer erneuten Besetzung beziehungsweise zur Fortsetzung des Protests. Die Polizei nahm Ermittlungen auf, es kam zu Festnahmen.

Die Ereignisse lösten eine breite Debatte aus. Es ging um antisemitische Parolen und Symbolik, um Hamas-bezogene Äußerungen, die Beschädigung der Alice-Salomon-Büste, mutmaßliche Bedrohungen, Behinderungen der Pressearbeit und die Frage, wie weit Hochschulautonomie reichen darf. Insgesamt wurden zwölf Anzeigen wegen mutmaßlich antisemitischer Vorfälle im Zusammenhang mit der Besetzung bekannt. Nach der Besetzung wurden Strafanzeigen gestellt.

Die Berichterstattung fiel entsprechend dicht aus: Am 08.01. forderte Israels Botschafter Konsequenzen wegen der Duldung der Besetzung; Antisemitismusbeauftragter Felix Klein verlangte am 09.01. ein Antisemitismuskonzept für jede Hochschule. CDU-Politiker forderten Völters Rücktritt und drohten wegen des Umgangs mit propalästinensischen Protesten mit Kürzungen für Hochschulen. Am 10.01. bat die Hochschulkanzlerin um Unterstützung, der Senat verlangte die Dokumentation möglicher Straftaten, und die Hochschule veröffentlichte eine Bilanz der Besetzung.

Am 12.01. berichtete die FAZ über die Unterstützung der Hochschulleitung für die Aktivisten und Behinderungen der Pressearbeit. Die Jüdische Allgemeine forderte, Hochschulen dürften keine rechtsfreien Räume werden. Am 13.01. folgten Berichte von rbb, Deutschlandfunk Kultur und Frankfurter Rundschau über Kritik an der Hochschulleitung, Gegenkritik und Unterstützung für Völter. B.Z., taz, nd und weitere Medien thematisierten die Kritik von Innensenatorin Iris Spranger, den Polizeieinsatz, Hochschulautonomie und den Umgang mit Protesten. NS-Erinnerungsorte zeigten sich entsetzt; Beschäftigte berichteten von Bedrohungen. Jan-Martin Wiarda plädierte in seinem Blog für Differenzierung.

Auch danach riss die Diskussion nicht ab: Am 14.01. berichteten Table Briefings und der Tagesspiegel Checkpoint über den Konflikt zwischen Senatsverwaltung und Hochschulleitung, die FAZ über Strafanzeigen. Der Tagesspiegel beschrieb am 15.01. die Rechtfertigung der Hochschulleitung. Am 18.01. ging es in der Welt um die Besetzung eines Hörsaals durch vermummte Aktivisten und antisemitische Vorwürfe. Am 19.01. forderte eine Historikerin, gesellschaftliche Konflikte und Streit auszuhalten; dpa und weitere Medien beschrieben die beendete Protestaktion als Balanceakt zwischen Dialog und Sicherheit.

Später folgten Analysen zu den Auswirkungen des Israel-Hamas-Abkommens auf Hochschulproteste, zur Frage, ob der Nahostkonflikt nach einer Waffenruhe vom Campus verschwinden könne, und zu möglichen problematischen Dynamiken von Aktivismus. Josef Schuster äußerte am 27.01. in der Jüdischen Allgemeinen Bedenken, als Jude heute überall studieren zu wollen. Der Spiegel führte am 26.01. ein Interview mit Völter über Rücktrittsforderungen, die Süddeutsche Zeitung analysierte am 28.01. Motive und problematische Dynamiken von Aktivismus.

Völter und die Hochschulleitung setzten zunächst auf Dialog und verzichteten auf eine Räumung. Sie wollten eine Eskalation durch einen Polizeieinsatz sowie mögliche Verletzungen oder Sachschäden vermeiden und an einem antipolarisierenden Ansatz festhalten – auch mit Blick auf Erfahrungen mit der Besetzung der Freien Universität Berlin. Die Leitung hörte den Protestierenden zu, besprach deren Forderungen, wies wiederholt auf überschrittene Grenzen hin und ließ Symbole und Banner entfernen, teilweise durch die Besetzenden selbst.

Die Besetzung endete freiwillig. Völter sieht dadurch das Vertrauensverhältnis zwischen Hochschulleitung, Lehrenden und Studierenden erhalten. Die Hochschule wertete die Erfahrungen anschließend aus, richtete unter anderem eine Ansprechperson für Antisemitismus ein und verbesserte ihre Schutzkonzepte. Im Februar sprach Völter mit Table Media über Gaza-Proteste und Dialog; am 17.03.2025 veröffentlichten Hochschulleitung und Dekane eine Stellungnahme zu Frieden im Nahen Osten. Im Juni diskutierte SWR Kultur darüber, was Hochschulen aus den Israel-Palästina-Protesten lernen können. Im Juli ging es in der taz um Einschränkungen, Verbote und den Umgang mit Palästina-Solidarität in Berlin, Cicero berichtete über antisemitische Äußerungen und Vorfälle an Berliner Hochschulen.

Polizei am Eingang und die Frage der Bedrohung

Die dichte Präsenz voll ausgerüsteter Polizeikräfte am Eingang bezeichnete Völter als bedrohlich, besonders für Studierende mit entsprechenden Demonstrationserfahrungen. Die Hochschule hatte die Polizei selbst informiert und stand mit ihr in Kontakt, wusste nach ihrer Darstellung aber zunächst nicht, dass das Gebäude vollständig umstellt worden war.

Nachdem der Einsatzleiter Völters Bedenken über Funk erhalten hatte, ließ er die Polizei am Haupteingang zurücktreten. Studierende konnten das Gebäude dadurch leichter verlassen. Völter und der Einsatzleiter werteten die Zusammenarbeit anschließend gemeinsam aus. Politisch blieb ihr Umgang mit der Situation umstritten: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und weitere Politiker widersprachen ihr, Iris Spranger kritisierte sie, und Völter wurde unter anderem vorgeworfen, die Polizei als bedrohlich bezeichnet zu haben.

Die mediale Debatte lief weiter. Peter Ullrich schrieb im September 2025 in der Berlin Review über den „Fall ASH“ und autoritäre Formen der Antisemitismusbekämpfung. Lena Inowlocki von der Goethe-Universität Frankfurt sprach im November über Hochschulen als Konfliktarenen sowie Möglichkeiten und Bedingungen des Dialogs. Am 19.02.2026 berichtete Der Wiarda Blog über die ausstehende Ernennung eines Antisemitismusbeauftragten für Berliner Hochschulen; am 18.02.2026 thematisierte der Tagesspiegel die seit mehr als einem Jahr andauernde Suche. Am 09.07.2026 folgte ein Interview mit der jüdischen Friedensaktivistin Vered Berman über einen neuen Umgang mit dem Nahostkonflikt.

Antisemitismus, SAGE-Fächer und Hochschulverantwortung

Ant