Bluttest für ADHS: Greifswalder Studie prüft objektive Diagnostik mithilfe von KI
Heute, am 17. Oktober 2026, geht es an der Universität Greifswald um eine Frage, die für viele Familien und Erwachsene ziemlich konkret ist: Lässt sich ADHS künftig auch anhand einer Blutprobe erkennen? Forschende aus Mecklenburg-Vorpommern arbeiten an genau so einem Verfahren. Die MetaAIDiagnostic GmbH aus Rostock und die Universitätsmedizin Greifswald entwickeln gemeinsam einen blutbasierten Test zur Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
Bislang stützt sich die Diagnose vor allem auf Fragebögen und klinische Gespräche. Objektive Messwerte fehlen. Für Betroffene kann das eine lange Warterei bedeuten: Häufig vergehen sechs Monate bis mehr als ein Jahr, bevor ein Termin bei Fachärztinnen oder Fachärzten zustande kommt. Der geplante Bluttest soll die klinische Diagnostik ergänzen, nicht ersetzen.
320 Patientinnen und Patienten im Blick
Die klinische Studie startet am 1. November 2026 und soll bis April 2029 laufen. Die Universitätsmedizin Greifswald übernimmt die Rekrutierung und klinische Diagnostik von rund 320 Patientinnen und Patienten. Beteiligt ist die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie unter der Leitung von Prof. Dr. Hans J. Grabe.
Im Labor untersucht MetaAIDiagnostic mithilfe der Massenspektrometrie Stoffwechselprodukte im Blut. Eine Datenplattform führt die Informationen zusammen; künstliche Intelligenz soll daraus Klassifikationsmodelle entwickeln. MetaAIDiagnostic ist für die Laboranalytik, die Datenplattform und die Entwicklung dieser KI-gestützten Modelle zuständig.
Grundlage ist eine gemeinsame Pilotstudie. Darin konnte eine Gruppe von Metaboliten ADHS-Betroffene von Kontrollpersonen unterscheiden. Nun soll geprüft werden, ob daraus ein verlässliches diagnostisches Verfahren entstehen kann. Geplant ist, die Diagnose objektiver und schneller zu machen, verschiedene ADHS-Untergruppen zu unterscheiden und die Auswahl einer geeigneten Therapie zu unterstützen.
Abgrenzung zu Depressionen und Autismus
Eine wichtige Hürde liegt in der Abgrenzung. Untersucht wird unter anderem, ob ADHS zuverlässig von Depressionen, Angststörungen und Autismus unterschieden werden kann. Außerdem wollen die Forschenden klären, ob biologische ADHS-Subtypen existieren und ob sich die untersuchten Marker während einer Therapie verändern. Falls das gelingt, könnte der Test künftig Hinweise liefern, ob eine Behandlung wirkt.
Das Projekt wird vom Land Mecklenburg-Vorpommern mit rund 1,35 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Rund 624.000 Euro gehen an MetaAIDiagnostic, rund 729.000 Euro an die Universitätsmedizin Greifswald. Die Gesamtausgaben des Verbundvorhabens „Diagnostik und Charakterisierung von ADHS-Patienten“ belaufen sich auf rund 1,7 Millionen Euro. Bewilligt wurde die Förderung durch die TBI Technologie-Beratungs-Institut GmbH.
Auch personell soll das Vorhaben Spuren hinterlassen: An der Universitätsmedizin Greifswald entstehen im Projekt bis zu zehn Stellen für Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen sowie Study Nurses. Die 2022 gegründete MetaAIDiagnostic GmbH plant außerdem, in den kommenden fünf Jahren rund 25 Arbeitsplätze in Mecklenburg-Vorpommern zu schaffen.
Warum Zahlen zur Häufigkeit schwanken
Wie viele Menschen ADHS haben, hängt offenbar stark davon ab, wie man danach sucht. Die Publikation „Prävalenz der ADHS: Systematische Übersicht und Metaanalyse“ von Sara Popit, Klara Serod, Igor Locatelli und Matej Stuhec erschien 2024 in European Psychiatry 67(1), e68. Frühere Studien kamen zu deutlich unterschiedlichen Prävalenzen. Als mögliche Gründe nennen die Autorinnen und Autoren unter anderem die verwendeten Diagnosekriterien, die Informationsquellen und die Frage, ob Funktionsbeeinträchtigungen berücksichtigt werden.
Für die Übersichtsarbeit wurden Studien aus Europa und anderen Teilen der Welt mit repräsentativen Stichproben von Kindern und Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung einbezogen. Berücksichtigt wurden Prävalenzangaben auf Grundlage klinischer Diagnosen nach DSM- oder ICD-Kriterien sowie entsprechender Skalen und Interviews. Die PubMed-/Medline-Suche lief bis zum 1. Februar 2024. Registriert wurde die Arbeit in PROSPERO unter CRD42020200220; durchgeführt wurde sie nach PRISMA 2020.
117 Studien wurden vollständig bewertet, 103 Studien mit insgesamt 159 unabhängigen Datenpunkten flossen in die Metaanalyse ein. In Registerstudien lag die Prävalenz bei 1,6 Prozent (95%-KI: 0,9–3,0), in Befragungsstudien bei 5,0 Prozent (95%-KI: 2,9–8,6). Einstufige klinische Studien kamen auf 4,2 Prozent (95%-KI: 2,9–6,0), zweistufige klinische Studien auf 4,8 Prozent (95%-KI: 4,0–5,8).
Beim Vergleich solcher Zahlen muss man deshalb genau hinschauen: Diagnosekriterien und Art der Stichprobenziehung beeinflussen die ermittelte ADHS-Prävalenz deutlich. Die Studie ist unter dem DOI 10.1192/j.eurpsy.2024.1786 auffindbar, außerdem bei PubMed unter 39381949 und bei PMC unter PMC11536208.
