Codex sphericus: Marburgs Jubiläumsprogramm als Weltkugel
Ein Buch, das sich zur Weltkugel auffaltet: Zum 500-jährigen Bestehen der Philipps-Universität Marburg hat der Künstler und Designer Sebastian Peetz ein Jubiläums-Programmbuch gestaltet, das den Namen „Codex sphericus“ trägt. Geschlossen bildet es einen Halbkreis. Aufgeschlagen entsteht eine dreidimensionale Kugel mit einem Radius von exakt 152,7 Millimetern – entsprechend dem Gründungsjahr 1527.
Das Buch bündelt 287 Veranstaltungen, die von Oktober 2026 bis Dezember 2027 stattfinden. Kostenlos erhältlich ist es unter anderem ab dem 15. Oktober in der Universitätsbibliothek Marburg, der Touristen-Information, der Mensa am Erlenring und im Stud-i-point im Uni-Hauptgebäude. Für alle, die gern blättern und sich dabei ein wenig verlaufen: Die Termine sind chronologisch nach dem Verlauf des Jubiläumsjahrs geordnet.
Ein Globus als Seitenplan
Das gesamte Layout folgt der Geometrie eines Globus. Das Satzraster orientiert sich an Meridianen und Breitenkreisen. Sie bestimmen Spalten, Bildformate, Abstände, Seitenformen und Karten. Zu den Polen hin werden die Spalten entsprechend dem Kosinus schmaler; Bilder sind seitlich durch Meridiane sowie oben und unten durch Breitenkreise begrenzt. Klingt zunächst nach Mathematikseminar, sieht beim Aufschlagen aber nach einer ziemlich eigenwilligen Buchidee aus.
Eine Doppelseite zeigt eine eigens berechnete und programmierte Weltkarte. Im Mittelpunkt steht die Alte Universität Marburgs. Verzeichnet sind 303 Orte mit insgesamt 368 Studienkooperationen auf allen Kontinenten – darunter Alicante, Pretoria, Ho-Chi-Minh-Stadt, Tromsø, Toronto, Lima und Pamplona.
Auch handwerklich lehnt sich der „Codex sphericus“ an die Gründungszeit der Universität an. Gebunden, gefalzt, in Lagen zusammengetragen und vernäht wurde er nach historischen Verfahren. Die Fadenheftung bleibt sichtbar, sechs Lagen mit jeweils zwölf Seiten bilden den Umfang, und von der ersten bis zur letzten Seite kommt ein einziges Papier zum Einsatz. Die Abbildungen stammen aus dem Archiv und dem Fundus der Universität.
287 Termine für ein Jubiläumsjahr
Zum Programm gehören unter anderem die „Philipps Fanfaren“, ein Zukunftsgenerator, Diskussionen, Vorträge und Konferenzen. Dazu kommen Theater, Konzerte, Ausstellungen und Lesungen. Als Vorbild für die runde Form diente unter anderem der „Codex Rotundus“, ein rundes Stunden- und Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert in der Dombibliothek Hildesheim.
Die Philipps-Universität feiert 2027 ihr 500-jähriges Bestehen. Das Jubiläumsjahr soll Geschichte, Gegenwart und die Entwicklung von Zukunftsideen miteinander verbinden. Mitgestalten sollen ehemalige, aktuelle und zukünftige Universitätsmitglieder, die Marburger Stadtgesellschaft, Freundinnen, Freunde und Fördernde, institutionelle Partner, die nationale und internationale Wissenschaftsgemeinschaft sowie politische Akteure.
Seit fast 500 Jahren prägt die Universität die Stadt Marburg und die Region. Das Jubiläum soll diese Verbindung würdigen und stärken. Marburg soll 2027 als Standort für exzellente Forschung und interdisziplinären Austausch stärker in den Mittelpunkt der Wissenschaftslandschaft rücken. Bestehende Partnerschaften sollen vertieft, neue Kooperationen und langfristige Netzwerke aufgebaut werden.
Eine Arbeitsgruppe bereitet das Jubiläumsjahr und das Festprogramm vor. Für den Sommer 2025 war eine Veranstaltung für alle Universitätsmitglieder geplant, bei der die gemeinsame Gestaltung des Jubiläumsjahres besprochen werden sollte. Weitere Informationen zu Planung und Beteiligungsmöglichkeiten sollen folgen. Ansprechpartnerin für Fragen und Anregungen zur Koordination des Festjahres ist Annika Pamir, Lisa Weber ist Ansprechpartnerin für die zentralen Festveranstaltungen. Über weitere Planungsschritte will die Universität informieren.
Von der Kugel zu Kopernikus
Die runde Form des Programmbuchs spielt nicht nur mit der Optik. Zur Zeit der Universitätsgründung lernten Studierende in Europa Astronomie anhand des Lehrbuchs „De sphaera“ – „Von der Kugel“. Fünf Jahre vor der Universitätsgründung war das letzte Schiff von Magellans erster Weltumsegelung zurückgekehrt. Gleichzeitig arbeitete Nikolaus Kopernikus an Berechnungen zur Erdbewegung.
Die Universität erzählt mit ihrem Buch also auch eine kleine Geschichte des Wissens: von der Kugel als astronomischem Modell über frühe Weltvermessungen bis zu heutigen Studienkooperationen rund um den Globus. Und mittendrin liegt Marburg, gedruckt, gefalzt und vernäht.
Christian Wolff und die Frage, wer Wissen erreicht
Ein passender Blick zurück führt zu Christian Wolff, der 1723 als Professor für Mathematik und Philosophie an die Philipps-Universität Marburg berufen wurde. Seine Arbeit veränderte die Ordnung, Vermittlung und Zugänglichkeit wissenschaftlichen Wissens. Immanuel Kant bezeichnete Wolff als „den größten unter allen dogmatischen Philosophen“; heute gilt der 1679 in Breslau geborene Denker als wichtige Figur der deutschen Aufklärung.
Ursprünglich sollte Wolff Theologie studieren. Während seines Studiums in Jena und Leipzig wandte er sich jedoch zunehmend Mathematik und Philosophie zu. Sein Werk verband religiöse Prägung mit mathematischem Denken. Wolff war überzeugt, dass Philosophie und Theologie ebenso wie die Mathematik zu möglichst sicheren und nachvollziehbaren Erkenntnissen gelangen sollten.
Ab 1706 lehrte er in Halle und wurde dort als Vertreter von Philosophie und Mathematik bekannt. Wegen seiner Lehren geriet er zunehmend in Konflikt mit der pietistischen Theologie. 1723 wurde ihm vorgeworfen, seine Lehre widerspreche der „natürlichen und geoffenbarten Religion“. Er musste Preußen innerhalb weniger Tage verlassen.
In Marburg erhielt Wolff eine Professur für Mathematik und Physik, die um Philosophie erweitert wurde. Hier konnte er freier lehren und arbeiten und verfasste einen großen Teil seiner wichtigsten Schriften. Zu seinen zentralen Werken zählen die „Philosophia rationalis“ und die „Psychologia empirica“, in denen er versuchte, das Wissen seiner Zeit systematisch zu ordnen.
Wolff veröffentlichte bereits in Halle und später in Marburg zunehmend auf Deutsch statt auf Latein. Damit wurde Philosophie auch für Menschen zugänglich, die keine klassische lateinische Bildung besaßen. Zeitgenössische Quellen schreiben ihm zu, den „lesegeschichtlichen Radius der Philosophie“ erweitert und Wissen über die Gelehrtenwelt hinaus verbreitet zu haben. Seine deutschsprachigen Veröffentlichungen trugen zur breiteren Bildungsöffentlichkeit und zur Entstehung eines aufgeklärten Bildungsbürgertums bei.
Die Frage nach dem Zugang zu Wissen ist geblieben, nur die Hindernisse sehen heute anders aus. Fachsprache, digitale Technologien und komplexe Informationssysteme können den Zugang erschweren. Open Access, digitale Plattformen und allgemeinverständlich aufbereitete Inhalte eröffnen zugleich neue Formen der Wissensöffnung. Zugänglichkeit allein garantiert allerdings weder Verständlichkeit noch gesellschaftliche Teilhabe.
Die Universität Marburg versteht sich deshalb als Ort der Wissensproduktion, aber auch der Übersetzung, Vermittlung und Zugänglichmachung von Wissen. Die Christian-Wolff-Vorlesung bringt Wissenschaftler, Philosophen und die interessierte Öffentlichkeit zusammen und erinnert an Wolffs an Vernunft und Wissenschaft orientiertes Denken. Ein runder Kalender, eine Weltkarte, 287 Termine – und die alte, keineswegs erledigte Aufgabe, Wissen verständlich zu vermitteln, ohne es zu vereinfachen.
