COP17 in Jerewan zieht Bilanz: Warum das 30×30-Naturschutzziel weit verfehlt wird
Heute beginnt in Jerewan, Armenien, die 17. UN-Biodiversitätskonferenz CBD COP17. Bis zum 30. Oktober beraten die 196 Vertragsparteien der UN-Biodiversitätskonvention über den Schutz der biologischen Vielfalt. Gemeint sind 195 Staaten und die Europäische Union. Die USA und der Heilige Stuhl sind der Konvention bisher nicht beigetreten.
Das Motto lautet „Handeln für die Natur“ („Taking Action for Nature“). Mit dabei sind neben Regierungsdelegationen auch Vertreterinnen und Vertreter von Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft sowie Organisationen indigener Völker. Armenien selbst gilt mit seinen Steppen, Wäldern, Feuchtgebieten, alpinen Wiesen und Hochgebirgen als Biodiversitäts-Hotspot – nicht zuletzt wegen seiner vielen endemischen Arten.
Beim Meeresschutz läuft die Uhr davon
Für die Konferenz liegen unbequeme Zahlen auf dem Tisch. Laut einem Bericht von Greenpeace International sind weltweit derzeit 3,5 Prozent der Meeresflächen wirksam geschützt. Bleibt es bei diesem Tempo, wird das 2022 beschlossene Ziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Ozeane wirksam zu schützen, erst im Jahr 2291 erreicht – in 265 Jahren.
Im Atlantik gibt es laut Greenpeace bislang kein einziges wirksam geschütztes Hochseegebiet. Industrielle Nutzung ist dort nahezu flächendeckend erlaubt. Greenpeace schlägt deshalb ein zusammenhängendes Netzwerk aus elf neuen Schutzgebieten vor. Damit könnten mehr als 30 Prozent der atlantischen Hochsee geschützt werden. Das Kollisionsrisiko von Buckelwalen mit Frachtschiffen ließe sich nahezu halbieren, außerdem könnten mehr als 36 Prozent der Beifang-Gefahrenzonen für stark gefährdete Lederschildkröten geschützt werden.
Der Netzwerkansatz hat einen ziemlich einfachen Grund: Wale und Schildkröten halten sich nicht an Grenzlinien auf Karten. Sie nutzen grenzüberschreitende Wanderwege und Lebensräume. Schutzinseln, die dazwischen große Lücken lassen, helfen da nur bedingt.
In Jerewan prüfen die Vertragsstaaten erstmals offiziell, welche Fortschritte beim 2022 beschlossenen Weltnaturabkommen erzielt wurden. Vorläufige Daten zeigen zwar Fortschritte bei der Verbindung von Klima- und Artenschutz. Deutliche Rückstände gibt es laut Greenpeace aber beim Schutz von Meeren und Wäldern, beim Abbau naturschädlicher Subventionen und beim Umfang der Naturschutzfinanzierung. Bei keinem der 23 Ziele reicht das derzeitige Umsetzungstempo aus, um sie bis 2030 zu erreichen.
30 Prozent Schutz – aber welcher?
Das zentrale Ziel heißt „30×30“: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz stehen. Beim Land stieg der geschützte Anteil inzwischen von 17,6 auf 18,4 Prozent. Der Anteil geschützter Meeresfläche wuchs von 8,4 auf zehn Prozent. Trotzdem fehlen noch geschützte Landflächen in der Größenordnung Russlands und Meeresflächen etwa in der Größe des Indischen Ozeans.
Deutschland meldet sein Ziel, mindestens 30 Prozent der Meeres- und Landflächen zu schützen, als nahezu erreicht. Greenpeace zufolge zählen dazu jedoch auch Gebiete mit schwachem oder unzureichendem Schutz. Intensive Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei sind dort weiterhin erlaubt. Die Organisation sagt deshalb, Deutschland erfülle seine Zusagen zum effektiven Flächenschutz bislang überwiegend nur formal.
Gefährdet ist dabei nicht bloß ein schöner Landschaftsausschnitt. Biodiversität umfasst die Vielfalt der Arten, die Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme. Auf allen drei Ebenen ist ein deutlicher Rückgang zu beobachten. Schätzungen zufolge sind rund eine Million von insgesamt acht bis zehn Millionen Arten vom Aussterben bedroht. Wissenschaftler sprechen vom sechsten Massenaussterben – anders als bei früheren Massenaussterben wird es nach den vorliegenden Angaben durch menschliche Aktivitäten verursacht.
Das trifft am Ende auch den Alltag: Der Verlust biologischer Vielfalt gefährdet die Versorgung mit Trinkwasser, Nahrung sowie Rohstoffen für Kleidung und Medikamente. Naturschutz erhält Ökosystemleistungen wie saubere Luft und Wasser, fruchtbare Böden, die Bestäubung von Nutzpflanzen und den Schutz vor Naturkatastrophen. Ein Feld ohne Bestäuber bleibt eben nicht aus Höflichkeit produktiv.
Ein Abkommen mit 23 Aufgaben
Grundlage der COP17 ist das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, kurz GBF. Es wurde im Dezember 2022 auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz, der COP15, verabschiedet. Vorausgegangen war ein vierjähriger Konsultations- und Verhandlungsprozess. Das Framework baut auf früheren strategischen Plänen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt auf, unterstützt die Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung und soll den Weg zu einer Welt ebnen, in der die Menschheit bis 2050 im Einklang mit der Natur lebt.
Das GBF enthält vier Ziele für 2050 und 23 Zielvorgaben für 2030. Die Umsetzung wird durch ein umfassendes Paket weiterer Beschlüsse der COP15 unterstützt: Dazu gehören ein Überwachungsrahmen, ein erweiterter Mechanismus zur Planung, Überwachung, Berichterstattung und Überprüfung, notwendige finanzielle Ressourcen, strategische Rahmenwerke für Kapazitätsaufbau sowie technische und wissenschaftliche Zusammenarbeit und eine Vereinbarung über digitale Sequenzinformationen zu genetischen Ressourcen.
Alle Vertragsparteien verpflichteten sich, nationale Zielvorgaben zur Umsetzung des GBF festzulegen. Andere Akteure wurden aufgefordert, eigene Verpflichtungen zu entwickeln und zu kommunizieren. Bei der nächsten Vertragsstaatenkonferenz soll überprüft werden, welche Zielvorgaben und Verpflichtungen tatsächlich festgelegt wurden. Der offizielle Text des Frameworks steht in Beschluss 15/4.
Bei den Konferenzen in Cali und Rom kamen weitere Beschlüsse hinzu, unter anderem zur Beteiligung indigener Völker. Ihre Mitwirkung wurde durch ein neues ständiges Gremium gestärkt. In Eriwan soll nun die Umsetzung der bisherigen Beschlüsse beraten und erstmals offiziell bilanziert werden – als „Global Review“.
Der vorläufige Global-Review-Bericht nennt immerhin einen Schritt nach vorn: Mehr als drei Viertel der Länder haben nationale Biodiversitätsziele festgelegt und erste substanzielle Umsetzungsschritte eingeleitet. Besonders gering sind die Fortschritte bei den Hauptursachen des Biodiversitätsverlusts – bei der Belastung von Natur und Böden durch Landwirtschaft, beim übermäßigen Konsum und bei nicht nachhaltiger Produktion.
Das Geld fehlt an allen Ecken
In Montreal wurde vereinbart, jährlich mindestens 200 Milliarden US-Dollar aus allen Quellen für die biologische Vielfalt zu mobilisieren. Nach OECD-Berechnungen werden derzeit allerdings nur 78 bis 91 Milliarden US-Dollar pro Jahr bereitgestellt. Gegenüber dem Ziel fehlen damit rund 60 Prozent der benötigten Mittel.
Auf dem Tisch liegen höhere Beiträge der bisherigen Geberstaaten, eine stärkere Einbindung neuer Geber – etwa arabischer Staaten und Chinas – sowie mehr Engagement der Privatwirtschaft. Ein Beispiel ist der in Kolumbien eingerichtete Cali-Fonds. Unternehmen sollen einzahlen, wenn sie genetische Informationen aus Organismen beispielsweise für die Pharma- oder Chemieindustrie nutzen. Die Regeln für den Fonds sind noch umstritten; abgesehen von einer kleinen symbolischen Summe ist er bislang nicht finanziert.
Ein großer Teil der weltweiten Biodiversität befindet sich in ärmeren Ländern. Dort muss Naturschutz gegen andere Prioritäten wie Wirtschaftswachstum, Bildung und Gesundheit abgewogen werden. Unterstützung ist deshalb nötig – auch, weil Schutzgebiete nicht einfach von selbst funktionieren. Ihre Ausweisung und Verwaltung kostet Geld, ebenso Ausrüstung, Ranger und Förster.
Biodiversität ist für alle 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung relevant. SDG 14 betrifft die biologische Vielfalt unter Wasser, SDG 15 die biologische Vielfalt an Land. Beide gelten als wichtige Hebel für die übrigen 15 SDGs.
Was Deutschland in Jerewan verspricht
Deutschland unterstützt die Ziele der Biodiversitätskonvention und will sich in Eriwan aktiv beteiligen. Umweltminister Carsten Schneider erklärte, Entwicklungen in anderen Weltregionen hätten direkte Auswirkungen auf Deutschland. Deutschland sei deshalb einer der größten Geldgeber für den weltweiten Naturschutz.
Greenpeace fordert von der Konferenz neue Impulse. Die Bundesregierung solle Umsetzungslücken schließen, Unternehmen stärker in die Verantwortung nehmen und Naturzerstörung in Schutzgebieten beenden. Wie verbindlich das am Ende klingt und wie viel davon draußen ankommt, dürfte sich an den Zahlen ablesen lassen – nicht an der Länge der Reden.
