Europas Proteste kreisen um Mieten, Bildung und steigende Lebenshaltungskosten
Europa kommt an diesem Wochenende kaum zur Ruhe. In mehreren Ländern gingen Tausende Menschen gegen steigende Lebenshaltungskosten auf die Straße; mancherorts blieb es nicht bei Protesten, sondern kam zu Ausschreitungen und Plünderungen. Für uns an der Uni Europa wirkt das erst einmal weit weg – bis man die Zahlen und Bilder sieht und merkt, wie direkt Mieten, Studiengebühren, Dieselpreise und der tägliche Einkauf zusammenhängen.
In Brüssel eskalierten Demonstrationen gegen höhere Studiengebühren und gestiegene Lebenshaltungskosten. Gegenstände flogen, Mülltonnen und E-Scooter brannten, ein Büro der Sozialistischen Partei wurde verwüstet. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, mehrere Menschen wurden festgenommen. Auch in Lüttich lösten Sicherheitskräfte kleinere Gruppen mit Wasserwerfern auf. Es roch wohl kaum nach politischem Frühling, eher nach Rauch und nassem Asphalt.
Proteste zwischen Bildung, Diesel und politischem Streit
Italien meldete Krawalle in Mailand, Bologna, Brescia, Bergamo und Turin. Nach Behördenangaben wurden mehr als 150 Menschen festgenommen, darunter zahlreiche Minderjährige. Einige der Festgenommenen sollen Steine geworfen und Geschäfte geplündert haben. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagte, legitime Demonstrationen würden für Gewalt und Chaos missbraucht.
Die Proteste richten sich zugleich gegen hohe Lebenshaltungskosten sowie gegen die Bildungs- und Verteidigungspolitik der rechtsgerichteten Regierung. In Rom zogen mehrere Tausend junge Menschen vom Kolosseum zum Bildungsministerium. Aufgerufen hatten der größte Gewerkschaftsbund und mehr als 100 Verbände. Im Süden protestierten außerdem Lkw-Fahrer, Spediteure und Landwirte gegen hohe Dieselpreise – ein ziemlich konkreter Ärger, der sich nicht einfach wegmoderieren lässt.
Portugal erlebt die Wut vor allem am Wohnungsmarkt. In Lissabon gingen am Samstag mehrere Zehntausend Menschen auf die Straße, zusätzlich entstand ein Protestcamp. Auf Flugblättern forderten Demonstrierende die Aufhebung eines Mietreformgesetzes, das den Wohnungsmarkt liberalisiert. Dadurch entfällt unter anderem die bisherige Obergrenze von zwei Prozent für Mietsteigerungen bei bestimmten Neuverträgen.
Nach Angaben des Statistikamts INE haben sich Mieten und Wohnungspreise in Portugal binnen zehn Jahren etwa verdreifacht. Analysen zufolge fehlen rund 300.000 Wohnungen. Die Reallöhne stiegen im selben Zeitraum dagegen nur um etwa 16 Prozent. Da klafft eine Lücke, in die selbst ein sehr langer studentischer Nebenjob nicht hineinpasst.
Wohnungsnot wird zum politischen Brennpunkt
Auch in Spanien gingen bei landesweiten Protesten gegen die Lage auf dem Mietwohnungsmarkt Anfang Oktober nach Regierungsangaben mehrere Zehntausend Menschen auf die Straße. Die Veranstalter sprachen von bis zu 500.000 Teilnehmern. Auslöser war der Fall einer 87-jährigen Mieterin in Madrid, die wegen einer Zwangsräumung ihre Wohnung verlassen musste und inzwischen gestorben ist. In der Hauptstadt wurde ein Protestcamp errichtet.
Gewerkschaften riefen zu einem Generalstreik am 11. November auf. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte nach dem Scheitern seiner Mietrechtsreform vorgezogene Neuwahlen für Ende November an. Für viele Betroffene bleibt die politische Debatte trotzdem sehr bodenständig: eine Wohnung finden, die nicht das halbe Einkommen verschlingt.
In Albanien demonstrieren Menschen seit Tagen für bessere Bildungsbedingungen und gegen die Regierung. In Tirana kam es am Samstag erneut zu schweren Ausschreitungen. Mehrere Gebäude, darunter ein Gericht, Banken und eine Postfiliale, wurden beschädigt oder in Brand gesetzt. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, erstmals auch Gummigeschosse.
Begonnen hatte die Protestserie Ende Mai wegen Plänen für ein Luxus-Hotelprojekt in einem Küstennaturschutzgebiet. Das Vorhaben steht im Zusammenhang mit Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Kritiker werfen dem Projekt mögliche Korruption und mangelnde Transparenz vor. Aus einem Streit über ein Bauprojekt ist längst ein viel größerer Konflikt über Regierung, Bildung und Vertrauen geworden.
Was die Lebensbedingungen sichtbar machen
Die Proteste fallen in eine Zeit, in der soziale Unterschiede in Europa deutlicher wahrgenommen werden. Die Publikation „Key figures on European living conditions – 2026 edition“ von Destatis, veröffentlicht am 17. September 2026, betrachtet dafür die Einkommensverteilung und Ungleichheit ebenso wie soziale und finanzielle Unterschiede zwischen europäischen Ländern.
Im Mittelpunkt stehen auch die Schwierigkeiten bestimmter Gruppen beim Zugang zu Gütern des täglichen Bedarfs, die Merkmale privater Haushalte und die Beschäftigungssituation ihrer Mitglieder. Hinzu kommen Lebensumstände und ihre Auswirkungen auf das allgemeine Wohlergehen, der Zugang zu Gesundheitsdiensten sowie Gesundheit und Behinderung einschließlich sozioökonomischer Aspekte.
Vielleicht erklärt das, warum sich die Proteste so unterschiedlich anhören und doch ähnlich wirken: In Brüssel geht es um Studiengebühren, in Portugal um Mieten, in Italien um Diesel und Bildung, in Albanien um Schulen und politische Entscheidungen. Am Ende landen viele dieser Sorgen am selben Küchentisch – neben unbezahlten Rechnungen, einem zu kleinen Zimmer und der Frage, wie lange das noch gutgehen soll.
