Im Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen ging es um Fluchtgeschichten, Protest und die eigentümliche Verbindung zwischen Jena und Gießen. Die Historiker Rayk Einax und Florian Greiner schilderten in einem Vortrag, wie Menschen in der DDR gegen staatliche Willkür aufbegehrten, ausreisten und im Gießener Notaufnahmelager zwischen Hoffnung und Ungewissheit ankamen. Dafür werteten sie Ego-Dokumente und Stasi-Akten aus.

Rund 250 Kilometer liegen Jena und Gießen auseinander. Jahrzehntelang trennten sie Grenzanlagen, Selbstschussanlagen und Schießbefehle. Während und nach der Wiedervereinigung wurde Gießen mit seinem Notaufnahmelager für Millionen DDR-Bürger zum symbolischen Tor in den Westen.

Die Lebenswege, die Greiner vorstellte, klingen fast unglaublich. Bernd Böttger überquerte 1968 mit einem selbst gebauten Tauchscooter die Ostsee. Kerstin Beck floh 1984 während eines Studienaufenthalts mithilfe von Mudschaheddin aus Kabul nach Islamabad. Beide gelangten anschließend nach Gießen. An solchen Biografien zeigte Greiner den Freiheitswillen und den Mut von Menschen in Diktaturen. Zugleich machte der Vortrag klar: Auch kleinere Protestaktionen konnten in der DDR gravierende Folgen haben – Arbeitsplatzverlust oder Inhaftierung etwa.

Jena, der „Unruheherd“

Ab den frühen 1970er Jahren bildeten sich in Jena unter der SED-Führung lose oppositionelle Gruppen und Einzelinitiativen. Dass die Stadt als „Unruheherd“ galt, hatte mehrere Gründe. Die SED konnte dort keine vollständig mustergültige sozialistische Universität schaffen. Der hohe Anteil junger Menschen begünstigte antiautoritäres Verhalten. Dazu kam das Carl-Zeiss-Kombinat mit rund 60.000 Beschäftigten und seinem Ausbildungszentrum, das diese Bevölkerungsgruppe zusätzlich vergrößerte.

1983 wurde die Jenaer Friedensgemeinschaft in einer Verhaftungswelle gewaltsam zerschlagen, der sogenannten „Aktion Gegenschlag“. Im selben Jahr wurde der Jenaer Oppositionelle Roland Jahn aus der DDR ausgebürgert – am 8. Juni 1983. Danach formierte sich der „Weiße Kreis“, eine Protestbewegung von ausreisewilligen DDR-Bürgern.

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Die Idee stammte von Monika Lembke, die bereits zu Pfingsten 1983 einen öffentlichen Protest auf einem zentralen Platz vorgeschlagen hatte. Am 11. Juni gründeten Monika und Dietrich Lembke, Michael Gerber, Kerstin Hergert, Rüdiger und Hannelore Studanski, Katrin und Uwe Stiem sowie Monika und Bernd Schröder den Weißen Kreis.

Bei einem zweiten Treffen am 15. Juni 1983 in der Wohnung der Lembkes legten die Beteiligten ihre Regeln fest: Jeden Samstag um 9 Uhr sollte ein stiller Kreis entstehen, weiße T-Shirts sollten als Erkennungszeichen dienen. Die Farbe Weiß stand friedlich für den Wunsch nach Ausreise aus der DDR. Außerdem unterzeichneten die Teilnehmer einen Protestbrief an Erich Honecker und den UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar. Das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS, bezeichnete ihn später als „Hetzbrief“. Von den 28 Unterzeichnern seien laut MfS alle „rechtswidrige Übersiedlungsersuchende“ gewesen.

Still stehen, nicht still bleiben

Vom 18. Juni bis 30. Juli 1983 versammelten sich die Ausreisewilligen jeden Samstag um 9 Uhr auf dem damaligen Platz der Kosmonauten, dem heutigen Eichplatz. Sie trugen weiße T-Shirts, standen schweigend im Kreis, hielten sich an den Händen und blickten zur Kreismitte. Keine Transparente, keine Reden. Die stille Form unterschied sich bewusst von den lauteren Protesten der Friedensgemeinschaft Jena.

Die Ausreisewilligen wollten öffentlich auf ihre Lage aufmerksam machen, ohne sofort verhaftet zu werden. Ganz ohne Nervenkitzel ging es trotzdem nicht. Beim ersten Treffen bildeten etwa zwölf Teilnehmer den Kreis. Vorsorglich legten sie eine Wanderkarte auf den Boden, damit man sie nicht wegen „Gruppenbildung“ festnehmen konnte. Beim nächsten Termin standen 16 Personen zusammen; einige trugen weiße T-Shirts, andere das Kürzel „JA“ für „Jenaer Ausreisegemeinschaft“. Bei 25 Teilnehmern forderte ein Polizist die Auflösung, woraufhin die Gruppe ihm eine Liste übergab. Als 37 Menschen kamen, blieb es zunächst bei dieser Maßnahme.

Drei Organisatoren reisten nach Ost-Berlin und nahmen Kontakt zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik, zum ARD-Büro und zur „Süddeutschen Zeitung“ auf. Westliche Medien berichteten daraufhin über den Weißen Kreis. Bei einer weiteren Versammlung kamen etwa 50 Menschen zusammen, westliche Journalisten fotografierten die Demonstration.

Danach wurde es eng. Das MfS bereitete umfangreiche Gegenmaßnahmen vor. Bei der folgenden Versammlung überwachten Volkspolizei und MfS den Platz bereits ab 6 Uhr. Als die Teilnehmer um 9 Uhr einen Kreis bilden wollten, griff die Volkspolizei ein und führte sie ab. 34 Personen wurden von der Volkspolizei zugeführt: neun aus Jena, zehn aus Leipzig, zwei aus Saalfeld, eine aus Halle, vier aus Brandenburg, eine aus Rostock, vier aus Dresden und drei aus Berlin. 18 Menschen kamen nach dem Erlass von Haftbefehlen in Strafvollzugseinrichtungen. Viele waren wegen der westlichen Medienberichte eigens angereist und hatten angenommen, nicht festgenommen zu werden.

Rüdiger Studanski verfasste im Juni 1983 gemeinsam mit weiteren Antragstellern ein „13-Punkte-Programm“ und übergab es heimlich dem ARD-Korrespondenten Robert E. Röntgen in Ost-Berlin. Darin erklärten die Verfasser, ihre Ziele richteten sich nicht auf einen politischen Umsturz. Sichtbar werden sollten vielmehr die Unterschiede zwischen der Selbstdarstellung der DDR, der DDR-Wirklichkeit und den allgemeinen Menschenrechten. Schon der Besitz des Dokuments war strafbar und hätte zu einer sofortigen Verhaftung führen können.

Das MfS bezeichnete die Organisatoren als „Rädelsführer“ und die Aktionen als „öffentlichkeitswirksame feindlich-negative Aktivitäten Übersiedlungssuchender“. In einem Lagebericht vom 5. August 1983 warnte das MfS: „Es darf nicht zugelassen werden, dass sich der Untergrund unter unseren Augen entwickelt – wir dulden noch viel zu viel.“ Der Satz wurde zum Titel von Monika Lembkes 2024 erschienenem Buch „Wir dulden noch viel zu viel“.

Vom Antrag zur Ausreisewelle

Die Schlussakte von Helsinki ermöglichte seit 1975 grundsätzlich Ausreiseanträge. Deutlich mehr bewilligte Anträge gab es jedoch erst während der Aktionen des Weißen Kreises. Im August 1983 erhielten 143 Menschen aus Jena die Genehmigung zur Ausreise in die Bundesrepublik. Monika und Dietrich Lembke durften am 10. August 1983 legal ausreisen. Zuvor hatten sie am 27. Juli zugesagt, an keinen weiteren Aktionen teilzunehmen.

Die Zahlen zeigen, wie stark sich die Lage bewegte:

Jahr Ausreiseanträge Genehmigte Übersiedlungen
1982 etwa 12.000 etwa 9.500
1983 14.800 7.729
1984 57.500 34.982
1985 etwa 25.000 etwa 20.000

Der Anstieg von 1983 auf 1984 betrug laut Artikel 288 Prozent bei den Anträgen und 353 Prozent bei den genehmigten Übersiedlungen. Die 7.729 genehmigten Übersiedlungen von 1983 waren der niedrigste Wert im Zeitraum 1961 bis 1989. Die 34.982 Übersiedlungen im Jahr 1984 bildeten dagegen einen Spitzenwert, der erst 1989 wieder übertroffen wurde.

Bis 1984 war das Notaufnahmelager Gießen durchschnittlich nur zu etwa zehn Prozent ausgelastet. Dann erlaubte die DDR rund 30.000 Antragstellern die dauerhafte Ausreise, um den Druck der Ausreisebewegung zu verringern. Im ersten Halbjahr 1984 kamen dadurch rund