Entwicklungsstraße: Wie der Irak mit der Türkei eine neue Handelsroute nach Europa plant
Im Irak entsteht eine Idee, die weit über Asphalt und Schienen hinausreichen soll: eine etwa 1.200 Kilometer lange Straßen- und Eisenbahnverbindung vom Persischen Golf durch den Irak bis in die Türkei. Die sogenannte „Entwicklungsstraße“ soll irakische Häfen über Bagdad mit der Türkei und den europäischen Verkehrsnetzen verbinden.
Ankara betrachtet das Vorhaben nicht bloß als Infrastrukturprojekt. Die geografische Lage der Türkei soll in politischen Einfluss verwandelt werden. Recep Tayyip Erdoğan setzt dabei auf eine regionale Koalition, um die Rolle seines Landes als wichtiger Transitstaat zwischen dem Nahen Osten, Asien und Europa zu stärken. Dahinter steht auch die Sorge, dass neue Handelsrouten die Türkei umgehen könnten.
Vom Hafen Al-Faw bis nach Europa
Die Irak–Europa-Entwicklungsstraße, auch „irakische Seidenstraße“ genannt, soll Westasien mit Europa verbinden. Geplant ist ein Korridor aus Eisenbahnstrecken, Straßen, Häfen und neuen Städten. Ausgangspunkt ist der im Bau befindliche Hafen von Al-Faw im Südirak; von dort führt die Route nach Norden, über die Türkei und weiter nach Europa und Asien.
Rund 1.200 Kilometer Eisenbahnstrecken und Autobahnen sind zwischen Al-Faw und der Türkei vorgesehen. Die geschätzten Kosten liegen bei 17 Milliarden US-Dollar. Der Hafen soll zum größten Hafen im Nahen Osten ausgebaut werden. Mindestens 100.000 Arbeitsplätze könnten durch das Projekt entstehen – eine Zahl, bei der selbst an einem langen Studientag in Weingarten kurz der Kaffee kalt wird.
Der Irak möchte mit der Verbindung zu einem internationalen Transitzentrum werden. Reise- und Transportzeiten zwischen Asien und Europa sollen sinken, außerdem wäre eine alternative Handelsroute zum Suezkanal geschaffen. Für Bagdad geht es damit nicht nur um schnellere Güterzüge, sondern auch um mehr geopolitisches und wirtschaftliches Gewicht sowie um regionale Sicherheit und Stabilität.
Viele Partner, viel Geld, langer Atem
Größere internationale Aufmerksamkeit erhielt die Initiative im Zusammenhang mit Besuchen des türkischen Außenministers Hakan Fidan und des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Irak. Bereits im Mai 2023 kamen in Bagdad Verkehrsminister und Vertreter der Europäischen Union, der Weltbank, des Golf-Kooperationsrats, Irans, der Türkei, Syriens und Jordaniens zu einem Gipfeltreffen über die Entwicklungsstraße zusammen.
Während Erdoğans Besuch in Bagdad unterzeichneten Irak, Türkei, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate im April 2024 eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit. Unterzeichnet wurde sie von den Verkehrsministern der vier Länder. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar gelten zugleich als mögliche Investoren.
Die Fertigstellung ist in drei Phasen geplant: 2028, 2033 und 2050. Über die Türkei soll der Irak damit an Europa und weitere internationale Märkte angeschlossen werden. Ob die einzelnen Etappen tatsächlich im vorgesehenen Takt vorankommen, ist eine andere Frage – bei einem Korridor dieser Länge liegen Baustellen, Finanzierungen und politische Interessen naturgemäß nicht immer sauber nebeneinander.
Ein Korridor für Straßen, Strom und Wasser
Bei einem Treffen am 26. September in New York sprachen der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und der irakische Premierminister Mohammed Schia al-Sudani über das gemeinsame Projekt einer „Development Road“, auf das sich beide Länder Anfang des Jahres geeinigt hatten. Vorgesehen sind nicht nur Straßen und Eisenbahnen, sondern auch Wasser- und Strominfrastruktur zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Verbesserung der Sicherheit beider Länder.
Der geplante Transport- und Entwicklungskorridor beginnt am Hafen Faw am Persischen Golf, zieht sich durch den Irak nach Norden, führt weiter durch die Türkei und anschließend nach Europa und Asien. Für die Türkei bedeutete das zugleich einen direkten Zugang zum Persischen Golf. Geplante Nebenabkommen sollen irakische Öllieferungen an die Türkei regeln und dem Irak den Zugang zu Wasser aus Flüssen in der Türkei sichern.
In New York ging es außerdem um die Lage im Gazastreifen und im Libanon. Das Treffen zeigt, wie eng Verkehrsplanung, Energiefragen und regionale Politik in diesem Teil der Welt ineinandergreifen – manchmal in einem einzigen Gespräch.
Alte Pläne, neue Verhandlungen
Ganz neu ist die Idee einer Verbindung zwischen Europa und dem Irak nicht. Ein früher Vorläufer war die Berlin-Bagdad-Bahn im frühen 20. Jahrhundert, deren Bau von den Briten verhindert wurde. In den 1980er Jahren wurde der geplante Korridor als „Trockenkanal“ bezeichnet.
Die Initiative passt zur Zielsetzung des Oasenplans, durch regionale wirtschaftliche Zusammenarbeit Sicherheit und Wachstum in Südwestasien zu fördern. Trotz des Krieges werden auch in anderen Teilen der Region Entwicklungs- und Investitionsprojekte verhandelt.
Am 15. Oktober trafen sich der ägyptische Präsident Abdel Fattah El-Sisi und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman in Kairo. Die Delegationen beider Länder schlossen Wirtschaftsvereinbarungen im Wert von 15 Milliarden US-Dollar. Die Abkommen betreffen unter anderem Industrie, Energie, Technologie und Tourismus.
Wenn in den kommenden Jahrzehnten Züge vom Hafen Al-Faw Richtung Türkei rollen, werden sie also nicht nur Container transportieren. In den Schienen stecken Handelspläne, Energiefragen, alte Rivalitäten und der Versuch, aus einer Landkarte politischen Spielraum zu machen.
