Am 31. Oktober 2026 erinnert ein ausgezeichnetes Freiburger Universitätsprojekt daran, wie eng Flucht, Wissenschaft und Hochschulgeschichte miteinander verbunden sind: Der Soziologe Ercüment Çelik erhielt für sein Projekt „Exil Türkei, 1933–1945“ den Universitätslehrpreis. Gemeinsam mit Studierenden erforschte er die Lebenswege von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die während der NS-Zeit aus Freiburg vertrieben wurden.

Eine dieser Biografien gehört Berta Ottenstein. Sie arbeitete ab 1928 als Assistentin an der Universität Freiburg und habilitierte sich 1931 als erste Frau an der Hochschule. Danach lehrte sie als Privatdozentin an der Medizinischen Fakultät. Etwa anderthalb Jahre später wurde sie wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen. Anschließend ging sie ins Exil; wohin genau, wird in den vorliegenden Informationen nicht genannt.

Auf den Spuren der Freiburger Exilierten

Im Seminar „Exil Türkei, 1933–1945“ reisten zwölf Studierende unter Leitung von PD Dr. Ercüment Çelik nach Istanbul. Sie wollten die Lebenswege jüdischer und politisch verfolgter Wissenschaftler mit Bezug zur Universität Freiburg nachverfolgen, die während der NS-Zeit nach Istanbul emigriert waren. Nach bisheriger Recherche gingen etwa 14 Wissenschaftler von der Universität Freiburg in die Türkei. Insgesamt kamen schätzungsweise 300 deutsche Akademiker, Fachleute und Künstler dorthin.

Viele Exilierte gelangten im Zuge der türkischen Hochschulreformen der 1930er-Jahre ins Land. Sie brachten Fachwissen, moderne Lehr- und Forschungsmethoden sowie Erfahrungen akademischer Freiheit mit. In Medizin, Rechtswissenschaften, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften modernisierten sie Lehrpläne, führten forschungsorientierten Unterricht ein und bildeten eine Generation türkischer Akademiker aus.

Der politische Hintergrund war brutal nüchtern: Nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ von 1933 wurden jüdische und politisch missliebige Wissenschaftler systematisch aus deutschen Hochschulen entfernt. Zugleich suchte die Türkei ausländische Fachkräfte für ihre umfassenden Hochschulreformen.

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Die Freiburger Gruppe begann ihre Reise im Istanbuler Stadtteil Galata. Dort hatten bereits sephardische Juden aus Spanien sowie aschkenasische Juden aus Deutschland und Osteuropa das Viertel geprägt. Mit der 1875 eröffneten unterirdischen Bahn Tünel fuhr sie durch die Stadt und besuchte ein ehemaliges deutsches Buchgeschäft des elsässischen Juden Izidor Karon. Exilwissenschaftler hatten den Laden häufig besucht. Er war Treffpunkt für intellektuellen Austausch und Bezugsquelle für Bücher und antinazistische Zeitungen.

Archive, Hörsäle und ein Gedenkstein

Zum Programm gehörte das Deutsche Orient-Institut. Es hatte vor rund zehn Jahren ein Symposium zu den Exilwissenschaftlern veranstaltet und 2024 eine Ausstellung über Traugott Fuchs gezeigt. Das Institut befindet sich im selben Gebäude wie der 1847 gegründete deutschsprachige Teutonia-Club. Der stellvertretende Institutsleiter Richard Wittman berichtete über das kulturelle Leben der deutschsprachigen Gemeinschaft in Istanbul: Theater, Musik und wissenschaftliche Vorträge gehörten dazu. Er sprach auch über die Internierung Deutscher, darunter Traugott Fuchs, in drei zentralanatolischen Städten während der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs. Dabei ging es ebenso um Antisemitismus innerhalb deutscher Exilkreise nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Am zweiten Tag besuchte die Gruppe die Universität Istanbul. Dort arbeitete die Mehrheit der exilierten deutschen Wissenschaftler über Jahrzehnte. Am historischen Eingang erinnert ein 1986 eingeweihter Gedenkstein dem türkischen Volk für die Aufnahme deutscher Hochschullehrer zwischen 1933 und 1945. An der Zeremonie nahm der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker teil.

Ein als Gedenkort erhaltener Hörsaal trägt den Namen András (Andreas) Bertalan Schwarz. Der frühere Freiburger Professor für römisches und bürgerliches Recht wurde 1886 in Budapest geboren und habilitierte sich 1912. Von 1920 bis 1926 war er Professor für römisches und bürgerliches Recht an der Universität Leipzig, später lehrte er an der Universität Zürich. 1929 trat er eine Professur an der Universität Freiburg an und wurde dort 1933 entlassen.

1934 emigrierte Schwarz in die Türkei und wurde Professor für römisches und bürgerliches Recht an der Universität Istanbul. Bis 1950 blieb er dort, anschließend kehrte er als Gastprofessor nach Freiburg zurück. 1953 starb er in Freiburg.

Im Universitätsarchiv sahen die Studierenden Personalakten mit Berufungsschreiben, Gehaltsunterlagen und Kursbeschreibungen, darunter Dokumente zu aus Freiburg bekannten Wissenschaftlern. Im Dolmabahçe-Palast besichtigten sie außerdem den Ort, an dem die Exilwissenschaftler am 29. Oktober 1933 zum zehnten Jahrestag der Gründung der Türkischen Republik als Ehrengäste empfangen worden waren.

Zwischen Kadıköy, Moda und Burgazada

Die meisten exilierten Wissenschaftler lebten mit ihren Familien in Kadıköy und Moda auf der asiatischen Seite Istanbuls. Die Studierenden besuchten die früheren Wohngegenden, fuhren mit der historischen Straßenbahn und gingen zum Moda-Pier. Eine Fährfahrt über den Bosporus sollte den Alltag der Exilierten nachvollziehbar machen, die regelmäßig zwischen den beiden Stadtteilen unterwegs waren.

Im Seminar erfuhren die Studierenden auch vom „Deutschen Freiheitsbund“, den die Exilwissenschaftler in Istanbul gründeten. Sie verfassten ein Programm mit dem Titel „Was soll werden?“. Darin berieten sie über die Nachkriegsordnung und den Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands. Die Reise endete am Strand der Insel Burgazada. Geplant ist eine Ausstellung mit Geschichten, Fotografien und Reflexionen über das Projekt und die exilierten Wissenschaftler.

Die Geschichte dieses Exils beginnt allerdings nicht erst 1933. Das Osmanische Reich unterhielt seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts enge wirtschaftliche und militärische Beziehungen zum Deutschen Reich. Deutsche waren unter anderem als Berater beim Bau der Bagdadbahn und beim Aufbau militärischer Missionen tätig.

Nach der Machtübernahme der NSDAP flohen viele politisch und rassistisch Verfolgte in die Türkei. Ironisch bezeichneten sie sich als „Deutsche Kolonie B“ – in Abgrenzung zu den „Reichs- und Volksdeutschen“. Antisemitische Verfolgung, berufliche Ausgrenzung und allgemeine Unsicherheit trieben sie fort. Reguläre Arbeitsmigration und politisches Exil ließen sich dabei teilweise schwer unterscheiden.

Reformen, Chancen und Widersprüche

Atatürks Reformen zielten auf eine Verwestlichung der Türkei. Westliche Wissenschaftler und Techniker waren deshalb willkommen. 1933 wurden die türkischen Universitäten reformiert, im Juli desselben Jahres schloss die Regierung erste Verträge mit deutschen Wissenschaftlern. Diese mussten Türkisch lernen und Lehrbücher auf Türkisch verfassen. Im Gegenzug erhielten sie meist gut bezahlte Stellen an Hochschulen und Behörden; teilweise entstanden eigene Institute, die von Exilanten geleitet wurden.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 kamen österreichische Emigranten hinzu, später Flüchtlinge aus von Deutschland besetzten Ländern. Ab 1937 wanderten einige der in die Türkei Geflohenen weiter, vor allem in die USA und nach Großbritannien. Bis 1945 fanden etwa 1.000 deutschsprachige Exilanten Zuflucht in der Türkei.

Der Historiker Stanford J. Shaw beschreibt, wie die türkische Regierung unter Mustafa Kemal Atatürk und Bildungsminister Hasan Âli Yücel die Entlassung jüdischer Wissenschaftler durch Hitler nutzte, um Hunderte von ihnen in die Türkei zu holen. Sie trugen zur Entwicklung von Universitäten, Forschung, Kunst und Musik bei. Gleichzeitig betrieb die Türkei eine nationalstaatliche Politik mit Assimilationsdruck auf andere ethnische Gruppen. Gesetze erschwerten oder verhinderten teilweise die Einwanderung jüdischer Flüchtlinge, türkische Staatsbürger jüdischen Glaubens wurden diskriminiert. Ankara lehnte Versuche Deutschlands ab, in Frankreich lebende türkische Juden in die Türkei zurückzuführen.

Die restriktive Haltung der Türkei und Großbritanniens trug dazu bei, dass die „Struma“ 1942 von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde; fast 800 Menschen starben. Einzelne türkische Diplomaten halfen dennoch Verfolgten. Der Generalkonsul auf Rhodos, Selahattin Ülkümen, rettete etwa 50 Juden vor der Deportation in Vern