Finnland genehmigt weltweit erstes Endlager für hochradioaktiven Atommüll
Heute, am 26. Oktober 2026, blickt Deutschland auf den 50. Jahrestag des Baubeginns des Kernkraftwerks Brokdorf. Am 26. Oktober 1976 begannen dort die Bauarbeiten. Zehn Jahre später, im Oktober 1986, ging Brokdorf nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl als weltweit erste Anlage dieser Art in Betrieb.
Aus diesem Anlass sprach Moderator Frank Meyer mit Klaus-Jürgen Röhlig, dem ehemaligen Professor für Endlagersysteme an der TU Clausthal. Im Mittelpunkt stand eine Nachricht aus Finnland: Das Land hat Ende der vergangenen Woche als erstes weltweit die Betriebsgenehmigung für ein Atommüllendlager erteilt. Damit könnte die Endlagerfrage in Finnland demnächst geklärt sein.
Onkalo wartet noch auf die ersten Brennelemente
Die Anlage heißt „Onkalo“ und liegt bei Eurajoki im Südwesten Finnlands, auf der Insel Olkiluoto vor der finnischen Westküste, etwa 25 Kilometer nördlich von Rauma. Ein genauer Termin für die Betriebsaufnahme steht allerdings noch nicht fest. Vor der ersten Einlagerung müssen Tests und Inspektionen abgeschlossen werden. Die finnische Behörde für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit muss deren Ergebnisse prüfen und genehmigen.
Mit dem Bau des unterirdischen, in den Fels gebohrten Lagers wurde vor 22 Jahren begonnen. Zum Vergleich: Atomkraftwerke werden je nach Land und Reaktortyp meist innerhalb von sieben bis 15 Jahren errichtet. „Onkalo“ wurde in 1,9 Milliarden Jahre altes, festes Grundgestein gebaut und bietet Platz für 6500 Tonnen Uran.
Eingelagert werden sollen abgebrannte Brennelemente aus den fünf finnischen Kernreaktoren. Sie bleiben noch jahrtausendelang hoch radioaktiv. Für die Endlagerung kommen sie in korrosionsbeständige Kupferbehälter, die in Bohrlöcher der Felstunnel abgesenkt werden. Anschließend sollen Bohrlöcher und Tunnel verfüllt und mit stahlverstärkten Betonstopfen verschlossen werden.
Ein Standort mit langer Vorgeschichte
Der Standort Olkiluoto ist nicht erst seit dem Bau von „Onkalo“ mit radioaktiven Abfällen befasst. Das VLJ-Endlager, die sogenannte „Kraftwerksabfallhöhle“, dient der Entsorgung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle aus dem benachbarten Kernkraftwerk Olkiluoto. Betreiber ist Posiva Oy, ein Gemeinschaftsunternehmen der finnischen Energieversorger Teollisuuden Voima (TVO) und Fortum.
Erste Standortuntersuchungen fanden 1980 statt, die Bauarbeiten begannen 1988. Im Mai 1992 wurden die ersten Abfälle eingelagert. Die Betriebsgenehmigung für diesen Teil des Lagers gilt bis Ende 2051.
Das VLJ-Endlager besteht aus zwei Hohlräumen in 60 bis 100 Metern Tiefe. Einer nimmt trockene, schwachradioaktive Abfälle aus der Instandhaltung auf, der andere ist für bituminierte, mittelradioaktive Abfälle vorgesehen. Die Hohlräume liegen in Kristallingestein: Tonalit, umgeben von Glimmergneis. Jeder ist 34 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 24 Metern.
Ursprünglich wurde die Kapazität auf die während einer 40-jährigen Betriebszeit des Kernkraftwerks erwarteten Abfälle ausgelegt – etwa 9.500 Kubikmeter. Später kann das Lager für Stilllegungsabfälle und Abfälle aus neuen Anlagen erweitert werden. Die Abfälle werden in Betonquadern eingelagert, jeder Quader enthält 16 Fässer. Die gesamte Lagerkapazität beträgt 60.000 Kubikmeter.
100 Jahre Genehmigung, dann der Verschluss
Seit 2004 wird am Standort zusätzlich „Onkalo“ für hochradioaktive Abfälle und abgebrannte Kernbrennstoffe aus Olkiluoto und dem Kernkraftwerk Loviisa errichtet. Im November 2015 genehmigte die finnische Regierung den Bau eines Endlagers in 400 bis 450 Metern Tiefe für 6.500 Tonnen in Kupfer eingekapselte radioaktive Abfälle. Zum Schutz vor eindringender Feuchtigkeit sollen die Lagerbehälter mit Bentonit umgeben beziehungsweise verschlossen werden.
Am 30. Dezember 2021 beantragte Posiva beim finnischen Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung die Betriebsgenehmigung für die Verkapselungsanlage und das Endlager. Nach der Fertigstellung begann im September 2024 ein Probebetrieb mit Testbehältern; die reguläre Inbetriebnahme war für 2026 vorgesehen.
Am 22. Oktober 2026 erteilte die finnische Regierung schließlich die weltweit erste Betriebsgenehmigung für ein Endlager für radioaktive Abfälle. Sie gilt für 100 Jahre. Grundlage ist die geplante Laufzeit der vier Kernkraftwerke in Olkiluoto und Loviisa sowie die anschließende Abkühlzeit der Brennelemente. Für eine Verlängerung, etwa wegen des inzwischen betriebenen dritten Reaktors in Olkiluoto, muss eine neue Genehmigung beantragt werden. Nach Ablauf der Betriebsgenehmigung soll das Endlager endgültig versiegelt werden.
Die Anlage liegt bei 61° 14′ 12″ nördlicher Breite und 21° 26′ 32″ östlicher Länge. Unter diesen Koordinaten steckt also eine Entscheidung, auf die die Atomindustrie seit Jahrzehnten wartet – tief unten, wo vom Wind an der finnischen Küste nichts mehr zu hören ist.
Eine alte Suche nach einem dauerhaften Ort
Seit dem Bau der ersten Kernkraftwerke in den 1950er-Jahren suchen Staaten nach Lösungen für den Umgang mit hoch radioaktivem Atommüll. Der größte Teil der Abfälle wird derzeit zwischengelagert. Auch Schweden und Frankreich bauen Endlagerstätten; Finnland wird voraussichtlich als erstes Land ein unterirdisches Endlager in Betrieb nehmen.
Die finnische Genehmigung kommt damit genau in jenem historischen Moment, in dem in Deutschland der Baubeginn von Brokdorf vor 50 Jahren erinnert wird. Zwischen Beton, Reaktoren und der langen Geduld der Endlagersuche liegen diesmal nicht nur Jahrzehnte, sondern auch eine ziemlich konkrete finnische Adresse: Olkiluoto, Gemeinde Eurajoki.
