Frank Würthner wird Associate Editor des Journal of the American Chemical Society
An der Universität Würzburg gibt es ab dem 1. Oktober 2026 einen neuen Associate Editor des Journal of the American Chemical Society (JACS): Frank Würthner, Professor für Organische Chemie, gehört damit zum Redaktionsteam einer der traditionsreichsten Chemiezeitschriften. Die American Chemical Society gründete das Journal 1879.
Würthner leitet an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg den Lehrstuhl für Organische Chemie II und das Zentrum für Nanosystemchemie. Nach Angaben der Universität sind neben ihm derzeit aus Deutschland ausschließlich Direktoren von Max-Planck-Instituten als Associate Editors des JACS tätig. Für Würthner und die Universität ist die Ernennung daher eine besondere Auszeichnung.
Früher Einblick in neue Forschung
Als Associate Editor betreut Würthner Beiträge aus der supramolekularen Chemie, der organischen Materialchemie und der Photochemie. Die Zuständigkeiten sind unter den Associate Editors nach Teilgebieten aufgeteilt. Für ihn liegt der Reiz der Aufgabe auch darin, dass JACS zu den wenigen Chemiezeitschriften gehört, in denen Forschende ihre besten Arbeiten veröffentlichen möchten. Er bekommt dadurch frühzeitig Einblick in neue Forschungsergebnisse – noch bevor sie breiter sichtbar werden.
Seine Verbindung zum Journal ist ohnehin eng: Bislang hat Würthner 69 wissenschaftliche Arbeiten in JACS veröffentlicht. Die erste entstand 1995 während seiner Doktorarbeit in Stuttgart, vier weitere während seiner Habilitationszeit in Ulm. Die übrigen 64 Publikationen kamen während seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit in Würzburg hinzu, wo er seit 2002 arbeitet und lehrt.
Von Stuttgart über Ulm nach Würzburg
Frank Würthner, geboren am 27. Juni 1964 in Schwenningen am Neckar, ist Chemiker mit Schwerpunkten in organischer und supramolekularer Chemie. Ab 1984 studierte er Chemie an der Universität Stuttgart und schloss das Studium 1990 mit dem Diplom ab. Seine Promotion absolvierte er 1993 bei Franz Effenberger. Thema waren Donor-Akzeptor-substituierte Oligothiophene für die molekulare Elektronik.
Danach ging es zunächst über den Atlantik: Als Postdoktorand und Feodor-Lynen-Stipendiat arbeitete Würthner am Massachusetts Institute of Technology bei Julius Rebek. 1995/96 forschte er bei BASF in Ludwigshafen an Farbstoffen für Non-Impact-Printing, Elektrolumineszenz und nichtlineare Optik. Ab 1997 war er Liebig-Stipendiat an der Universität Ulm, wo er sich bei Peter Bäuerle über organische Materialien für die Photonik und supramolekulare Farbstoffchemie habilitierte.
In Würzburg ist Würthner seit 2002 Professor für organische Chemie. 2010 gründete und leitete er das Center for Nanosystem Chemistry, heute Zentrum für Nanosystemchemie. Von 2007 bis 2009 war er Dekan der Fakultät für Chemie und Pharmazie. Gastprofessuren führten ihn 2010 nach Angers, 2010/11 an die Chinesische Akademie der Wissenschaften in Peking und 2013 an die Academia Sinica in Taiwan.
Moleküle, die sich selbst organisieren
Würthner gilt als einer der Begründer der supramolekularen Materialwissenschaft. Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der Synthese supramolekularer Polymere und Nanomaterialien auf Basis funktionaler Farbstoffe. Im Mittelpunkt stehen funktionale Nanosysteme und die Frage, wie sich Moleküle selbst organisieren – ein Vorgang, der in der Chemie gern klein klingt, aber ziemlich große Folgen haben kann.
Untersucht werden unter anderem Merocyanine, Chlorine und Perylenbisimide. Die Materialien könnten in Photovoltaik, organischer Elektronik, Flüssigkristallen, Photonik und Biomedizin eingesetzt werden. Zu Würthners Publikationen zählen Arbeiten über Perylenbisimid-Farbstoffe als Bausteine supramolekularer Architekturen, J-Aggregate und funktionale Farbstoffmaterialien, Donor-Akzeptor-Farbstoffe für organische Photovoltaik, die Selbstorganisation mehrsträngiger Perylen-Farbstoffaggregate sowie die direkte Beobachtung von Exziton-Exziton-Wechselwirkungen.
Ein Beispiel sind pH-sensitive Nanokapseln, die Würthner 2009 aus Perylenbisimid-Farbstoffen entwickelte. Licht vernetzt die Kapseln; in Wasser bleiben sie über einen breiten pH-Bereich stabil. Gemeinsam mit Xin Zhang füllte Würthner sie mit Bispyren-Farbstoff. Je nach pH-Wert verändern die Kapseln ihre Form und ihre Fluoreszenz. So entsteht ein supramolekularer nanoskaliger pH-Sensor.
Wenn Licht Wasser in seine Bestandteile trennt
Ein weiterer Schwerpunkt ist die künstliche Photosynthese. Würthner entwickelt Nanoreaktoren, die Lichtenergie sammeln und photokatalytisch zur Wasserspaltung nutzen. Er ist außerdem am bayerischen Forschungsnetzwerk „Solar Technologies go hybrid“ beteiligt.
2016 gelang ein erster Durchbruch mit der oxidativen Teilreaktion in einem Ruthenium-haltigen Makrozyklus. Zwei Jahre später entwickelte Würthner gemeinsam mit Jacek Stolarczyk und Jochen Feldmann ein System, das Oxidation und Reduktion bei der Wasserspaltung gleichzeitig durchführen kann.
Der Ablauf ist räumlich getrennt: Photonen erzeugen in Cadmiumsulfid-Nanokristallen Elektron-Loch-Paare. An den Spitzen der Nanokristalle nehmen Platinpartikel Elektronen auf; dort entsteht Wasserstoff. An den Seiten fangen Ruthenium-Katalysatoren die Elektronenlöcher ab, dort bildet sich Sauerstoff. Ein winziges System, zwei Reaktionsorte – und ziemlich viel Chemie auf engem Raum.
Preise, Mitgliedschaften und ein dichtes Forschungsnetz
Für seine Arbeit erhielt Würthner unter anderem 2002 den Arnold-Sommerfeld-Preis. 2014 wurde er in die Liste der hochzitierten Wissenschaftler bei Thomson Reuters aufgenommen. 2016 folgten die Aufnahme in die Leopoldina, die Mitgliedschaft als Fellow der Royal Society of Chemistry und ein ERC Advanced Grant. 2017 wurde er Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 2018 erhielt er einen weiteren ERC Advanced Grant. 2019 kam die Adolf-von-Baeyer-Denkmünze hinzu.
Zu den weiteren Auszeichnungen zählen der Elsevier Lectureship Award der Japanese Photochemistry Association, der Elhuyar-Goldschmidt Award der Königlich Spanischen Gesellschaft für Chemie und der Ta-shue Chou Lectureship Award in Taiwan. Außerdem ist Würthner Mitglied des Vorstands des Bayerischen Polymer-Instituts.
Am 14. Oktober 2026 sitzt er nun zusätzlich im Redaktionsteam des 1879 gegründeten JACS – mit Blick auf neue Arbeiten aus supramolekularer Chemie, organischer Materialchemie und Photochemie. Die nächste Einreichung wird dabei vermutlich nicht lange auf sich warten lassen.
