Heute, am 14.10.2026, geht es an der TU Berlin um eine unbequeme Frage: Reicht Recycling, damit Europa klimaneutral wird? Forscher der Nanjing University of Information Science and Technology und der Princess Nourah bint Abdulrahman University sagen klar: nein. Kreislaufwirtschaft und grüne Technologien helfen nicht automatisch – unter bestimmten Bedingungen können die Emissionen kurzfristig sogar steigen.

Die EU will bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens 55 Prozent sinken. Für 2040 ist ein Rückgang um etwa 90 Prozent vorgesehen. Ab 2050 sollen verbleibende Emissionen durch CO₂-Entnahmen ausgeglichen werden, damit Netto-Null erreicht wird.

Recycling braucht Energie

Eine ökonometrische Studie wertete 675 Länder-Jahres-Beobachtungen aus den Jahren 2000 bis 2024 aus. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Die ökologischen Vorteile der Kreislaufwirtschaft hängen vom jeweiligen Emissionsniveau und von den konkreten Rahmenbedingungen ab. Abfälle zu sammeln, zu sortieren und aufzubereiten, verursacht zunächst zusätzliche Emissionen. Das klingt banal, wird in politischen Debatten aber gern unter den Tisch gekehrt.

Gerade energieintensive Branchen stehen dabei im Mittelpunkt. Stahl, Chemie und Fertigung verursachen laut den Forschern etwa 27 Prozent der industriellen Treibhausgasemissionen Europas. Auf sie entfallen außerdem mehr als 35 Prozent der Schwefeloxidemissionen und 31 Prozent der Stickoxidemissionen. Die Industrialisierung bleibt für wirtschaftliche Entwicklung und Strukturwandel wichtig, treibt aber weiterhin CO₂-Emissionen, Energieverbrauch und Rohstoffgewinnung nach oben.

Der Europäische Grüne Deal und der Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft sollen Wirtschaftswachstum und Umweltbelastung voneinander entkoppeln – durch Recycling, Abfallvermeidung und die Rückgewinnung von Ressourcen. Immerhin erwirtschaften kreislaufwirtschaftliche Aktivitäten Schätzungen zufolge bereits mehr als 600 Milliarden Euro, vor allem durch effizientere Ressourcennutzung und Abfallverwertung. Rund 11,8 Prozent des Materialverbrauchs in der EU stammen inzwischen aus recycelten oder anderweitig wiederverwendeten Sekundärmaterialien.

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Erneuerbare Energien als verlässlichere Stellschraube

Als zuverlässigstes Instrument zur Emissionssenkung empfehlen die Autoren den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien. Recycling bleibt wichtig, ist aber kein Freifahrtschein. Ohne sauberen Strom kann selbst eine gut organisierte Kreislaufwirtschaft in der ersten Phase mehr Emissionen verursachen – ein ziemlich sperriger Haken an einer eigentlich eingängigen Idee.

Die EU hat dafür Umwelt-, Energie- und Klimaziele für 2030 und 2040 festgelegt. Der Fahrplan soll Regierungen, Unternehmen und Bürgern helfen, Energiesysteme zu modernisieren und Umweltverschmutzung zu verringern. Dazu gehören Klimaziele und -strategien, Energieeffizienzziele für 2030, Ziele für erneuerbare Energien bis 2030, Umweltziele für 2030, die Biodiversitätsstrategie bis 2030, die Null-Schadstoff-Vision bis 2050 und die EU-Beteiligung an der UN-Klimakonferenz. Auch eine langfristige Klimastrategie bis 2050 sowie eigene Themenbereiche für die Klimaziele 2030 und 2040 gehören dazu.

Das verbindliche Ziel für erneuerbare Energien am Endenergieverbrauch wurde durch die am 22. November 2023 eingeführte überarbeitete Erneuerbare-Energien-Regelung von 30 auf 42,5 Prozent erhöht; angestrebt werden 45 Prozent. Die überarbeitete Energieeffizienzregelung erhöhte das EU-Ziel für den Endenergieverbrauch um 11,7 Prozent. Für 2030 gelten dadurch ein Primärenergieverbrauchsziel von 992,5 Millionen Tonnen Öläquivalent (Mtoe) und ein Endenergieverbrauchsziel von 763 Mtoe.

Von den 2020-Zielen zum Fit-for-55-Paket

Die EU hat sich im Rahmen des Pariser Übereinkommens und eigener Beschlüsse zu Klima- und Energiezielen verpflichtet. Das Abkommen von 2015 wurde von 197 Staaten, darunter der EU und Deutschland, vereinbart. Die menschengemachte Erderwärmung soll bis zum Ende des Jahrhunderts auf deutlich unter 2 °C, möglichst auf 1,5 °C, begrenzt werden.

Das 2009 beschlossene Klima- und Energiepaket für 2020 sah vor, die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 20 Prozent zu senken – bei vergleichbaren Zusagen anderer Industrieländer um 30 Prozent –, den Anteil erneuerbarer Energien am Endenergieverbrauch auf 20 Prozent zu erhöhen und die Energieeffizienz gegenüber einer Entwicklung ohne zusätzliche Maßnahmen um 20 Prozent zu steigern. Die Ziele für 2020 wurden erreicht oder teilweise übertroffen. Beim Treibhausgasminderungsziel spielte allerdings auch der wirtschaftliche Einbruch während der Corona-Pandemie eine Rolle.

Das Ziel für erneuerbare Energien wurde 2020 erreicht, teilweise wegen sinkender Kosten für Wind- und Solarenergie. Mitgliedstaaten, die ihre Ziele verfehlten, wurden durch die Übererfüllung anderer Staaten ausgeglichen. Für 2030 müssen die Ausbauraten nun deutlich steigen.

Bei der Energieeffizienz kehrte sich der seit 2014 beobachtete Trend steigenden Energieverbrauchs, insbesondere im Verkehr, um. Eine starke Verbesserung zwischen 2019 und 2020 war maßgeblich dafür, dass das 2020-Ziel erreicht wurde. Für 2030 sind neue Maßnahmen und deutlich höhere Anstrengungen erforderlich, besonders im Gebäudesektor.

Mit dem EU-Klimagesetz wurde das Langfristziel angehoben: Statt einer Emissionsminderung von 80 bis 95 Prozent strebt die EU Netto-null-Treibhausgasemissionen und anschließend negative Emissionen ab 2050 an. Emissionssenken können dabei Emissionsquellen ausgleichen. 2021 beschloss die EU, bis 2050 der erste treibhausgasneutrale Kontinent zu werden, und legte dafür Zwischenziele fest.

Das EU-Zwischenziel für 2030 wurde von 40 auf 55 Prozent Emissionsminderung gegenüber 1990 erhöht. Für dieses Ziel müssten die jährlichen Emissionsminderungen gegenüber den Projektionen mit bestehenden Maßnahmen nahezu verdreifacht werden. Das „Fit-for-55“-Paket soll dabei helfen und umfasst unter anderem die Überarbeitung der genannten Verordnungen und Regelungen sowie weiterer Gesetzespakete.

2040 ist noch nicht ausgemacht

Für 2040 wurde ein Verfahren zur Festlegung eines Klimaziels eingeleitet. Eine Folgenabschätzung der EU-Kommission zu einem möglichen Minderungsziel von 90 Prozent gegenüber 1990 bildet die Grundlage für ein solches Ziel. Das neu gewählte EU-Kabinett soll ein entsprechendes 2040-Ziel gesetzlich verankern.

Die mittel- und langfristigen Ziele verlangen deutlich größere Anstrengungen als die Etappe bis 2020. Der Blick auf Recycling allein führt deshalb in die falsche Richtung. Entscheidend ist, womit Sortieranlagen, Schmelzöfen und Fabriken betrieben werden – und wie schnell Wind- und Solarenergie ausgebaut werden.

Der Artikel des Umweltbundesamtes wurde zuletzt am 8. Dezember 2025 aktualisiert. Für den Weg zur Klimaneutralität bleiben damit viele Stellschrauben offen: weniger Abfall, bessere Rückgewinnung von Rohstoffen, sparsamere Gebäude, ein sauberer Energiemix und industrielle Verfahren, die nicht bloß Material im Kreis schicken, sondern dabei auch weniger Emissionen erzeugen.