Frankreich erlebt seit September 2026 eine Protestwelle, die an Schulen begann und längst weit darüber hinausreicht. Inzwischen geht es um fehlende Lehrkräfte, Unterrichtsausfall, schlechte Ausstattung und größere Klassen – aber auch um hohe Sprit- und Lebenshaltungskosten, niedrige Löhne und unzureichende Einkommen. Am Samstag, 17. Oktober, demonstrierten laut Regierung rund 550.000 Menschen; die CGT sprach von 800.000. Viele Kundgebungen verliefen friedlich. In mehreren Städten brannten jedoch Gebäude, Autos wurden zerstört, Geschäfte geplündert, und zahlreiche Polizisten und Gendarmen wurden verletzt.

Für Studierende und Beschäftigte an der Uni Frankfurt ist der Blick nach Frankreich auch deshalb interessant, weil die Proteste ursprünglich sehr konkrete Bildungsfragen betrafen. Am 21. September begannen an einem Gymnasium in der Pariser Banlieue Schülerproteste. Gefordert wurden mehr Geld für Grundschulen, weiterführende Schulen und Universitäten, weniger Unterrichtsausfall wegen fehlender Lehrkräfte, mehr Chancengleichheit sowie die Abschaffung oder Änderung der Plattform „Parcoursup“ zur Vergabe von Studienplätzen. Schüler- und Studierendenvertretungen verlangen zusätzliche Bildungsinvestitionen von 10 Milliarden Euro.

Vom Klassenzimmer auf die Straße

In den folgenden Wochen wurden weitere Schuleingänge blockiert, Lehrer und Eltern schlossen sich an. Berichte nennen an einzelnen Schulen provisorische Räume, fehlende Möbel, unbesetzte Stellen, Ratten und beschädigte Gebäude. Parcoursup gilt vielen als undurchsichtig. Die Plattform soll nach den Forderungen der Protestierenden abgeschafft werden.

Über soziale Netzwerke und reaktivierte Chatgruppen fanden ganz unterschiedliche Gruppen zusammen: Landwirte, Pflegekräfte, Feuerwehrleute, Gewerkschaften, Angehörige der Gelbwestenbewegung und weitere Berufsgruppen. Eine einheitliche Führung oder ein gemeinsames Programm ist nicht belegt. Der Konflikt fällt mitten in die Verhandlungen über den französischen Staatshaushalt 2027. Premierminister Sébastien Lecornu will das Haushaltsdefizit um Maßnahmen im Umfang von 43 Milliarden Euro reduzieren. Seine Regierung hat in der Nationalversammlung keine eigene Mehrheit; gestritten wird vor allem darüber, wer die finanziellen Belastungen tragen soll.

Ein allgemeiner Rückgang des Schuletats lässt sich aus dem Haushaltsentwurf allerdings nicht ableiten: Für die Schulbildung sind rund 65,5 Milliarden Euro vorgesehen, nach rund 64,4 Milliarden Euro im ursprünglichen Budget 2026. Die Protestierenden bezweifeln trotzdem, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. Das Bildungsministerium kündigte mehr als 3.000 Vertretungslehrkräfte, mehrere hundert zusätzliche Einstellungen und mehr kurzfristige Vertretungsstunden an. Die Lehrergewerkschaft SNALC wendet ein, die 3.000 Vertretungslehrkräfte seien überwiegend bereits vorhandenes Personal und passten nicht unbedingt zu den offenen Stellen.

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Die Regierung will außerdem Tankhilfen und Energiezuschüsse für Menschen mit niedrigem Einkommen auszahlen oder zusichern; für Landwirte sind weitere Hilfen vorgesehen. Premierminister Lecornu soll Gespräche mit Schülern, Studierenden, Lehrkräften, Gewerkschaften, Arbeitgebern und weiteren Gruppen organisieren. Eine anonyme Onlinebefragung zu Problemen und Verbesserungsvorschlägen läuft bis zum 23. Oktober, erste Bildungsentscheidungen sind für Ende Oktober angekündigt.

Palästina-Fahnen, „Free Gaza“ und antisemitische Parolen

Mit der Ausweitung veränderte sich das Bild auf den Straßen. Bei den Protesten tauchten zunehmend Palästina-Flaggen und Kufiyas auf. Forderungen zum französischen Bildungssystem wurden unter anderem in Paris und Marseille mit der Forderung nach der Befreiung Palästinas verbunden. Rot, Schwarz, Weiß und Grün – die Farben der palästinensischen Flagge – waren auf Demonstrationen und in sozialen Medien allgegenwärtig.

Palästina wird in den offiziellen Forderungen der Schülerorganisationen nicht erwähnt, ist bei den Protesten aber sichtbar präsent. Eine 17-jährige Schülerin sagte gegenüber „L’Humanité“, Gaza sei eine wichtige Sache, die zu wenig Aufmerksamkeit erhalte. Vertreter der Partei „La France insoumise“ nahmen wiederholt teil. Die Partei wird von Jean-Luc Mélenchon geführt, der seit dem 8. Oktober 2023 die Rechte der Palästinenser unterstützt und Israel kritisiert. Rechtsextreme Mandatsträger kritisierten ab dem 1. Oktober die palästinensischen Fahnen. Julien Odoul, Sprecher des „Rassemblement National“, nannte die Verbindung der Themen einen Vorwand zur Förderung von Chaos und Gewalt.

Zusätzlich zu den Fahnen wurden weiße Banner mit „Free Ali“ gezeigt. Gemeint ist ein palästinensischer Flüchtling aus dem Westjordanland, der in Frankreich wegen des Verdachts auf Beteiligung an einer terroristischen Verschwörung inhaftiert ist. Der französische Kassationsgerichtshof bestätigte am 29. September die Fortdauer seiner Haft und folgte damit dem Pariser Berufungsgericht. Bei landesweiten Demonstrationen am darauffolgenden Wochenende entwickelten sich die Schülerproteste laut dem Bericht zu politischen Unruhen.

In Marseille wurden Büsten der Marianne beschädigt. Rathäuser, unter anderem in Limoges, wurden belagert und teilweise angezündet. Geschäfte in Paris wurden geplündert, in Lyon gingen Tourismusbüros in Flammen auf. Aus Lille, Marseille, Bordeaux, Montpellier und Paris wurden schwere Verwüstungen berichtet. Palästina-Flaggen wurden an der Statue Jeanne d’Arcs und auf der Place de la République in Paris gezeigt. In Limoges brannte das historische Rathaus, in Marseille wurde das Rathaus gestürmt und außerdem Geschäfte geplündert.

Deutsche Medien, darunter ARD und ZDF, bezeichneten die Ausschreitungen weiterhin als „Bildungsproteste“, die außer Kontrolle geraten seien. Kritiker halten dagegen, dabei werde ein mutmaßlicher Migrationshintergrund vieler Beteiligter häufig nicht erwähnt. Als wiederkehrendes Symbol nennt der Bericht Palästinenser-Fahnen und -Schals, die von vermummten Jugendlichen gezeigt würden; an Hausfassaden standen Slogans wie „Free Gaza“ und „Free Palestine“.

Besonders verstörend sind die dokumentierten antisemitischen Äußerungen. Ein Demonstrant hielt vor Polizisten ein Schild mit dem Satz: „Hört auf, uns zu vergasen, wir sind keine Juden.“ Ein vermummter Demonstrant griff die Polizei wegen des Einsatzes von Tränengas mit demselben antisemitischen Satz an, während Lacher zu hören gewesen seien. Zwei Wochen zuvor schwenkten Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren in Carpentras eine palästinensische Flagge vor einer brennenden Mülltonne und skandierten antisemitische Parolen.

In Paris wurde die Ohalei-Yaakov-Synagoge im 19. Arrondissement verwüstet. In Marseille wurden jüdische Geschäfte geplündert und angezündet. Präsident Emmanuel Macron äußerte sich bestürzt über die Gewalt und die Angriffe auf Frankreich. Der Artikel stellt angesichts dieser Vorfälle die Frage, wie Frankreich den Schutz seiner jüdischen Bevölkerung gewährleisten kann.

Was steckt hinter der Eskalation?

Der Extremismus-Experte Ahmad Mansour erklärte, es handle sich nicht mehr um Schulproteste. Linksradikale und migrantische Gruppierungen hätten die Bewegung instrumentalisiert und übernommen. Westliche Staaten wie Frankreich und Deutschland würden von einigen Gruppen wegen ihrer demokratischen Werte und ihrer gesellschaftlichen Ordnung abgelehnt; dadurch sinke die Hemmschwelle für Gewalt.

Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter führt die wiederkehrenden Gewaltausbrüche in Frankreich auf eine aus ihrer Sicht dysfunktionale Migrationspolitik zurück. Linksradikale würden seit Jahren gemeinsam mit Islamisten gegen die französische Gesellschaft mobilisieren. Schröter behauptete außerdem, ganze Viertel größerer Städte stünden unter der Kontrolle von Salafisten, die von kommunistischen Bürgermeistern gefördert würden.

Auch ein Beitrag des Medienaktivisten Ayman al-Aloul aus Gaza wird in diesem Zusammenhang angeführt. Er schrieb auf X: „Wir haben Palästina verloren und sind auf dem Weg, Paris zu erobern.“ Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte zuvor einen palästinensischen Staat anerkannt. Macron machte später vor allem ultralinke Splittergruppen und hinzugekommene Kriminelle für die Ausschreitungen verantwortlich. Die Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau konnte eine Zugehörigkeit der dort festgehaltenen Personen zu ultralinken Gruppen allerdings nicht bestätigen. Verantwortlichkeiten für konkrete Angriffe und Brandstiftungen werden weiter ermittelt.

Am Sonntag setzte die Polizei in Paris Tränengas und einen Wasserwerfer ein; erneut kam es zu Zusammenstößen und Plünderungen. Das Innenministerium meldete für den 17. Oktober 2.397 Festnahmen sowie 997 verletzte Polizisten und Gendarmen, darunter sieben Schwerverletzte. Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf