Heute, am 31. Oktober 2026, richtet sich der Blick auf die Straßen: Das Bündnis „Gen Z regelt“ hat für Samstag in 32 Städten zu Demonstrationen aufgerufen. In Potsdam und anderswo geht es um ungleiche Bildungschancen und soziale Gerechtigkeit – grundsätzlich sind die Proteste friedlich geplant.

Gleichzeitig bereitet sich die Berliner Polizei auf einen Großeinsatz vor. Rund 1.500 Polizistinnen und Polizisten sollen mögliche Gewaltexzesse verhindern. Der brandenburgische CDU-Innenminister Jan Redmann warnt vor „französischen Verhältnissen“. In Frankreich und Italien war es bei vergleichbaren Protesten teilweise zu Krawallen und Ausschreitungen gekommen.

Viele Baustellen, ein gemeinsamer Aufruf

Der Journalist Frank Meyer spricht auf radio3 mit Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam. Die Themenliste des Bündnisses ist lang: Wehrpflicht, steigende Lebenshaltungskosten und ihre ungleiche Verteilung, marode Schulen und Kürzungen im Bildungssystem, Gesundheit und der eingeschränkte Zugang zu Psychotherapie, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Rechtsruck und Krieg.

Der gemeinsame Kern: Viele junge Menschen fühlen sich durch politische Entscheidungen belastet, ohne ausreichende Lobby oder Mitbestimmung. Im Positionspapier steht der Satz: „Ohne uns läuft die Zukunft nicht.“ Das klingt selbstbewusst. Vielleicht muss es das auch.

Konny Schmitz, 16 und Organisator in Wuppertal, wurde nach eigenen Angaben durch zunächst friedliche Proteste in Frankreich inspiriert. Er hat den Eindruck, dass die Regierung die junge Generation vergisst. Seine Forderung: mehr Investitionen in Bildung statt steigender Ausgaben für Waffen. Er verweist auf kaputte Schulen, fehlende Förderangebote, den Wegfall von Jugend-Suchthilfe und schwer erreichbare Psychotherapie. Dazu kämen Leistungsdruck, teure Schulsachen und die geplante Wehrpflicht. In Wuppertal werden laut Schmitz rund 150 Teilnehmende erwartet.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Emily-Melissa Schoon, ebenfalls 16 und Mitorganisatorin in Münster, verbindet Klimaschutz, Bildung, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und den Kampf gegen den Rechtsruck mit einer einfachen Frage: Wessen Bedürfnisse berücksichtigen politische Entscheidungen eigentlich? Sicherheit bedeute mehr als militärische Verteidigung, sagt sie. Sie fordert unter anderem eine gute Gesundheitsversorgung für chronisch kranke Menschen. Bildungs- und soziale Gerechtigkeit will sie nicht als Generationenkonflikt behandeln; junge Menschen sollten gemeinsam auf ein selbstbestimmtes Leben hinarbeiten.

David, 22, Mitorganisator in Wuppertal, nennt Kürzungen bei Bildung, Gesundheit und Rente sowie hohe Ausgaben für Militarisierung. Er möchte den Widerstand gegen gesellschaftliche Krisen stärken und eine Zukunft fördern, in der Menschen zusammenarbeiten.

Zwischen Hoffnung und Sorge vor Gewalt

Marie Hacker, 17, Schülervertreterin aus Köln, berichtet, dass die Proteste unter Jugendlichen stark diskutiert werden. Lehrermangel, Leistungsdruck und unsanierte Schulgebäude haben sie politisch aktiv gemacht. Sie will friedlich demonstrieren und den Fokus auf Bildung legen. In den Protesten sieht sie Hoffnung und die Möglichkeit gemeinsamer politischer Einflussnahme – frustriert ist sie darüber, dass politische Aufmerksamkeit ihrer Ansicht nach nicht ausreichend auf der Jugend liegt.

Lea, 18, aus Wuppertal, will gegen sogenannte strukturelle Gewalt protestieren. Sie meint damit Gewalt durch die Polizei, im persönlichen Umfeld, Rassismus sowie Krieg und Besatzung. Tobias, 21, ebenfalls aus Wuppertal, kritisiert, dass junge Menschen möglicherweise für einen Staat kämpfen sollen, der gleichzeitig bei Zukunftsbereichen kürze und diese beschädige.

Aleyna Karaca, 20, Vorsitzende der Jusos Wuppertal, befürwortet, dass junge Menschen sich für Veränderungen einsetzen. Sie fordert eine politische Debatte, in der Jugendliche ernst genommen werden, und nennt bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, finanzielle Sicherheit und verlässliche Gesundheitsversorgung als zentrale Anliegen. Kürzungen in für junge Menschen wichtigen Bereichen kritisiert sie.

Lina Giannone, 21, Kreisvorsitzende der Jungen Liberalen Wuppertal, verlangt mehr Mitbestimmung junger Menschen und eine bessere Bildungspolitik. Die Jungen Liberalen begrüßen laut ihr das Engagement für bessere Bildungschancen. Zugleich warnt Giannone wegen entsprechender Social-Media-Beiträge vor Gewalt: Friedlicher Protest sei ein demokratisches Recht, Gewalt jedoch kein demokratisches Argument.

Finn Grimsehl-Schmitz, 26, Grünen-Politiker aus Solingen, verbindet ökologische und soziale Fragen. Anliegen junger Menschen fänden in der Bundespolitik weniger Beachtung, bedauert er. Klimaschutz und öffentliche Infrastruktur seien zentrale Zukunftsaufgaben; eine stärkere Politisierung und Proteste befürwortet er. Selbst demonstrieren will er nicht, möglicherweise aber vor Ort zuschauen.

Daniel Pilz, 24, SPD-Fraktionsvorsitzender im Remscheider Stadtrat, hält fehlende Investitionen in Bildung, hohe Lebenshaltungskosten und fehlende Perspektiven für nachvollziehbare Gründe der Proteste. Auch die kommunale Politik werde durch Einsparungen von Land und Bund belastet. Einen Generationenkonflikt sieht Pilz eher nicht. Er fordert eine gerechtere Verteilung der Lasten, statt auf Kosten der jungen Generation zu sparen, und will Investitionen in Sicherheit nicht grundsätzlich gegen andere Bereiche ausspielen. Friedliche Proteste unterstützt er; die Mobilisierung könnte seiner Hoffnung nach ähnlich groß werden wie bei Fridays for Future.

Soufian Goudi, 29, von der SPD und Bezirksbürgermeister von Wuppertal-Elberfeld, kann die Proteste nachvollziehen. Er verweist auf Krisenerfahrungen, steigende Lebenshaltungskosten sowie ungleiche Herkunfts- und Bildungschancen. Bei vielen jungen Menschen gebe es offene Fragen zu ihren gesellschaftlichen Perspektiven. Dass die Demonstrationen friedlich bleiben, erwartet er.

Marie Hacker hält mögliche Gewalt für einen kleinen Teil des Geschehens und fordert, die inhaltlichen Themen in den Mittelpunkt zu stellen. Konny Schmitz erwartet in Wuppertal wegen der geringen Teilnehmerzahl keine Unterwanderung durch gewaltbereite Personen; in größeren Städten könne das eher ein Thema sein. Finn Grimsehl-Schmitz sieht wegen der thematischen Breite ein mögliches Risiko der Vereinnahmung, warnt aber vor Vorverurteilungen.

Das Bündnis ruft dazu auf, keine Masken zu tragen und identifizierbar zu bleiben. Dass die Demonstrationen am Halloween-Abend stattfinden, macht die Frage nach Vermummung zusätzlich relevant.

Protest als politischer Lernort

Der 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung aus dem Herbst 2020 untersucht unterschiedliche Räume politischer Selbstbildung. Neben Schule, Ausbildung, Jugendarbeit, Hochschule und Freiwilligendiensten berücksichtigt er Jugendkulturen sowie soziale und Protestbewegungen. Politische Bildung wird darin als selbstbestimmter Prozess verstanden, in dem Jugendliche und junge Erwachsene Mündigkeit entwickeln – orientiert an Menschenwürde, Gerechtigkeit, Gleichheit, Frieden, Solidarität, Emanzipation und Freiheit.

Politik umfasst nach diesem Verständnis alle Aktivitäten und Strukturen, die allgemein verbindliche und öffentlich relevante Regelungen herstellen, durchsetzen oder infrage stellen. Demokratie gilt als historisch entstandene und fortlaufend auszuhandelnde Ordnung. Der Bericht grenzt sich deshalb von einem rein hierarchischen Vermitteln demokratischer Werte ab und betont Selbstbildung sowie die aktive Konstruktion des Subjekts.

Die Einteilung in verschiedene Bildungsräume soll zeigen, dass politische Bildung je nach Lebenskontext unterschiedlich ermöglicht, gefördert oder verhindert wird. Familien, digitale Räume, Jugendkulturen und soziale Bewegungen sind weniger durch professionelle Fachkräfte geprägt als viele andere Bildungsorte. Jugendkulturen und soziale Bewegungen werden überwiegend den informellen Bildungsprozessen zugerechnet. Politische Bildung findet also nicht nur in professionellen Einrichtungen statt, sondern auch in selbstorganisierten und informellen Zusammenhängen.

Die Kommission unterscheidet dabei Strukturen, Aktionsformen und Reichweiten eines breiten Spektrums junger Szenen und Bewegungen. Nicht alle Gruppierungen entsprechen dem demokratischen Verständnis des Berichts: Bei nationalistischen und rechtsextremen Gruppen sowie einzelnen Gruppierungen anderer politischer Richtungen sind demokratische, humanistische und rechtsstaatliche Prinzipien teilweise nicht erkennbar.

Nach dem weiten Politikbegriff schaffen junge Menschen durch gemeinsames öffentliches Handeln selbst den Raum, in dem sie sich artikulieren und politische Bildungsprozesse stattfinden. Als Akteure sozialer Bewegungen können sie sich zu legitimen Sprecherinnen und Sprechern politischer Anliegen ermächtigen. Zentral sind Offenheit und Freiwilligkeit. Diese Räume bleiben ständig in Bewegung und verändern sich fortlaufend – was allerdings Gelegenheiten zur Distanzierung, Reflexion und Kontemplation einschränken kann.

Jugendbewegungen und Szen