Heimliche Mitbewohner: Wie naturnahe Gärten die Artenvielfalt fördern
Wer heute, am 29. Oktober 2026, durch den Botanischen Garten der Uni Münster geht, kann auf dem Freigelände noch in die Ausstellung „Wilde Vielfalt im Garten“ hineinschauen. Zu sehen ist sie bis zum 1. November. Los geht es am Holzpavillon direkt am Eingang.
Auf 16 Thementafeln geht es um verschiedene Organismengruppen und um ökologische Zusammenhänge, die im Gartenalltag leicht untergehen. Ergänzend erklären 18 Steckbriefe unterschiedliche Lebensräume und ihre Bewohner. Dazu kommen praktische Tipps: Wie lässt sich Artenvielfalt zu Hause, im Garten oder auf dem Balkon fördern?
Heimliche Mitbewohner zwischen Pflanzen und Wegen
Die Ausstellung des Verbands Botanischer Gärten trägt das Thema „Heimliche Mitbewohner“. Gemeint sind wild vorkommende Tiere, Pilze und andere Organismen in Botanischen Gärten – also all jene Lebewesen, die nicht auf dem Pflanzenschild stehen, aber trotzdem dazugehören. Vorgestellt werden Pilze, Moose, Kleinstlebewesen, Insekten und Wirbeltiere ebenso wie ihre Lebensräume.
Grundlage sind die Bioblitz-Ergebnisse des Vorjahres. Die Schau lenkt den Blick damit über die angepflanzten Pflanzen hinaus auf die biologische Vielfalt, die sich dazwischen, darunter und darüber entwickelt. Tipps zeigen außerdem, wie Gärten und Balkone zu Lebensräumen für viele Arten werden können.
Die Ausstellung ist über das Gelände verteilt und lässt sich bei einem Rundgang anhand eines Lageplans entdecken. Als Ausstellungsorte werden Schlossgarten und Nutzpflanzengarten genannt. Der Botanische Garten Bonn führt für die Ausstellung den Zeitraum von Dienstag, 16. Juni 2026, bis Sonntag, 25. Oktober 2026, an. Das Veranstaltungsformat ist eine Ausstellung, das Themengebiet Artenvielfalt, die Zielgruppe sind alle Interessierten.
Der Eintritt ist frei; an Wochenenden und Feiertagen gilt der allgemeine Garteneintritt. Eine Reservierung ist nicht erforderlich. Veranstalter sind die Botanischen Gärten. Für Rückfragen nennt das Gartensekretariat die Adresse botgart@uni-bonn.de und die Telefonnummer +49 228 73-5523. Der Lageplan ist online unter diesem Link abrufbar.
Warum jeder kleine Garten zählt
Artenvielfalt im Garten gilt als Hinweis auf ein funktionierendes Ökosystem. Pflanzen, Verstecke und unterschiedliche Strukturen liefern Tieren Nahrung und Lebensraum. Das klingt zunächst nach einer stillen Gartensache, bekommt aber angesichts des Artenrückgangs ordentlich Gewicht.
In Schleswig-Holstein stehen 65 Prozent der 92 beobachteten Tag- und Dickkopffalter-Arten auf der Roten Liste. Bei der NABU-Zählaktion „Stunde der Gartenvögel“ wurden Mehlschwalben 26 Prozent und Mauersegler 37 Prozent seltener gezählt als in den Vorjahren. Der Bestand des Gartenschläfers ist europaweit innerhalb von 30 Jahren um rund 50 Prozent zurückgegangen; als Gründe gelten unter anderem Insektizide und Rattengifte.
Auch Igel werden seltener. Neben dem Verlust von Lebensraum sind Mähroboter ein Problem: Bei Gefahr fliehen Igel nicht, sondern rollen sich zusammen. Unbeaufsichtigte Geräte können sie deshalb verletzen oder töten. Der BUND Hessen fordert ein Nachtfahrverbot für Mähroboter.
Der Biologe Thomas Schmitt weist zugleich darauf hin, dass Gärten nicht isoliert betrachtet werden können. Mehr als die Hälfte der deutschen Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt, Wälder und Gehölze bedecken rund 30 Prozent. Werden diese Lebensräume zerstört, erreichen viele Tiere auch private Gärten nicht. Monokulturen laugen Böden aus und bieten Tieren kaum Platz; Pflanzenschutzmittel können für sie giftig sein.
Weniger schneiden, mehr stehen lassen
Gärten und Schrebergärten können kleine Inseln der Artenvielfalt sein. Blumen, Wiesenkräuter sowie Obst- und Gemüsepflanzen machen sie vielfältiger als eine glatt gemähte Fläche. Naturnahe Wiesen und Hecken sind für Tiere geeigneter als kurz geschnittener Rasen.
Auf Pflanzenschutzmittel sollte möglichst vollständig verzichtet werden. Tiere nehmen die Chemikalien über ihre Nahrung auf, außerdem können sie in den Boden und ins Grundwasser gelangen. Schneckenkorn und Pilzmittel gehören zu den Dingen, die besser vermieden werden.
Die NABU-Gartenexpertin Melanie Konrad empfiehlt strukturreiche Gärten mit heimischen Pflanzen und naturbelassene Bereiche. Totholz sowie Laub- und Steinhaufen bieten Verstecke und Überwinterungsplätze, Vogelhäuser und Insektenhotels zusätzliche Nischen. Brennnesseln und Gräser dürfen ruhig stehen bleiben – unter anderem dienen sie Raupen als Nahrung. Ein bisschen Unordnung kann da ziemlich nützlich sein.
Abends sollte die Gartenbeleuchtung auf das Nötigste beschränkt werden. Künstliches Licht lenkt Nachtfalter vom natürlichen Mondlicht ab. Eine Studie im „Journal of Applied Ecology“ zeigte, dass sich Gitterspanner-Larven bei dauerhafter schwacher Beleuchtung schneller zu Faltern entwickelten als bei abgedunkelten Ruhephasen. Dadurch können sie kalten Temperaturen ausgesetzt sein und sterben.
Helle Beleuchtung kann außerdem Glühwürmchen bei der Partnersuche stören, weil die Leuchtsignale der Weibchen überstrahlt werden. Fledermäuse können ihre Flugrouten verändern, später mit der Nahrungssuche beginnen und dadurch weniger Zeit zur Jagd haben.
Schottergärten bieten kaum Lebensraum und sind in einigen Teilen Deutschlands bereits verboten. Wo Flächen großflächig mit Steinen und Kies bedeckt sind, heizen sich Städte im Sommer stärker auf, weil die Steine Wärme bis in den Abend speichern. Bei versiegelten Böden verschlechtert sich außerdem der Abfluss von Starkregen.
Das grundlegende Prinzip, das Konrad empfiehlt, ist denkbar schlicht: weniger mähen und stutzen, mehr Bereiche der Natur überlassen. Im Botanischen Garten beginnt dieser Rundgang am Holzpavillon – und führt vielleicht zu ein paar Stellen, an denen man künftig genauer hinschaut.
