Hermann Scheuringer erhält Ehrendoktorwürde für Forschung zum plurizentrischen Deutsch
Am vergangenen Mittwoch verlieh die Universität Bukarest Hermann Scheuringer die Ehrendoktorwürde. Die Auszeichnung würdigte eine langjährige wissenschaftliche Zusammenarbeit. Bei einem unangekündigten Vortrag in der Österreich-Bibliothek der Universität stellte Scheuringer anschließend das österreichische Deutsch vor – und rückte damit eine Sprache in den Mittelpunkt, die eben nicht aus einem einzigen, überall gleich klingenden Deutsch besteht.
Beim Empfang in der Residenz der österreichischen Botschafterin Ulla Krauss-Nussbaumer hielt der emeritierte Bukarester Professor Ioan Gabriel Lăzărescu die Laudatio. Scheuringers Vortrag habe neue Blickpunkte und Perspektiven eröffnet, sagte Lăzărescu. Am Lehrstuhl galt zuvor vor allem ein einheitliches Deutsch als Maßstab: hannoversche Aussprache, Duden-Rechtschreibung und bundesdeutscher Wortschatz.
Deutsch hat mehrere Zentren
Die deutsche Standardsprache wird heute als System nationaler und regionaler Varietäten verstanden. Die plurizentrische Sprachforschung unterscheidet unter anderem Deutschlandismen, Austriazismen, Helvetismen, Liechtensteinismen und Luxemburgismen. Das österreichische Deutsch ist dabei keine Abweichung vom Standard, sondern eine gleichwertige nationale Varietät neben anderen.
Professorin Ileana Ratcu bezeichnete Scheuringers Theorie der Sprache als „komplexes Multisystem“ als einen seiner bedeutendsten wissenschaftlichen Beiträge. Natürliche Sprachen bestehen demnach aus zahlreichen Varietäten. Ratcu zufolge hat dieses Konzept das Verständnis ihrer Struktur verändert. Ursprünglich geht die Theorie auf den australischen Sprachwissenschaftler österreichischer Herkunft Michael Clyne zurück; Scheuringer und andere entwickelten sie weiter.
Zum plurizentrischen Deutsch zählen als Vollzentren Deutschland, Österreich und die Schweiz. Halbzentren sind Ostbelgien, Liechtenstein, Luxemburg und Südtirol. Viertelzentren bilden mennonitische Gemeinden in Mexiko und Nordamerika, Namibia sowie deutschsprachige Gebiete Rumäniens.
Gerade in Österreich bleibt das Verhältnis zur eigenen Varietät allerdings ambivalent. Die theoretische Idee der Plurizentrik ist bekannt, das österreichische Deutsch wird trotzdem immer wieder infrage gestellt. Ein geringes Bewusstsein für die eigene Varietät und unpräzise Definitionen erschweren eine klare sprachliche Identität. Das beschreibt Jutta Ransmayr in der Publikation Österreichisches Deutsch und Plurizentrik, herausgegeben von Jutta Ransmayr, Andrea Moser-Pacher und Ilona Elisabeth Fink.
Das Buch erschien 2014 in Innsbruck im StudienVerlag als Ausgabe 3/2014 der Reihe ide – informationen zur deutschdidaktik; der Beitrag stammt von Jutta Ransmayr. Im schulischen Bereich sieht sie eine wichtige Aufgabe: Schülerinnen und Schüler sollen für das österreichische Deutsch als Varietät der deutschen Standardsprache sensibilisiert werden, Sprachen bewusst wahrnehmen und Unterschiede zwischen Varietäten genau anhören. Das kann einen selbstbewussteren Sprachgebrauch stärken und jungen Menschen in einer zunehmend unsicheren Welt sprachliche Orientierung geben.
Vom Bayerischen Sauwald nach Regensburg
Scheuringer erforschte regionale Sprachformen und Geolinguistik. Geboren wurde er in Moos im Bayerischen Sauwald, heute besitzt er die deutsche und österreichische Staatsbürgerschaft. Seine Herkunft aus dem Dreiländereck zwischen Österreich, Deutschland und Tschechien beeinflusste laut Lăzărescu seine wissenschaftliche Entwicklung.
Seine frühe Umgebung, bestätigte Scheuringer selbst, sei allerdings nicht wirklich multilingual gewesen. Erst die Erforschung bairischer Sprachinseln in Rumänien konfrontierte ihn nach eigener Aussage mit äußerer Mehrsprachigkeit. Zuletzt leitete er das Forschungszentrum für Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, kurz DiMOS, an der Universität Regensburg.
Das Zentrum untersuchte die deutsche Sprache in Osteuropa im Zusammenhang mit historischem und gegenwärtigem Multilinguismus sowie mit benachbarten Sprachen. Beteiligt waren Forscher aus zahlreichen Ländern: Rumänien, Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Nordmazedonien, Polen, Tschechien, Moldau, Serbien, der Slowakei, Slowenien und der Ukraine.
Zwischen Scheuringer und der Universität Bukarest entstand daraus eine enge Kooperation, dazu eine persönliche Freundschaft. In einem Gespräch erzählte Scheuringer Lăzărescu, Salzburg sei zur Zeit von Mozarts Geburt ein eigenständiges Fürstentum gewesen und erst 1816 zum Kaisertum Österreich gekommen. Mozart habe sich selbst als Deutscher verstanden; Brockhaus führte ihn zwischen 1837 und 1841 als deutschen Komponisten.
Ein Wörterbuch gegen die Küchenklischees
Lăzărescu plante ein österreichisch-deutsch-rumänisches Wörterbuch. Es sollte österreichischen Wortschatz und sprachhistorische Gemeinsamkeiten mit dem Rumäniendeutschen dokumentieren. Das österreichische Deutsch sollte dabei nicht auf die bekannten kulinarischen Ausdrücke „Erdäpfel“, „Paradeiser“, „Marillen“, „Fisolen“, „Powidl“ und „Karfiol“ reduziert werden – so charmant die Liste auf einer Speisekarte auch klingt.
Scheuringer arbeitete an dem Projekt mit. Das 624 Seiten umfassende Wörterbuch erschien 2007 in erster Auflage und 2008 in zweiter Auflage unter dem Titel Österreichisches Deutsch. Ein deutsch-rumänisches Wörterbuch beziehungsweise Limba germană din Austria. Un dicționar german-român. Herausgeber war der Karl Stutz Verlag in Passau. Unterstützt wurde das Projekt vom damaligen Kulturattaché der österreichischen Botschaft in Bukarest, Rainer Schubert.
Die deutsche Sprache spielte in diesem Raum fast während des gesamten zweiten Jahrtausends eine bedeutende Rolle. Im Alltag sei Deutsch teilweise dominant gewesen, betonte Scheuringer, grundsätzlich habe es aber zur Verbindung und gegenseitigen Verständigung verschiedener Völker beigetragen. Die Verbindung von Sprachen und Völkern sowie gegenseitige Wertschätzung bildeten ein zentrales Ziel seiner Arbeit.
Die Publikation von 2014 ist in der Fachbereichsbibliothek Germanistik, Nederlandistik und Skandinavistik verfügbar, unter der Signatur Z 154/38.2014,3. Der Nachweis steht im Bibliotheksverbund Verlag. Wer Sprache nicht nur als Wörterliste, sondern als bewegliche Landkarte lesen möchte, findet dort reichlich Stoff – und vermutlich ein paar Austriazismen, die man bisher für ganz normales Deutsch gehalten hat.
