Ingolstadt geht neue Wege: Erste evidenzbasierte Therapie gegen Misophonie!
Die Geräusche des Alltags können für viele Menschen zur Qual werden. Misophonie, eine Geräusch-Überempfindlichkeit, führt bei Betroffenen oft zu intensiven emotionalen Reaktionen wie Wut oder Ekel. Diese Erkrankung, die erstmals 2001 von Margaret und Pawel Jastebroff beschrieben wurde, ist bislang nicht offiziell als eigenständige Erkrankung klassifiziert. In Fachkreisen herrscht ein geringes Wissen über Misophonie, was zu langen Wartezeiten für Diagnosen und Therapien führt. Die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche der KU in Ingolstadt wurde vor eineinhalb Jahren gegründet, um diese Versorgungslücke zu schließen und bietet nun als erste Einrichtung im deutschsprachigen Raum eine evidenzbasierte Behandlung für Misophonie an, wie ku.de berichtet.
Die Hochschule hat Anfragen zur Behandlung von Betroffenen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz erhalten. In der Sprechstunde werden individuelle Trigger-Geräusche erfasst, emotionale Reaktionen eingeordnet und mögliche Begleiterkrankungen abgeklärt. Dabei handelt es sich häufig um andere psychische Erkrankungen, die mit Misophonie einhergehen. Ein Interview, das ursprünglich in den USA entwickelt wurde, wurde für den deutschsprachigen Raum angepasst, um eine zielgerichtete Therapie zu ermöglichen. Prof. Dr. Elisa Pfeiffer, die die ambulante Behandlung leitet, hebt die wissenschaftliche Fundierung und die Evidenzbasis der Arbeit hervor.
Therapieansätze und Studien
Seit Mai wird das evidenzbasierte Therapiekonzept, das in den Niederlanden entwickelt wurde, in der Hochschulambulanz umgesetzt. Die Wirksamkeit dieser Methode hat eine große Studie bestätigt. Zu Beginn stehen in Ingolstadt fünf bis zehn Therapieplätze zur Verfügung, die innerhalb einer wissenschaftlich begleiteten Fallstudie vergeben werden. Ziel ist es, die Wirksamkeit der Therapie im deutschen Sprachraum zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie, an der Pfeiffer beteiligt war, untersuchte die Prävalenz von Misophonie bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und Österreich. Rund 90 Prozent der 214 Teilnehmenden berichteten von Trigger-Geräuschen, und fast ein Drittel zeigte Symptome einer klinisch relevanten Misophonie. Diese Betroffenen waren im Alltag stärker eingeschränkt und bewerteten ihre Lebensqualität schlechter. Vor diesem Hintergrund hebt Pfeiffer die Notwendigkeit spezialisierter Diagnostik und Behandlung hervor.
Die Herausforderung der Diagnosestellung
Die Diagnose von Misophonie gestaltet sich schwierig, da es sich um eine noch nicht offiziell anerkannte Erkrankung handelt. Diese Unsicherheit führt dazu, dass Betroffene oft nicht die notwendige Hilfe erhalten. Laut apotheken-umschau.de sollten Menschen mit Verdacht auf Misophonie zunächst Hausärzte oder Kinderärzte konsultieren, während HNO-Ärzte hinzugezogen werden sollten, um mögliche Hörstörungen auszuschließen. Eine repräsentative Studie zeigt, dass zwar etwa ein Drittel der Befragten auf bestimmte Trigger sensibel reagiert, jedoch nur rund 2 Prozent mit klinisch relevanten Symptomen kämpfen.
Die Reaktionen der Betroffenen können von Herzrasen über Wut bis hin zu Aggression reichen. Besonders ausgeprägt sind die Reaktionen auf Geräusche von nahestehenden Personen. Oft vermeiden Betroffene Situationen, in denen sie ihren Trigger-Geräuschen begegnen, was das soziale Leben erheblich einschränken kann. Daher ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche trotz ihrer Symptome am Schulunterricht teilnehmen können.
Zur Behandlung haben sich kognitive Verhaltenstherapien mit Entspannungsübungen als vielversprechend erwiesen, während Expositionstherapien nicht den gewünschten Erfolg zeigten. Zusätzlich kann die Verwendung von Noise-Cancelling-Kopfhörern oder entspannender Musik den Betroffenen helfen, mit ihrer Empfindlichkeit umzugehen. Das offene Gespräch über diese Erkrankung kann ebenfalls zur Förderung des Verständnisses im persönlichen Umfeld beitragen.
