Internationale Studierende willkommen, doch außerhalb des Campus bleibt die Sicherheit fragil
An der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass internationale Studierende oder Wissenschaftler Sachsen-Anhalt wegen des AfD-Wahlerfolgs meiden. Das sagt Rektor Jens Strackeljan. In jüngsten Berufungsgesprächen sei ihm keine Absage aus diesem Grund bekannt geworden.
Manche internationalen Bewerber hätten sogar erklärt, gerade jetzt zur positiven Entwicklung Sachsen-Anhalts beitragen zu wollen. Zum Wintersemester verzeichnet die Universität außerdem einen Zuwachs bei den internationalen Studierenden. Rund 5.500 von ihnen studieren derzeit in Magdeburg.
Willkommen auf dem Campus – und unterwegs?
Die Universität will internationale Studierende ausdrücklich darüber informieren, dass sie weiterhin willkommen sind und Unterstützung erhalten. „Die politischen Rahmenbedingungen können sich verändert haben“, sagte Strackeljan sinngemäß – die Botschaft der Hochschule bleibe aber klar: Internationale Studierende seien in Sachsen-Anhalt willkommen.
Gleichzeitig schaut die Universität genauer darauf, wie internationale Studierende und Beschäftigte außerhalb des Campus behandelt werden. Verbale Angriffe oder Anfeindungen könnten in Bussen, öffentlichen Einrichtungen, beim Sport oder bei Fußballveranstaltungen auftreten. Eine Sicherheitsgarantie außerhalb des Campus könne die Universität nicht geben. Sie wolle aber aufmerksam sein, Vorfälle wahrnehmen und reagieren.
Wie dünn dieses Sicherheitsgefühl im Alltag sein kann, zeigen Berichte internationaler Studierender in Friedensau. Cin Deih Tuang, Nasr Shaibani und Sai Harshini Valluri kamen Anfang beziehungsweise Mitte 20 zum Studium nach Sachsen-Anhalt – nach Friedensau, Halle und Magdeburg. Sie lernten Deutsch, fanden Freund:innen und konnten sich teilweise sogar eine Zukunft in der Region vorstellen.
In Friedensau spielt sich das Leben vieler internationaler Studierender überwiegend auf dem kleinen, abgelegenen Campus ab. Einen Supermarkt gibt es dort nicht. Für den Wocheneinkauf geht es etwa zehn Kilometer nach Möckern oder Burg, und dafür sind die Studierenden auf den öffentlichen Busverkehr angewiesen.
Gerade dort berichten sie wiederholt von rassistischen Erfahrungen. Eine Person wurde in einem Bus von Schülern mit einem rassistischen Schimpfwort beleidigt. Busfahrer fahren laut der Schilderung gelegentlich an der Haltestelle vorbei und lassen die Person stehen. Unter der Woche kommt der Bus nur etwa alle drei Stunden, am Wochenende noch seltener. Da wird aus einem Einkauf schnell ein halber Tagesausflug.
„Ohne sie fehlen Fachkräfte, Wissen und Ideen“
Für Strackeljan ist die internationale Studierendenschaft nicht nur eine Frage der Willkommenskultur. Ohne internationale Studierende würden Fachkräfte, Wissen und Ideen fehlen, betont der Rektor. Außerdem verweist er auf rund 40 begleitete Gründungsvorhaben, von denen viele international geprägt sind.
Die Universität hält es deshalb für problematisch, internationalen Menschen den Zugang zu verwehren. Der Zuwachs zum Wintersemester passt zu dieser Einschätzung – auch wenn sich die politische Stimmung im Land für manche sichtbar verändert hat.
Der Bericht wurde am 5. Oktober 2026 veröffentlicht und bezieht sich auf Aussagen in den Montagsausgaben der Funke-Mediengruppe.
Wenn Hochschulen zu lange schweigen
Wie Hochschulen mit rechten und diskriminierenden Positionen umgehen, untersucht ein am 9. Dezember 2025 veröffentlichtes Arbeitspapier der Otto Brenner Stiftung. Christoph Haker und Lukas Otterspeer widmen sich darin dem Rechtspopulismus und Rechtsextremismus an Hochschulen.
Anlass sind unter anderem Situationen, in denen Studierende menschenfeindliche Positionen mit wissenschaftlichen Quellen und Statistiken begründen oder Kommilitoninnen mit rechtsextremer Kleidung auf dem Campus auftreten. Betroffene und Menschen, die darauf reagieren wollen, fühlen sich laut Studie häufig allein gelassen.
Rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure berufen sich demnach teils auf Wissenschaftlichkeit sowie auf Werte wie Meinungsvielfalt und Toleranz. So sollen diskriminierende oder unwissenschaftliche Positionen gegen Kritik abgesichert werden. Diese Verbindung erschwert laut Studie eine breit getragene Reaktion an Hochschulen.
Viele Hochschulen hätten Schwierigkeiten, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus überhaupt als Problem zu erkennen und klar zu benennen. Die Autoren sprechen von „institutionalisierter Sprachlosigkeit“. Geeignete Vorgehensweisen fehlten dadurch häufig, vor allem langfristige und präventive Maßnahmen. Betroffene müssten vielfach allein oder in kleinen Gruppen mit den Problemen umgehen – eine „organisierte Vereinzelung“, wie es in der Studie heißt.
Grundlage der Untersuchung sind die Auswertung bestehender Studien zu Hochschulen und extremer Rechter sowie qualitative Interviews mit Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, Professor*innen und einer Antidiskriminierungsstelle. Ansprüche politischer Neutralität verstärkten laut Studie Sprachlosigkeit und Vereinzelung. Sie erschwerten gemeinsame und klare Reaktionen in Kollegien, Instituten und Fakultäten. Prekäre Arbeitsbedingungen, unsichere Verträge und hohe Belastungen im Wissenschaftsbetrieb begünstigten diese Entwicklung zusätzlich.
Die Autoren fordern, den Umgang mit rechtsextremen Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit nicht einzelnen Lehrenden oder Beschäftigten zu überlassen. Hochschulen sollten Studierende, Lehrende und Angestellte durch institutionelle Maßnahmen unterstützen und schützen. Empfohlen wird eine stärkere Pluralisierung von Perspektiven innerhalb der Hochschulorganisation, institutionell abgesichert etwa durch entsprechende Regeln in einem Code of Conduct.
Externe Beratungen könnten bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen in Seminaren, Kollegien und der Gesamtorganisation helfen. Mit Blick auf die autoritär geprägte Tradition deutscher Hochschulen und ihre heutigen Selbstverständnisse von Weltoffenheit und Vielfalt leiten die Autoren eine institutionelle Verantwortung ab: Hochschulen sollen sich proaktiv mit extrem rechten Tendenzen an den Hochschulen und in der Gesellschaft auseinandersetzen.
Quelle 1: Tixio
Quelle 2: ZEIT Campus
Quelle 3: Otto Brenner Stiftung: Christoph Haker, Lukas Otterspeer, „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Hochschulen“, OBS-Arbeitspapier 83, Frankfurt am Main, Dezember 2025.
