Internationale Studierende in Sachsen-Anhalt zwischen Willkommenskultur und Alltagsrassismus
Magdeburg – an der Otto-von-Guericke-Universität ist die Sorge nach dem AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt spürbar, doch bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass internationale Studierende oder Wissenschaftler das Land deshalb meiden. Rektor Jens Strackeljan berichtet sogar von einem Zuwachs internationaler Studierender zum Wintersemester.
Auch in jüngsten Berufungsgesprächen habe es keine Absagen wegen des Wahlergebnisses gegeben. Einige Bewerber hätten vielmehr erklärt, sie wollten gerade jetzt zur positiven Entwicklung Sachsen-Anhalts beitragen. Rund 5.500 Menschen aus dem Ausland studieren an der Universität, etwa 40 Prozent der gesamten Studierendenschaft; die größte Gruppe kommt aus Indien.
Willkommen auf dem Campus – und unterwegs
Strackeljan bekräftigte nach der Wahl auf Instagram, internationale Studierende und Beschäftigte gehörten zur Universität und seien weiterhin willkommen. Seine Botschaft formuliert er knapp: „Kommt nach Sachsen-Anhalt, ihr seid willkommen.“ Die Hochschule will den Umgang mit internationalen Studierenden und Beschäftigten außerhalb des Campus nun aufmerksam beobachten.
Denn mögliche Anfeindungen passieren nicht nur zwischen Hörsaal und Mensa. Sie könnten im Bus auftreten, in öffentlichen Einrichtungen, beim Sport oder beim Fußball. Außerhalb des Campus könne die Universität keine Sicherheitsgarantie geben, sagt Strackeljan, aber sie könne hinschauen und reagieren. In einem späteren Interview erklärte er außerdem, die Hochschule werde ihre bisherige Arbeit gegen Angriffe verteidigen. Wie stark der politische Druck ausfallen werde, sei noch offen.
Wie dünn die Linie zwischen Alltag und Unsicherheit sein kann, zeigt die Geschichte von Cin Deih Tuang. Sie kam Anfang 20 nach Sachsen-Anhalt, wie auch Nasr Shaibani und Sai Harshini Valluri, die zum Studium nach Friedensau, Halle und Magdeburg kamen. Sie lernten Deutsch, schlossen Freundschaften und konnten sich teilweise vorstellen, in der Region zu bleiben.
In Friedensau spielt sich das Leben internationaler Studierender überwiegend auf dem kleinen, abgelegenen Campus ab. Einen Supermarkt gibt es dort nicht. Für den Wocheneinkauf fahren die Studierenden etwa zehn Kilometer nach Möckern oder Burg – mit dem Bus. Der fährt werktags nur ungefähr alle drei Stunden, am Wochenende noch seltener. Gelegentlich fahren Busfahrer an der Haltestelle vorbei und lassen sie zurück.
Tuang wurde einmal von Schülern im Bus mit dem N-Wort beleidigt. Internationale Studierende berichten dort wiederholt von rassistischen Erfahrungen. Das sind keine großen politischen Debatten, sondern Momente zwischen Einkaufstaschen, Haltestelle und Heimweg, die sich festsetzen.
Zwischen Anspannung und Bleibewunsch
Deeban Mathivanan lebt seit zehn Jahren in Magdeburg, hat dort zwei Masterabschlüsse erworben und engagiert sich auf dem Campus. Im Verein „Magdeburg Indians e.V.“ unterstützt er Studierende aus Indien beim Start in der Stadt. Nach der Wahl erhält er Nachrichten von besorgten Studierenden: Sind sie in Magdeburg und Sachsen-Anhalt sicher? Können sie ihr Studium fortsetzen? Wie sieht ihre berufliche und persönliche Zukunft aus?
Prathamesh Kadam aus Indien hatte vor der Landtagswahl keine fremdenfeindlichen Erfahrungen gemacht. Seitdem nimmt er Blicke auf der Straße anders wahr und berichtet von Anspannung und Sorge. An der Universität fühlt er sich wertgeschätzt und möchte bleiben. Trotzdem erwägt er, sich in einem anderen Bundesland eine Stelle zu suchen, um nicht in einer als feindlich empfundenen Umgebung leben zu müssen.
Mathivanan könnte ebenfalls anderswo arbeiten. Inzwischen hat er zwei eigene Unternehmen. Seine Freunde und sein Lebensmittelpunkt sind aber in Magdeburg und Sachsen-Anhalt – deshalb möchte er bleiben. Ob das politische Klima diesen Entschluss leichter oder schwerer macht, hängt auch davon ab, welche Regierung Sachsen-Anhalt bilden wird und welche Politik sie verfolgt. Das ist noch unklar.
Am 26. August blieben in Magdeburg viele Geschäfte aus Protest gegen Rassismus und Ausgrenzung geschlossen. Die Aktion sollte zugleich die Bedeutung migrantischer Betriebe sichtbar machen. Für die Universität geht es dabei längst nicht nur um ein gutes Image: Internationale Studierende bringen Wissen und Ideen mit, können nach dem Abschluss bleiben, beruflich Fuß fassen oder eigene Unternehmen gründen.
Fachkräfte, Forschung und Gründung
Ohne internationale Studierende würden Sachsen-Anhalt Fachkräfte, Wissen und Ideen fehlen. Die Universität begleitet rund 40 Gründungsvorhaben, von denen viele international geprägt sind. Internationale Studierende können zu regionalen Arbeitsmärkten, Forschung und Unternehmensgründungen beitragen – und damit zu einer Entwicklung, die das Land dringend braucht.
Sachsen-Anhalt steht vor der Herausforderung, Fachkräfte für Unternehmen, Wissenschaft und öffentliche Einrichtungen zu gewinnen. Viele Beschäftigte in Ingenieurberufen, in der Industrie, im verarbeitenden Gewerbe und in forschungsnahen Bereichen scheiden in den kommenden Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus. Das Land muss deshalb internationale Studierende gewinnen und Absolventinnen und Absolventen halten. Die Universität Magdeburg verfolgt dieses Ziel schon seit längerer Zeit.
Viele internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Auch zahlreiche internationale Studierende wählen Ingenieurwissenschaften und Informatik oder arbeiten später in MINT-Berufen. Laut IW-Forscher Axel Plünnecke stärken sie dadurch die Innovationskraft Deutschlands.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes untersucht die wirtschaftliche Bedeutung ausländischer Studierender. Ihr zufolge bleiben 59 Prozent derjenigen, die mindestens ein Jahr in Deutschland studiert oder gelebt haben, mindestens neun Jahre im Land; etwa ein Drittel bleibt bis zum Rentenalter.
Gerade deshalb sind neben Studien- und Forschungsangeboten auch die Erfahrungen im Alltag entscheidend: der Zugang zu Behörden, Wohnraum, soziale Teilhabe und das Sicherheitsgefühl außerhalb des Campus. Eine Hochschule kann Türen öffnen. Wenn draußen der Bus wegfährt oder ein Blick plötzlich anders wirkt, reicht das allein aber nicht immer.
Die AfD kündigte in ihrem Wahlprogramm an, auf „kulturfremde Fachkräfte“ verzichten zu wollen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wandte sich gegen völkische Positionen und erklärte, zum deutschen Volk gehörten auch Menschen, die nach Deutschland gekommen seien. Für Hochschulen und Kommunen erhöht der Wahlerfolg damit den Druck, Willkommenskultur nicht nur auf dem Campus zu zeigen, sondern im Alltag sichtbar zu machen und auf Anfeindungen verlässlich zu reagieren.
