Am 4. November 2026 wird an der Universität Leipzig ein Kapitel sichtbar, das in der Leipziger Erinnerungskultur bislang nur wenig Beachtung gefunden hat: Italiener, die zwischen 1943 und 1945 in Leipzig und im Deutschen Reich als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Die Veranstaltung „Italiani a Lipsia 1943–1945 – Italiener in Leipzig“ beginnt um 18:30 Uhr im Neuen Seminargebäude, Raum 204, Universitätsstraße 1.

Viele der Betroffenen kamen nicht freiwillig. Bei den meisten handelte es sich um italienische Soldaten, die nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Westalliierten als sogenannte italienische Militärinternierte, kurz IMI, verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden. Die Vorträge werden auf Italienisch und Deutsch gehalten. Es sprechen Anna Maria Sambuco, Leonardo Caporali, Paola Mirenda und Claudio Cassetti.

Vom Soldaten zum Zwangsarbeiter

Am 8. September 1943 schloss die neue italienische Regierung nach dem Sturz Benito Mussolinis einen Waffenstillstand mit den Westalliierten. Die deutsche Wehrmacht besetzte daraufhin Italien, entwaffnete die italienischen Streitkräfte und deportierte rund 600.000 Soldaten ins Deutsche Reich und in besetzte Gebiete. Nach dem 8. September nahmen deutsche Truppen italienische Soldaten gefangen, obwohl die italienische Führung ihnen keine Befehle erteilt hatte.

Mehr als 600.000 Soldaten verweigerten den weiteren Kampf für das Deutsche Reich und die Italienische Sozialrepublik. Auf Hitlers Befehl vom 20. September 1943 wurden sie als „Italienische Militärinternierte“ eingestuft. Deutschland erkannte das Mussolini-Regime in Salò als italienische Regierung an, nicht aber die Regierung Badoglio; einen Kriegszustand mit Italien sah Berlin zunächst nicht. Italien erklärte Deutschland erst am 13. Oktober 1943 den Krieg.

Der Status der IMI war kein bloßes Etikett. Er sollte ihnen den Schutz des III. Genfer Abkommens von 1929 über Kriegsgefangene verweigern. Auch eine Betreuung durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz war dadurch weitgehend ausgeschlossen. In der deutschen Bevölkerung wurden die Italiener als Verräter und „Badoglio-Schweine“ beschimpft. In Lagern und Gefängnissen waren sie häufig Gewalt, Hunger und Kälte ausgesetzt.

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Zunächst traf die Zwangsarbeit vor allem Mannschaften und Unteroffiziere, ab dem zweiten Halbjahr 1944 auch Offiziere. Eingesetzt wurden die Männer im Deutschen Reich, in besetzten Ostgebieten, innerhalb der Wehrmacht und in Betrieben verschiedener Branchen, insbesondere in der Rüstungsindustrie. Ab Herbst 1944, bis Januar 1945 auch die Offiziere, überführte man die italienischen Soldaten in den Zivilstatus. Sie durften Deutschland trotzdem nicht verlassen und blieben der Kontrolle deutscher Behörden unterstellt.

Für deutsche Unternehmen bedeutete dieser Wechsel eine engere Bindung des Lohns an die Arbeitsleistung, mehr Einfluss auf die Arbeit und die Möglichkeit, mit der Einweisung in ein Arbeitserziehungslager zu drohen. Für die ehemaligen Internierten gab es immerhin begrenzte Ausgangsmöglichkeiten – oft ging es dabei schlicht darum, Lebensmittel zu besorgen. Rund 180.000 Militärinternierte wechselten unter dem Druck der Bedingungen die Seite, traten als Kampf-, Hilfs- oder Arbeitskräfte in deutsche Dienste ein oder schlossen sich den Streitkräften der Republik von Salò an. Etwa ein Viertel schloss sich faschistischen Truppen an, etwa drei Viertel blieben in den Lagern. Viele Offiziere verweigerten den Arbeitseinsatz unter Berufung auf die Genfer Konventionen.

Kunst gegen das Verstummen

Mit der Leipziger Veranstaltung verbunden ist die Ausstellung „Kunst in Gefangenschaft, Bote des Friedens“ in der Gedenkstätte KZ-Mittelbau-Dora. Sie ist vom 1. bis 22. November 2026 zu sehen; die offizielle Eröffnung findet am 6. November um 15 Uhr statt. Täglich von 10:00 bis 16:00 Uhr ist geöffnet, montags bleibt die Ausstellung geschlossen.

Multimediale Tafeln, Videos sowie Zeichnungen und Gemälde dokumentieren die historischen Ereignisse. Einige dieser Arbeiten entstanden heimlich in den Lagern. Verwendet wurden unter anderem Schlamm, Gras und Ziegelstaub, in Einzelfällen sogar Blut. Die Werke erzählen von Gefangenschaft und Leid, aber auch von Selbstbestimmung und unbewaffnetem Widerstand – kleine Dinge, die unter diesen Bedingungen wohl enorm viel bedeuteten.

Ein Video widmet sich den Kunstwerken der IMI. Ein weiteres verbindet Zeitzeugeninterviews mit historischen Bildern, teilweise aus Archiven des italienischen Fernsehens. Zur Eröffnung werden eine italienische Delegation von Studierenden und Vertreter der ANEI erwartet, darunter Kinder und Enkelkinder ehemaliger IMI.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Irene Baldriga, Professorin an der Universität La Sapienza in Rom. Mediacor srl. setzte sie um, das Grafikdesign stammt von Danilo Manassero. Unter Schirmherrschaft stehen die deutsche Botschaft in Rom, mehrere Einrichtungen der Universität La Sapienza, das nationale Doktorat in Friedensstudien und das Netzwerk der Universitäten für den Frieden. Veranstalter sind ANEI und die Gedenkstätte KZ-Mittelbau-Dora.

Seit 2025 wird in Italien am 20. September jährlich der „Nationale Tag der Erinnerung an die italienischen Militärinternierten“ begangen. Die Ausstellung kommt also nicht zufällig nach Deutschland, sondern in eine Zeit, in der auch in Italien um Sichtbarkeit für diese Geschichte gerungen wird.

Drei Lebenswege durch Lager und Nachkriegszeit

Wie unterschiedlich die Wege der Gefangenen verliefen, zeigen die überlieferten Biografien. Donato E. wurde 1921 in Castello di Cisterna bei Neapel geboren. 1941 leistete er Wehrdienst und absolvierte eine Offiziersausbildung in Ravenna, anschließend war er Leutnant in Trento und Limone Piemonte. 1943 kam er in das Stalag VI C/Z Neu-Versen bei Meppen, später in das Stalag 366/Z Biała Podlaska.

Weil er sich weigerte, die Mussolini-Regierung zu unterstützen, wurde Donato E. 1944 in das Stalag X B Sandbostel deportiert. Ende 1944 folgte der Weitertransport in das Oflag 83 Wietzendorf. Am 16. April 1945 befreiten ihn die Alliierten; im September kehrte er nach Marigliano zurück. Er schloss sein Studium der Kolonialwissenschaften ab und arbeitete anschließend bis zu seiner Pensionierung 1986 am Vormundschaftsgericht. Ab 1986 war er Mitglied im Veteranenverband ANEI in Mailand. Seine Interviewaufnahmen vom 21. November, 30. November und 10. Dezember 2005 dauern insgesamt 3 Stunden 51 Minuten und sind auf Italienisch.

Claudio S. kam 1920 in Genua in eine wohlhabende italienisch-französische Familie zur Welt und studierte ab 1939 Geologie. 1943 war er Leutnant der königlich-italienischen Armee unter Marschall Badoglio. Nach Mussolinis Sturz am 25. Juli und der deutschen Besetzung Italiens am 8. September 1943 geriet er in deutsche Gefangenschaft.

Von 1943 bis 1945 wurde Claudio S. in Deutschland und im besetzten Polen festgehalten, unter anderem in Sandbostel, Tschenstochau, Chelm, Deblin, Oberlangen, Duisburg, Köln, Forellenkrug und Wietzendorf. Er verweigerte die Anwerbung für faschistische Truppen. 1944 kam er in ein Straflager und musste bei der Fallschirmfabrik Glanzstoff & Courtaulds in Köln Zwangsarbeit leisten; außerdem lag er im Krankenhaus. Am 22. April 1945 wurde er in Wietzendorf befreit, im August kehrte er nach Italien zurück und setzte sein Geologiestudium fort. Ab 1950 arbeitete er als Geologe für die Ölfirma AGIP im In- und Ausland, 1980 ging er in Pension. Er engagierte sich für Entschädigungen und veröffentlichte Schriften zur Erinnerung an die IMI. Claudio S. starb am 4. November 2012.

Alessandro F. wurde 1920 in Greco Milanese geboren. Nach seinem Einzug zum Wehrdienst 1941 und der Grundausbildung kam er an die griechische Front nach Andros. Im Dezember 1943 nahmen ihn griechische Militärkollaborateure fest und deportierten ihn nach Athen. Im Februar 1944 wurde er in das Reservelazarett Zeith