Es war nur ein einziges Wort – „Noch“. Kurz vor dem WM-Start gegen Curaçao Anfang Juli sagte Jürgen Klopp als Experte bei Magenta TV über Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf – noch.“ Das Wort wiederholte er nachdrücklich. Danach lief die Debatte tagelang: Wollte Klopp Nagelsmann öffentlich den Bundestrainerposten streitig machen? Klopp entschuldigte sich anschließend öffentlich.

Am 2. November 2026 ist die Sache geklärt. Wochen später steht fest: Julian Nagelsmann ist nicht mehr Bundestrainer, Jürgen Klopp hat seine Nachfolge übernommen. Der DFB präsentierte Klopp am 24. Juli 2026 als neuen Bundestrainer. Sein Vertrag läuft bis 2030. Bei der WHU wird deshalb nicht nur über Fußball gesprochen, sondern auch über Führung: Was macht Klopps Stil für Manager interessant?

Vom Ballbesitz zum Druck

Die Aufgabe ist gewaltig. Deutschland schied bei der Weltmeisterschaft 2026 im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus und soll nun zurück an die Weltspitze. Klopp kündigte bei seiner Vorstellung an, die Nationalmannschaft müsse intensiver und aufwendiger spielen. Gegenpressing sei ein zentraler Bestandteil seines Plans.

Eine Analyse des Global Soccer Network (GSN) hat geprüft, wie gut Klopps bisheriger Spielstil zum deutschen WM-Kader 2026 gepasst hätte. Bewertet wurden zwölf Spielphasen. Im Spielaufbau erreichte die Passung 90,7 Prozent, beim Passspiel allgemein 89,5 Prozent, bei der Penetration 89,3 Prozent und bei der Chancenkreierung 84,7 Prozent. Raumgewinn kam auf 78,2 Prozent.

Auch defensiv ist das Bild gemischt: Hohes Verteidigen wurde mit 60,1 Prozent bewertet, mittleres Verteidigen mit 78,8 Prozent und tiefes Verteidigen mit 75,6 Prozent. Deutlich schwächer fällt das Umschalten aus – von Angriff auf Abwehr mit 33,2 Prozent, von Abwehr auf Angriff mit 47,3 Prozent. Offensive Standards liegen bei 70,6 Prozent, defensive Standards bei 51,1 Prozent. Die Gesamtpassung beträgt 70,7 Prozent.

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Im Ballbesitz hätte der Kader laut GSN grundsätzlich gut zu Klopp gepasst: technische Qualität, stabiles Passspiel. Dieses Passspiel müsste allerdings dynamischer werden – für Tempowechsel, Pressingfallen, Tiefenangriffe und schnelle Richtungswechsel. Genau da liegt der Haken, der im Fußball gern erst auffällt, wenn der Schweiß schon läuft.

Die größten Unterschiede zeigen sich gegen den Ball. Klopps Mannschaften aus Mainz, Dortmund und Liverpool waren für aggressives Anlaufen, schnelles Umschalten und Gegenpressing bekannt. Nach Ballverlusten setzten sie sofort nach und wollten den Ball in der gegnerischen Hälfte zurückerobern. Deutschland müsste laut GSN schneller, kompakter und aggressiver umschalten. Restverteidigung, Zugriffsdichte und kollektives Nachsetzen hätten im bisherigen DFB-Team nicht Klopps Anforderungen entsprochen.

Auch nach Ballgewinnen soll es zügiger vertikal gehen. Zu häufig wurde der Ball zunächst mit Querpässen gesichert, statt direkt wieder nach vorne zu spielen. Aus einer Mannschaft, die Spiele über Ballbesitz und Struktur kontrolliert, soll eine Mannschaft werden, die Kontrolle über Druck, Tempo und kollektive Aggressivität ausübt. Dafür müsste sich die Mentalität und Identität des DFB-Teams verändern.

Sieben Lektionen für Führungskräfte

Der Handelsblatt-Artikel nennt Klopps Führungsstil als einen Schlüssel für die neue Aufgabe. Roman Briker, Leadership-Experte von der WHU – Otto Beisheim School of Management, sagt, Führungsverhalten aus dem Sport lasse sich auf die Wirtschaft übertragen. Von Klopp könne man definitiv lernen. Das Handelsblatt hat dafür sieben Führungslektionen herausgearbeitet, die sich Wirtschaftsführungskräfte von ihm abschauen könnten.

Eine davon steckt schon in seiner Art, Mannschaften auf gemeinsame Prinzipien einzuschwören. Klopp arbeitet mit wenigen, klaren und wiederholten Vorgaben. Er investiert Zeit in individuelle Beziehungen zu Spielern, führt stark über Motivation und lässt Niederlagen einordnen, statt sie unnötig breit auszuwalzen. Seine emotionale Ansprache an der Seitenlinie ist dabei kein Nebengeräusch, sondern Teil seiner Kommunikation.

Das Gegenpressing macht diese Führung besonders sichtbar: Alle müssen gleichzeitig reagieren. Wenn einer nicht mitmacht, kann die gesamte Ordnung kippen. Klopp will Spielern Chancen geben, mit denen derzeit möglicherweise niemand rechnet, und mutig vorgehen. Für den A-Kader dürfte er deshalb auch andere Spielertypen berufen – lauf- und zweikampfstarke „Mentalitätsspieler“. Frühere Beispiele unter Klopp waren Neven Subotic, Kevin Großkreutz und James Milner.

Seine Spielidee soll außerdem in den deutschen U-Mannschaften verankert werden. Das Ziel klingt weniger nach taktischer Seminarfolie als nach einem Wunsch, den man im Stadion sofort merkt: Die Zuschauer sollen wieder jedes Länderspiel sehen wollen und die Partien als besonders unterhaltsam empfinden.

Wie Klopps Fußball funktioniert

Grundsätzlich setzt Klopp auf ein 4-3-3: drei Stürmer, drei Mittelfeldspieler und eine Viererkette. Bei höherem Pressing bleibt die Formation weitgehend so bestehen, der Neuner ist der erste Verteidiger. Wird tiefer verteidigt, entsteht ein 4-1-4-1. Der Sechser bleibt vor der Abwehr, die Achter rücken auf Höhe der Flügelstürmer – eine kompakte Doppelreihe.

Der Sechser ist dabei die Versicherung im Hintergrund. Schieben die Außenverteidiger nach vorn, sichert er ab; pressen beide gleichzeitig, kann er in die Abwehr zurückrücken. Ohne diese Absicherung gerät das System aus dem Gleichgewicht. Die Außenverteidiger stehen im Ballbesitz hoch und breit, ziehen das Spielfeld auseinander, sind im letzten Drittel wichtige Anspielstationen und liefern viele Torvorlagen. Im Pressing rückt einer nach vorne, während zwei Innenverteidiger und der andere Außenverteidiger dahinter sichern.

Nach einem Ballverlust zieht sich Klopps Mannschaft nicht zurück. Mehrere Spieler setzen sofort nach, weil der Gegner nach der Balleroberung meist noch ungeordnet ist. Der Ball soll in gefährlichen Zonen zurückgewonnen werden; daraus können vertikale oder entscheidende Pässe entstehen. Eine extrem hoch stehende Abwehrkette verstärkt diesen Ansatz.

Nach Ballgewinn gilt zunächst der direkte Weg nach vorne. Ist ein schneller Angriff nicht möglich, wird der Ball gesichert und der Spielaufbau neu begonnen. Die erste Option bleibt aber der vertikale Angriff – ein kleiner Unterschied, der auf dem Papier unscheinbar wirkt und auf dem Rasen den Puls hochtreibt.

Das gilt auch für den Neuner. Seine Leistung wird nicht ausschließlich an Toren gemessen. Er lässt sich häufig fallen, bindet Innenverteidiger und öffnet Räume für Flügelstürmer und Achter. Als erster Verteidiger steuert er mit seinen Laufwegen den gegnerischen Spielaufbau. Spielverständnis und Raumöffnung sind für diese Position wichtiger als reine Torjägerqualitäten.

Ein Vereinstrainer ohne Vereinsalltag

Genau hier wartet Klopps schwierigster Spagat. Gegenpressing lebt von Automatismen, die im Verein täglich trainiert werden können. Eine Nationalmannschaft steht dagegen nur wenige Tage alle paar Wochen zusammen. Deshalb müssen weniger Details und stattdessen wenige, schnell umsetzbare Grundprinzipien vermittelt werden. Das ähnelt durchaus der Lage von Amateur- und Jugendtrainern, die ebenfalls mit wenigen Trainingseinheiten pro Woche auskommen müssen.

Klopp folgt auf Julian Nagelsmann, der nach dem Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft 2026 zurückgetreten ist. Sein Vertrag läuft vier Jahre bis zur Europameisterschaft 2028 und Weltmeisterschaft 2030. Zum Trainerteam gehören Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Sven Bender. Der erste Kader soll am 17. September 2026 nominiert werden, der erste Lehrgang beginnt am 21. September 2026.

Für Amateur- und Jugendtrainer liegen die Anregungen ziemlich nah am Trainingsplatz: den Moment nach dem Ballverlust genauso üben wie das Umschalten nach Ballgewinn, wenige Prinzipien dauerhaft wiederholen, Außenverteidiger offensiv einsetzen und die Neuner-Rolle nach Spielverständnis und Raumöffnung besetzen – nicht bloß nach Toren. Die Bereitschaft aller Spieler bleibt die Voraussetzung für funktionierendes Pressing.

Die vollständige Variante des Gegenpressings erfordert viel Trainingszeit und Fitness, teilweise umsetzbar ist sie trotzdem. Für den Einstieg eignen sich klare Pressingauslöser in bestimmten Zonen. Im Kinderfußball kann zunächst