RWTH Aachen, 2. November 2026 – David Reger kennt Aufstieg nicht aus dem Bilderbuch. Der Geschäftsführer des Robotikunternehmens NEURA Robotics wuchs mit zehn Geschwistern im schwäbischen Metzingen auf. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater arbeitete bei einem Automobilzulieferer – und ist dort trotz Rentenalters noch immer beschäftigt.

Reger selbst absolvierte nach der Hauptschule eine Ausbildung zum Modellbauer in einer Gießerei. Danach ging er als Sozialarbeiter nach San Francisco. Dort begegnete er unter anderem einer Mutter, die nach einer Herzoperation in einer schwierigen Lage war, und einem drogenabhängigen Mann ohne Schulabschluss. Nach zwei Jahren kehrte er nach Deutschland zurück. Er habe sich nach den sozialen Bedingungen dort gesehnt.

Vom Modellbauer zum Robotik-Unternehmer

Heute zählt Reger zu den wichtigsten deutschen Unternehmern im Technologiebereich. Einen Universitätsabschluss hat er nicht. Nach seiner Rückkehr aus den USA bekam er nach einem neunstündigen Bewerbungsgespräch eine Ingenieursstelle in der Schweiz. Die fehlenden Ingenieurskenntnisse eignete er sich nach eigener Darstellung durch intensives Lernen neben der Arbeit an. Er beschreibt sich als sehr lernorientiert und als Menschen, der mit wenig Schlaf auskommt.

NEURA Robotics, 2019 gegründet und mit Hauptsitz in Metzingen, hat sich rasant entwickelt. Vor 24 Monaten beschäftigte das Unternehmen rund 180 Mitarbeiter, inzwischen sind es mehr als 1800. Investoren bewerten NEURA mittlerweile mit mehr als sieben Milliarden Euro. Am 10. Juni 2026 gab das Unternehmen in Metzingen eine Series-C-Finanzierungsrunde von bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar bekannt – etwa 1,2 Milliarden Euro. Laut NEURA ist das die bisher größte Finanzierungsrunde eines Full-Stack-Robotikunternehmens.

Zu den Investoren gehören Tether, Qualcomm Technologies, Amazon, NVIDIA, imec.xpand, Bosch, Schaeffler, die Europäische Investitionsbank, Lingotto Horizon und InterAlpen Partners. Amazon, NVIDIA, Bosch und Schaeffler werden auch als wichtige Geldgeber genannt. Der Auftragsbestand und die strategische Deployment-Pipeline übersteigen laut Unternehmen eine Milliarde US-Dollar.

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Roboter, die nicht nur stur abarbeiten

NEURA entwickelt kognitive Roboter sowie die dazugehörige Software-, KI- und Dateninfrastruktur. Die Maschinen sollen ihre Umgebung über Sensoren wahrnehmen, sehen, hören und fühlen können, aus Erfahrungen lernen und selbstständig Entscheidungen treffen. Anders gesagt: Sie sollen nicht bloß einen vorprogrammierten Ablauf abspulen, wenn irgendwo ein Karton anders steht als gestern.

Bei einer Demonstration zeigte Reger, wie eine Kamera einen Stuhl scannt und daraus ein 3D-Modell erstellt. Solche digitalen Zwillinge können Produktionsstraßen virtuell abbilden. Roboter lassen sich darin trainieren, bevor sie in einer echten Fabrik eingesetzt werden – ohne Lärm, Ölgeruch und teure Stillstände.

Technisch verbindet NEURA Robotik, künstliche Intelligenz, Sensorik, Edge-Computing und Lerninfrastruktur in einer gemeinsamen Plattformarchitektur. Das Neuraverse ist dabei eine Plattform, auf der Roboter kontinuierlich lernen, zusammenarbeiten und Fähigkeiten sowie Erfahrungen austauschen. In weltweit geplanten NEURA Gyms sollen reale Sensordaten, Simulation und multimodale Lernverfahren zusammenkommen. Das Unternehmen sieht diese Trainingsumgebungen als Grundlage für eine groß angelegte reale Robotik-Dateninfrastruktur.

Mit dem frischen Kapital will NEURA die Serienproduktion auf mehrere Millionen Roboter bis 2030 ausweiten, den globalen Einsatz humanoider und kognitiver Roboter beschleunigen, die Neuraverse-Plattform ausbauen, weltweit NEURA Gyms errichten, Produktions- und Skalierungskapazitäten erweitern und die nächste Generation von Physical-AI-Systemen entwickeln. Eingesetzt werden sollen die Roboter in Fertigung, Logistik, Gesundheitswesen, Dienstleistungen und Haushalten.

Als strategische Partner nennt NEURA Bosch, Schaeffler, Kawasaki, Qualcomm Technologies, Amazon und NVIDIA. Qualcomm steuert Edge-AI-Fähigkeiten, Hochleistungsrechner und Konnektivität bei. Amazon bringt Cloud-Infrastruktur und KI-Technologien ein, darunter Amazon Bedrock, Amazon SageMaker, AWS-Trainium-Chips und den Neuron Stack. Bosch beteiligt sich mit Sensorik, Software-Know-how und Technologien, die elektrische Energie in Bewegung umwandeln. Schaeffler bringt acht Produktfamilien und Fertigungsexpertise ein.

Tether will laut CEO Paolo Ardoino Edge-Verarbeitung, autonome Entscheidungsfindung und maschinenbasierte Transaktionen unterstützen. QVAC soll dabei die Edge-Intelligenz liefern, WDK die Finanzschicht. imec.xpand sieht NEURAs Plattform als Verbindung von Physical AI mit Halbleitertechnologien wie Sensoren und Edge-Computing. Die Europäische Investitionsbank unterstützt das Unternehmen über die TechEU-Initiative mit langfristigem Kapital. Lingotto Horizon und InterAlpen Partners erklären, NEURA als Plattformunternehmen für Physical AI zu unterstützen.

Eine Maschine für die Sozialkassen?

Reger will Robotik in Deutschland zu einem Wirtschaftszweig von der Größenordnung der früheren Autoindustrie entwickeln. Darin sieht er auch eine Möglichkeit, den deutschen Sozialstaat langfristig zu finanzieren. Er bezeichnet sich als überzeugten Befürworter des Sozialstaats und will nach eigener Aussage Europas größter Steuerzahler werden.

Sein Vorschlag klingt politisch durchaus kantig: Sozialversicherungsbeiträge könnten auf die von Robotern erbrachte Arbeit erhoben werden, um Renten- und Krankenkassen zu finanzieren. Eine Robotersteuer hatte zuvor unter anderem Microsoft-Gründer Bill Gates vorgeschlagen. Reger sagt, er wolle Technologien für gesellschaftlichen Nutzen entwickeln. Technologie könne helfen, Demokratie und Sozialstaat zu erhalten.

Der aktuelle Preis pro Roboter liegt bei etwa 60.000 Euro. Ein solcher Roboter kann laut Artikel mehrere Facharbeiter ersetzen, weil er rund um die Uhr arbeitet und keinen Urlaub benötigt. Kurzfristig sieht Reger darin Chancen: In den kommenden Jahren gehen Hunderttausende Menschen in den Ruhestand, zugleich fehlen Fachkräfte mit handwerklichen Fähigkeiten. Wie sich langfristig die Tätigkeiten der Menschen verändern, kann er nach eigener Aussage nur schwer einschätzen.

Auch privat ist der Preis hoch. Reger ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von fünf und sieben Jahren. Wegen seiner Arbeit sei er nur selten zu Hause. Halt gibt ihm nach eigener Aussage sein christlicher Glaube. Und trotz des rasanten Wachstums sagt er, weiterhin jedes technische Detail seines Unternehmens zu verstehen.

Physical AI zwischen Aufbruch und offenen Fragen

Eine Analyse des FERI Cognitive Finance Institute und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung kommt zu dem Ergebnis, dass die Robotikrevolution nicht aufzuhalten sei. Für China halten die Forscher eine weitgehende und zeitnahe Ersetzung menschlicher Arbeitskräfte für wahrscheinlich. Deutschland sei mit Unternehmen wie NEURA Robotics gut positioniert, verliere durch Chinas hohes Tempo und die schnelle Skalierung aber täglich an Wettbewerbsspielraum.

Die gesellschaftliche Akzeptanz gilt als entscheidend für die Zukunft KI-basierter Robotik in Deutschland. NEURA setzt langfristig auf dezentrale KI-Architekturen, Edge-Intelligenz und maschinenbasierte Wirtschaftssysteme – zugleich auf offene, interoperable Robotik-Ökosysteme für Fabriken, Logistikzentren, Gesundheitseinrichtungen und Privathaushalte.

Der Begriff Physical AI beschreibt die Verbindung von Künstlicher Intelligenz und Robotik. Fortschritte bei KI, Sensorik und Hardware schaffen bessere Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Einsatz. Roboter können zunehmend ihre Umgebung wahrnehmen, Informationen verarbeiten, lernen und flexibel auf neue Situationen reagieren. Mögliche Einsatzbereiche reichen von der Industrie und Logistik bis zur Pflege und zu anderen Branchen mit repetitiven Aufgaben oder Fachkräftemangel.

Das Geld fließt bereits kräftig: Investitionen in humanoide-Robotik-Start-ups erreichten 2025 einen Höchststand. Rund 2,65 Milliarden US-Dollar gingen in Unternehmen aus diesem Bereich – mehr als in den Jahren 2018 bis 2024 zusammen. Die Summe erfasst allerdings nur einen Teil der gesamten Investitionen in humanoide Robotik. Marktprognosen erwarten in den kommenden Jahren hohe Wachstumsraten, obwohl ein etablierter Massenmarkt bislang nicht existiert und technologische wie regulatorische Hürden bleiben.

Eine Studie des FERI Cognitive Finance Institute in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IPA soll die technologischen Fortschritte, wirtschaftlichen Potenziale und strukturellen Herausforderungen KI-basierter Robotik untersuchen. NEURA begründet den erwarteten Bedarf an Physical AI mit alternden Bevölkerungen, Arbeitskräftemangel und einer steigenden Nachfrage nach qualifizierter Arbeit. Ziel ist, physische Fähigkeiten skalierbar zu machen und die Zeit zur Ausbildung und weltweiten Einführung neuer Roboterfähigkeiten zu verkürzen.