Am 1. Juli 2026 startet ein innovatives Forschungsprojekt, das sich mit der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) auf die Analyse historischer Gewaltverbrechen beschäftigt. Ziel des Projekts ist es zu untersuchen, wie KI große digitale Archive internationaler Strafverfahren interpretiert und welche Auswirkungen dies auf das öffentliche Verständnis von Vorfällen wie dem Holocaust und anderen Genoziden hat. Beteiligt sind mehrere führende Historiker und Experten aus den Bereichen Geschichtswissenschaft, digital Humanities und Informatik, die miteinander interdisziplinär arbeiten.

Das Projekt, das unter dem Titel „Interpreting Atrocities at Scale: AI, International Criminal Trials, and the Making of History“ von der Wübben Stiftung Wissenschaft gefördert wird, legt einen besonderen Fokus auf die Archive der Nürnberger Prozesse, des Internationalen Straftribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und des Internationalen Straftribunals für Ruanda (ICTR). Diese Institutionen haben juristische Dokumentationen von historischen Ereignissen erstellt, die jedoch oft keine vollständigen historischen Narrative abbilden können.

Forschungsfragen und Herausforderungen

Daniel Stahl, Historiker und Projektsprecher, hebt hervor, dass immer mehr Menschen KI-Systeme als Informationsquelle nutzen. Dabei sei jedoch unklar, wie diese Systeme historische Quellen verarbeiten. Insbesondere die Fallakten der internationalen Strafverfahren dokumentieren nur die Ereignisse aus einer strengen legalen Perspektive, was bedeutet, dass die komplexen historischen Realitäten oft nicht erfasst werden können, wie Roman Birke, Co-Sprecher und Historiker, anmerkt.

Ein wesentliches Anliegen der Forschung ist es, herauszufinden, ob und wie KI-Modelle in der Lage sind, historische Kenntnisse aus Gerichtsunterlagen zu extrahieren und welche Verzerrungen dabei auftreten können. Eine Analyse der führenden KI-Modelle, wie ChatGPT, Claude und Gemini, wird vorgeschlagen, um zu verstehen, wie sie Wissen über diese internationalen Strafverfahren präsentieren.

Methodik und interdisziplinärer Austausch

Im Rahmen des Projekts sind KI-Experimente geplant, bei denen eigens entwickelte Werkzeuge zur Verarbeitung von Millionen von Seiten historischer Gerichtsunterlagen zum Einsatz kommen sollen. Diese Werkzeuge zielen darauf ab, komplexe Zusammenhänge zu identifizieren und damit ein differenzierteres Verständnis der untersuchten historischen Begebenheiten zu ermöglichen.

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Ein wichtiger Teil des Projekts wird eine interdisziplinäre Sandpit-Diskussion sein, die vom 14. bis 16. September 2026 in Nürnberg stattfinden wird. Die Teilnahme ist international, mit Forschern aus Deutschland, Großbritannien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden und den USA. Dieses kreative Workshop-Format fördert den Austausch über gesellschaftlich relevante Themen im Kontext von KI und Geschichte.

Öffentliches Engagement und digitale Archive

Die Bedeutung der Untersuchung wird durch die Tatsache unterstrichen, dass das Memorium Nuremberg Trials nur wenige Originaldokumente der Nürnberger Prozesse enthält, wobei viele relevante Unterlagen mittlerweile online zugänglich sind. Zu den bedeutendsten Ressourcen gehören die Proceedings Volumes des Nuremberg International Military Tribunal und Ausgewählte Dokumente der Nürnberger Prozesse, welche sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache verfügbar sind.

Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, die gesammelten Erkenntnisse in Form von Publikationen und allgemein zugänglichen Artikeln zu teilen. Dies soll nicht nur die wissenschaftliche Community, sondern auch die breite Öffentlichkeit erreichen und somit zur Erinnerungskultur einen Beitrag leisten. Die Auswertung der digitalisierten Inhalte könnte dazu beitragen, neue Narrative zu entwickeln und das Verständnis für vergangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu schärfen.

Insgesamt zeigt die Forschung, wie wichtig es ist, moderne Technologien wie KI in die Geschichtswissenschaft einzubringen und die darüber gewonnenen Erkenntnisse kritisch zu hinterfragen. Die Ergebnisse dieses Projekts könnten wegweisend dafür sein, wie zukünftige Generationen historische Gewaltprozesse verstehen und gedenken.