Kindl-Areal: Zirkuläres Bauen für ein gemeinwohlorientiertes Kulturquartier
Auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln wird aus alter Substanz langsam eine neue Stadtidee. Seit der Stilllegung im Jahr 2005 sind Teile des Areals zu einem Kultur- und Sozialstandort geworden. 2011 erwarben Burkhard Varnholt und Salome Grisard das ehemalige Sudhaus und gründeten dort das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst. Zwischen historischen Braukesseln finden im Café Babette regelmäßig Konzerte und Performances statt.
Nun soll auch das frühere Vollgutlager weiterwachsen: Geplant ist ein gemeinwohlorientiertes Kultur- und Sozialquartier mit rund 35.000 Quadratmetern dauerhaft bezahlbarer Gewerbe- und Kulturfläche. Philine Barbe gehört zum Planungs- und Entwicklungsteam. Die Architektin arbeitet zu zirkulärem Bauen, Bestandserhalt und Denkmalschutz – und kennt das Gelände nicht nur aus Plänen.
Ein Quartier unter dem alten Lager
In den vier Etagen unter dem Vollgutlager liegen frühere Eiskeller. Dort wurde das Bier einst gekühlt, heute beträgt die Temperatur dort ganzjährig etwa 15 Grad. Künftig sollen die Räume Vereinen, sozialen Initiativen, NGOs sowie Kunst und Kultur offenstehen. Eine enge Bindung an die Nachbarschaft ist vorgesehen, mit queerem und migrantischem Schwerpunkt.
Hinter dem Vorhaben steht die Vollgut eG, eine 2023 mitgegründete Neuköllner Genossenschaft. Finanziert werden soll das Projekt über Genossenschaftskapital, Direktkredite aus der Nachbarschaft, Bankkredite und Kulturförderung. Laut Barbe liegt bereits eine Zusage des Bundesprogramms KulturInvest über 12 Millionen Euro vor. Der Ausbau und Umbau des Vollgutlagers soll demnächst beginnen.
Barbe und ihr Team der Schwesterorganisation TRNSFRM eG haben mit dem benachbarten CRCLR-Haus bereits gezeigt, wie so etwas aussehen kann. Die ehemalige Fassverladehalle wurde nachhaltig umgebaut und um drei Geschosse aufgestockt. Heute befinden sich dort Wohnungen, Büros und Gewerbeflächen – ein Ort für gemeinsames Wirtschaften und Wohnen.
Fenster aus dem Rückbau, Böden aus der Turnhalle
„Zirkuläres Bauen“ bedeutet für Barbe keinen schicken Neubau mit grünem Etikett, sondern einen ressourcenschonenden, möglichst minimalinvasiven Umbau. Bestehende Gebäude, Bauteile und Baustoffe sollen erhalten bleiben und später erneut verwendet werden können. Beim CRCLR-Haus wurden 600 Quadratmeter gebrauchte Holz- und Alufenster aus einem Wohnkomplex eingebaut. Ein großer Teil der Holzböden stammt aus einer ehemaligen Turnhalle; Barbes Team barg sie vor der Entsorgung aus Containern. Die Waschbecken kamen aus einer Jugendherberge.
Auch konstruktiv wurde beim CRCLR-Haus einiges neu gedacht. ZRS Ingenieure übernahmen die Tragwerksplanung für die Aufstockung und die Ertüchtigung des Bestands. Das bestehende Stahldach wurde zurückgebaut, neue Stahlbetonstützen nehmen die zusätzlichen Lasten auf, und eine Stahlbetondecke bildet den oberen Abschluss des Bestands.
Darauf sitzt ein Holz-Skelettbau mit Unterzügen und Stützen aus Brettschichtholz sowie Geschossdecken aus Brettsperrholz. Die nichttragende Fassade besteht aus einer Holzrahmenkonstruktion mit Strohballendämmung. Für neue Bauteile kamen lösbare Verbindungen zum Einsatz. Trotz der Brandschutzanforderung F90 wurde auf eine Kapselung der Holzkonstruktion verzichtet, damit die nachhaltigen Materialien sichtbar beziehungsweise nutzbar bleiben. Alle tragenden Holzbauteile wurden unter Berücksichtigung des Abbrands bemessen.
Altes Stahlmaterial verschwindet dabei nicht einfach auf dem Schrottplatz. Ehemalige Stahlpfetten aus der Dachkonstruktion der Halle dienen in der Aufstockung als statisch tragende Treppenwangen. Für das geplante Gewächshausdach zwischen den beiden Holzbauten sollen ausgebaute Stahlfachwerkträger verwendet werden. Das klingt trocken, ist vor Ort aber ziemlich handfest: Bauteile bekommen ein zweites Leben, statt dass neue Ressourcen durch die Gegend gekarrt werden.
Barbe fordert dafür Orte und eine geeignete Logistik zur Sammlung und Weitergabe gebrauchter Baumaterialien. Ihr Begriff dafür: „Rückbau statt Abbruch“. Noch fehlen vielerorts die Flächen, Abläufe und Zuständigkeiten. Und manchmal auch der Mut, ein Fenster einzubauen, das schon irgendwo anders im Einsatz war.
Vom selbst gebauten Holzhaus zur Hutfabrik
Ihr Interesse an Wiederverwendung wurde familiär geprägt. Die Mutter war Hutmacherin, der Vater arbeitete im Messebau, der Onkel war Tischler. In ihrer Kindheit wurden Gegenstände nicht einfach weggeworfen; erst wurde geprüft, ob sie noch für etwas anderes taugen. An der TU Berlin baute Barbe für ihre Bachelorarbeit ein Holzhaus aus wiederverwendeten Materialien.
In ihrer Masterarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar beschäftigte sie sich mit der Nachnutzung der Hutfabrik von Erich Mendelsohn in Luckenwalde. Mit dem Planungskollektiv „umbaubar“ setzte sie sich für eine nachhaltige und denkmalgerechte Umnutzung des Gebäudes ein. In ihrer geplanten Doktorarbeit will sie erneut zu der Hutfabrik arbeiten.
„Umbaubar“ ist zugleich ein projektbezogener Zusammenschluss von Studienfreunden, der Umbauten und Arealentwicklungen plant und berät. Das Netzwerk arbeitet europaweit und steht unter anderem mit den Schweizer Architekten Barbara Buser und Eric Honegger in Kontakt. Weitere Informationen gibt es unter trnsfrm.org. Zum CRCLR-Haus liegen außerdem die Veröffentlichungen „Transformation bauen – das CRCLR-Haus in Berlin“ in nbau, „Aufgebaut aus Ruinen“ in der DBZ 05/2023, „Wiederverwendbarkeit als Ziel“ in db 10/2023 sowie das Jahrbuch der Ingenieurbaukunst 2024 vor.
Ab Januar möchte Barbe ihre Promotion vorantreiben und künftig auch lehren. Ab 2027 soll sie an der Hochschule Mainz unterrichten, zugleich aber weiter im Planen und Bauen tätig bleiben. Führungen über das Kindl-Areal sowie Vorträge zu Nachhaltigkeit, Arealentwicklung und zirkulärem Bauen bietet sie ebenfalls an. Kontakt: info@umbaubar.studio und hallo@vollgut.berlin.
Warum Wiederverwenden noch nicht selbstverständlich ist
Nachhaltiges Bauen ist für Barbe die Zukunft. Politische Regelungen und Vorgaben für Bauherren fehlen bislang jedoch. Nachhaltiger Umbau bleibt wegen aufwendiger Planungs- und Genehmigungsverfahren schwieriger als Neubau. Das ist einer dieser Punkte, bei denen die gute Idee auf dem Papier erst einmal durch mehrere Türen muss.
Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, DGNB, nennt für die Wiederverwendung und Verwertung von Baustoffen Potenziale in allen drei Säulen der Nachhaltigkeit. In der Praxis bremsen allerdings Vorbehalte von Akteuren des Bauprozesses und Gebäudenutzern, die Annahme einer geringeren Qualität gebrauchter Bauteile, Unsicherheit und fehlendes Wissen zur Rechtslage. Dazu kommen Prozesse, die noch nicht wirtschaftlich und deshalb nicht skalierbar sind, sowie eine oft fehlende Verfügbarkeit geeigneter Materialien in ausreichender Menge und einheitlicher Qualität.
Die DGNB sieht deshalb drei zentrale Handlungsfelder: eine Haltung für eine Circular Economy entwickeln, die Rechtslage verbessern und Prozesse optimieren. Verliert ein Gebäude seine ursprüngliche Funktion, kann es zurückgebaut werden. Ist die Wiederverwendung von Bauteilen, Teilbauteilen oder Bauprodukten ausgeschlossen, bleibt als weiteres Szenario die Verwertung. Bau- und Abbruchabfälle müssen für eine spätere Wiederverwendung oder Verwertung nach der Gewerbeabfallverordnung getrennt gesammelt und befördert werden.
Für die Verwertung nennt die DGNB vier weitere Aufgaben: die Rückbaupraxis optimieren, Produktverantwortung übernehmen und Rücknahmekonzepte etablieren, Recyclinganteile und deren Nachfrage steigern sowie Schad- und Gefahrstoffe vermeiden und ihre Dokumentation einfordern.
Mehrfach nutzen, länger offenhalten
Auch die gemeinsame Nutzung von Flächen gehört zum Ansatz der Circular Economy. Wo Infrastruktur und Versorgungsflächen – etwa Küchen oder Sanitäreinrichtungen – geteilt werden, entstehen Effizienzgewinne. Pflege- und Instandhaltungsaufwand kann unter den
