Sex und Gender in Forschungsanträgen: Greifswalder Onlinevortrag zeigt Wege zu besserer Wissenschaft
Wer an der Universität Greifswald forscht und den nächsten Antrag vorbereitet, sollte den 5. Januar 2027 vormerken. Dann geht es in einem Onlinevortrag um die Frage: „Integration of sex and gender into your grant application: Why does it matter and how do I do it?“ Die Veranstaltung findet von 12:15 bis 13:45 Uhr über Zoom statt.
Im Mittelpunkt steht die Berücksichtigung von Geschlecht und Gender in Forschungsanträgen, mit einem Schwerpunkt auf biomedizinischer Forschung. Sex und Gender prägen viele Lebensbereiche – von den molekularen Grundlagen von Gesundheit und Krankheit bis zur gesellschaftlichen Verteilung von Macht und Ressourcen. Wissenschaftliche Einrichtungen und Förderorganisationen erkennen diese Bedeutung zunehmend an. In Förderanträgen ist die Einbeziehung von Sex, Gender und weiteren Diversitätsdimensionen deshalb häufig eine formale Voraussetzung.
Was in dem Vortrag auf dem Programm steht
Der Vortrag zeigt, wie sich diese Aspekte in eigene Forschungsvorhaben und Anträge einbauen lassen. Das klingt zunächst nach zusätzlicher Bürokratie, kann aber direkt mit der Qualität der Forschung zu tun haben: Die Berücksichtigung biologischer, sozialer und kultureller Geschlechterdimensionen kann die Qualität, Relevanz, Robustheit und Reproduzierbarkeit medizinischer Studien verbessern. In Medizin und Gesundheitsforschung kann sie außerdem Auswirkungen auf die Versorgung haben.
Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Wissenschaft managen / Managing Research“. Sie vermittelt Grundlagen für die Planung des ersten eigenen Postdoc-Forschungsprojekts sowie für eine erfolgreiche Antragstellung und Umsetzung. Die einzelnen Vorträge werden von Expertinnen, Experten und relevanten Ansprechpartnern der Universität gehalten. Diesmal referieren Dr. Philipp Töpfer (InkE) und Dr. Wiebke Ginter (DFG).
Angesprochen sind Forschende in der späten Promotionsphase und frühen Postdoc-Phase an der Universität Greifswald und der Universitätsmedizin Greifswald. Forschende anderer Greifswalder Einrichtungen sind ebenfalls willkommen. Teilnahmebescheinigungen können über die Graduiertenakademie ausgestellt werden.
Warum die Perspektive der Forschenden eine Rolle spielen kann
Wissenschaftler*innen bringen unterschiedliche Persönlichkeiten, Hintergründe und Erfahrungen mit. Gleichzeitig streben sie in ihrer Arbeit eine möglichst objektive Perspektive und objektive Ergebnisse an. In einzelnen Disziplinen können Geschlecht und andere Diversitätsdimensionen der Forschenden die Forschungsergebnisse jedoch beeinflussen.
In den Geistes- und Sozialwissenschaften werden Erwartungen, Verzerrungen und die Interaktion mit untersuchten Personen häufig bereits im Rahmen der Quellenkritik reflektiert. In der Ethnologie etwa kann die soziale Rolle der forschenden Person die Forschung beeinflussen.
Ein Beispiel aus den Lebenswissenschaften kommt aus der Schmerzforschung mit Ratten und Mäusen: Die Tiere zeigten geringere Schmerzreaktionen, wenn die Versuche von Wissenschaftlern durchgeführt wurden. Bei Wissenschaftlerinnen oder wenn keine Forschenden anwesend waren, blieben die Reaktionen jeweils gleich. Dieser „male observer effect“ wurde auf unterschiedliche, vom Geschlecht der forschenden Person abhängige Duftstoffe zurückgeführt. Das Forschungsergebnis selbst hing dadurch also auch von der Situation im Labor ab – ein ziemlich kleiner Faktor auf den ersten Blick, mit messbarem Effekt.
Bei den meisten Forschungsvorhaben spielen das Geschlecht oder andere Diversitätsdimensionen der Forschenden vermutlich keine oder nur eine geringe Rolle. In solchen Fällen sind bei der Antragstellung keine Ausführungen im entsprechenden Antragskapitel erforderlich.
Datenlücken mit Folgen
Eine „Gender und Diversity Data Gap“ bezeichnet fehlende oder unzureichend erhobene geschlechts- und diversitätsbezogene Daten. Die Gender Data Gap betrifft insbesondere Wissenslücken zu Frauen und genderdiversen Menschen. Die Diversity Data Gap umfasst allgemein Wissenslücken zu marginalisierten und unterrepräsentierten Gruppen, darunter Schwarze Menschen, indigene Menschen, People of Color sowie Menschen mit Behinderung.
Laut den im zugrunde liegenden Artikel genannten Quellen können solche Datenlücken zu einer weniger evidenzbasierten Versorgung führen – insbesondere für Frauen, genderdiverse Menschen sowie Schwarze Menschen, indigene Menschen und People of Color. Wer nicht ausreichend untersucht wird, taucht später eben auch nicht zuverlässig in Leitlinien, Diagnosen oder Therapien auf. Das ist kein Randproblem, wenn Forschungsergebnisse in der Praxis ankommen sollen.
Namhafte Fachzeitschriften wie Nature, The Lancet und Cell sowie Förderinstitutionen wie DFG, BMFTR und EU verlangen beziehungsweise berücksichtigen Geschlechter- und Vielfältigkeitsdimensionen bei Publikationen und Förderanträgen. Die DFG empfiehlt, Sex-, Gender- und weitere Diversitätsaspekte systematisch in Forschungsfragen, Methoden und Analysen einzubeziehen.
Auch das BMFTR hebt die Bedeutung von Geschlechterdimensionen in Forschungsfragen und Projekten hervor. Die Richtlinie „Geschlechteraspekte im Blick“ (GiB) soll geschlechtersensible Ansätze im gesamten Forschungsprozess und in allen Fachgebieten verankern. Die Europäische Kommission betrachtet die Integration von Geschlechterdimensionen in medizinischer Forschung und Lebenswissenschaften als Bestandteil des EU-Forschungs- und Innovationsprogramms Horizont Europa. Damit sollen unter anderem wissenschaftliche Exzellenz und Chancengleichheit gefördert werden.
Das Bundesministerium für Gesundheit stellt außerdem eine Checkliste zu Gender Mainstreaming in Forschung und Forschungsanträgen bereit. Aldin et al. (2020) geben einen Überblick über Antragsrichtlinien deutscher Förderinstitutionen im Gesundheitswesen, einschließlich Stiftungen, zur Integration von Geschlechteraspekten.
Anmeldung und ECTS
Die Teilnahme am Greifswalder Onlinevortrag ist nach vorheriger Registrierung für die Vortragsreihe möglich. Für strukturierte Programme der UMG gilt: Für 2 ECTS müssen mindestens 8 thematisch unterschiedliche Kurse besucht werden.
Organisiert wird die Veranstaltung vom Zentrum für Forschungsförderung und Transfer (ZFF) sowie vom Zentrum für akademische und digitale Kompetenzen/Graduiertenakademie der Universität Greifswald. Fragen beantwortet das Forschungsförderzentrum in der Wollweberstraße 1, 17489 Greifswald, unter Tel. +49 3834 420 1185.
