Leipziger Gedenktafel würdigt die Übersetzung der Geheimen Geschichte der Mongolen
Am 30. Oktober 2026 ist an der Universität Leipzig eine Gedenktafel für den Leipziger Forscher Erich Haenisch und seinen mongolischen Schüler Natsagdorj Dashdorj enthüllt worden. Der mongolische Präsident Khurelsukh Ukhnaa war dafür nach Leipzig gekommen; später reiste er weiter nach Dresden. Die Tafel erinnert an eine Arbeit, die vor fast hundert Jahren begann: Ab 1926 übersetzten Haenisch und Dashdorj in Leipzig erstmals die „Geheime Geschichte der Mongolen“ ins Deutsche.
Khurelsukh bekräftigte die enge Verbindung zwischen der Mongolei und Deutschland. Die strategische Partnerschaft solle weiterentwickelt, das historische Erbe bewahrt und an jüngere Generationen weitergegeben werden. Verträge könnten staatliche Beziehungen festigen, sagte der Präsident sinngemäß, doch Freundschaft zwischen Völkern entstehe durch Vertrauen und gegenseitiges Verständnis.
Eine Chronik zwischen Mythos und Macht
Die „Geheime Geschichte der Mongolen“ – mongolisch Mongolyn Nuuc Tovčoo, chinesisch Yuan chao mi shi – gilt als erstes literarisches Werk der Mongolei. Sie erzählt die Geschichte der Herrscherfamilie Dschingis Khans und entstand nach dessen Tod 1227. Vermutlich wurde sie 1240 auf einem von Ögedei Khan einberufenen Kuriltai vorgestellt.
Wer sie verfasst hat, ist unbekannt. Der Autor stammte wahrscheinlich aus Ögedeis Umfeld; als möglicher Verfasser gilt Schigichutuchu, Ögedeis Adoptivbruder. Ursprünglich war die Chronik nur der Herrscherfamilie zugänglich. Sie schildert Temüdschins Aufstieg: 1206 einte er am Fluss Onon die mongolischen Stämme und wurde zum „ozeangleichen Herrscher“, zu Dschingis Khan, erhoben.
Der Anfang reicht in eine mythische Zeit zurück. Der Urvater Bata-chiqan soll von einem blau-grauen Wolf, dem Börte cinu-a, und einer weißen Hirschkuh, der Qugha maral, abstammen. Spätere Quellen machten aus den Namen Personen. Die „Geheime Geschichte“ ist die einzige historische Quelle, die Wolf und Hirschkuh ausdrücklich als Vorfahren der Mongolen nennt; in späteren Genealogien stehen sie meist nicht am Anfang.
Nach einem Überblick über frühe Generationen wird die Darstellung ab Temüdschins Urgroßvater Chabul ausführlicher. Als Temüdschin neun Jahre alt ist, wird sein Vater, ein Stammesführer, von den Tataren vergiftet. Der Junge erfährt davon im Zelt seines künftigen Schwiegervaters und kehrt zu seiner Sippe zurück – doch bei seiner Ankunft ist der Vater bereits tot. Danach verlässt die gesamte Sippe die Familie. Temüdschins Mutter kämpft mit ihren vier Söhnen ums Überleben.
Temüdschin tötet seinen Bruder Bekter, nachdem dieser ihm einen gefangenen Fisch weggenommen hat. In den folgenden Jahren sammelt er Anhänger, um sich für die erlittene Demütigung zu rächen. Mit militärischer Macht, Charisma, Diplomatie, List und Gewalt besiegt er die feindlichen Stämme nach und nach und vereinigt die Steppenvölker zum Mongol ulus, zur mongolischen Nation.
Das Heer wird zum Kern dieses neuen Staates. Dschingis Khan gliedert es in Zehner-, Hunderter- und Tausenderschaften; fähige und tapfere Krieger können unabhängig von ihrer Abstammung militärische Ränge erhalten. Nach der Erhebung zum Khan unterwirft Temüdschin die letzten Steppenvölker. Danach richtet sich der Eroberungszug gegen die mandschurische Jin-Dynastie, die von 1125 bis 1234 Nordchina beherrscht.
Ein Versuch, diplomatische Beziehungen zum Reich der Choresm-Schahs aufzunehmen, scheitert. Der Sultan lässt die 100-köpfige Gesandtschaft hinrichten, woraufhin die Mongolen das Reich erobern und zerstören. Die Tanguten, die Dschingis Khan Truppen für den Feldzug gegen Choresmien verweigert hatten, werden zum nächsten Ziel.
Der Feldzug gegen die Tanguten wird Dschingis Khans letzter. Zu Beginn der Strafexpedition 1226 erleidet er bei einem Reitunfall schwere Verletzungen, weigert sich aber, den Feldzug abzubrechen. Die Tanguten werden besiegt. Dschingis Khan regelt seine Nachfolge und bestimmt seinen Sohn Ögedei zum neuen Khan; im folgenden Jahr stirbt er. Trotz hagiographischer Elemente enthält die Chronik auch kritische oder persönliche Angaben: Dschingis Khan soll zeitlebens Angst vor seiner Mutter und vor Hunden gehabt haben.
Vom verlorenen Urtext nach Leipzig
Der wahrscheinlich in uigurischer Schrift verfasste Urtext ist nicht erhalten. Vermutlich wurden viele Fassungen nach dem Sturz der mongolischen Yuan-Dynastie durch die chinesische Ming-Dynastie zerstört. Eine mongolische Fassung soll noch im 17. Jahrhundert existiert haben: Der buddhistische Mönch Lubsandandzin verfasste um 1655 die Chronik Altan toci. Der 1929 in der Mongolei entdeckte Text enthält große Teile des mongolischen Wortlauts der „Geheimen Geschichte“.
Überliefert blieb das Werk außerdem als Teil einer chinesischen Büchersammlung, die der Ming-Kaiser Yongle um 1410 sammeln und drucken ließ, sowie in handschriftlichen Kopien dieses Drucks. Der mongolische Text wurde in chinesischen Schriftzeichen phonetisch transkribiert. Dazu kamen eine chinesische Glosse und eine kurze Paraphrase im Baihua-Stil.
Die Wiederentdeckung begann 1847 mit der Veröffentlichung der chinesischen Paraphrase ohne den mongolischen Haupttext. Der russische Gelehrte Palladius übersetzte sie 1866 ins Russische und erwarb 1872 eine Kopie des Gesamttextes. Er arbeitete vermutlich an einer Rekonstruktion des mongolischen Urtexts und an einer russischen Übersetzung. Sein Tod 1878 verhinderte die Veröffentlichung; Manuskript und Kopie gingen zunächst verloren und wurden erst einige Jahrzehnte später im Nachlass des russischen Mongolisten Posdnejew wiederentdeckt.
Um 1900 gelangte der japanische Historiker Naka in den Besitz einer Kopie des Gesamttextes. Er veröffentlichte eine kommentierte japanische Übersetzung, gab aber weder seine Vorlage noch seine Rekonstruktion des mongolischen Textes heraus. 1903 veröffentlichte der chinesische Gelehrte und Büchersammler Ye Dehui den Gesamttext unter dem Titel Yuan chao mi shi, „Die Geheime Geschichte der Yuan-Dynastie“.
Der französische Sinologe Paul Pelliot veröffentlichte diese Ausgabe 1920 im Journal asiatique und begann, den mongolischen Urtext wiederherzustellen. Erich Haenisch veröffentlichte 1941 den mongolischen Wortlaut mit Wörterbuch und deutscher Übersetzung. Pelliots Arbeiten erschienen 1949 postum. Auf Grundlage der Arbeiten von Haenisch und Pelliot entstanden Übersetzungen in zahlreiche Sprachen.
Genannt werden unter anderem Manfred Taubes Geheime Geschichte der Mongolen von 2005, Michael Hallidays The Language of the Chinese ‘Secret History of the Mongols’ von 1956, Walther Heissigs Die Geheime Geschichte der Mongolen von 1981 und Pelliots Histoire Secrète des Mongols von 1949. Hinzu kommen mehrere sprachwissenschaftliche, morphologische, genealogische und lexikografische Arbeiten von Baldadordschiin Sumjaabaatar aus den Jahren 1990 bis 2020.
Wer Erich Haenisch war
Erich Haenisch wurde am 27. August 1880 in Berlin geboren und starb am 21. Dezember 1966 in Stuttgart. Er war Sinologe, Mongolist und Fachmann für die mandschurische Sprache, Schüler des Sinologen Wilhelm Grube. Seine Familie stammte aus dem Umfeld eines anerkannten Leipziger Rechtsanwalts.
Haenisch studierte Sinologie an der Universität Berlin und promovierte dort 1904. Danach arbeitete er als Deutschlehrer an staatlichen Militärschulen in Wuchang und Changsha. Während seines Aufenthalts in China bereiste er das Land, beschäftigte sich mit chinesischen Gelehrtentexten und gelang
