In Münster geht es gerade um eine ungewöhnliche Form religiöser Annäherung: Ahmad Milad Karimi schreibt Liebeserklärungen an Judentum und Christentum – aus muslimischer Perspektive, ohne die Unterschiede glattzubügeln. Anfang 2026 erschien Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung, Ende August folgte Die Schönheit des Christentums. Eine muslimische Liebeserklärung. Beide Bücher sind im Patmos-Verlag in Ostfildern erschienen.

Karimi wurde in Afghanistan geboren und ist Professor für Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster. Im Gespräch über das Christentum, das am 6. September 2026 veröffentlicht wurde, erklärt er, er habe kein Sachbuch über christliche Glaubensinhalte aus muslimischer Sicht schreiben wollen. Ihn interessierte vielmehr, was geschieht, wenn sich ein Muslim intensiv einem anderen Glauben aussetzt.

Das Christentum ist Karimi zugleich vertraut und fremd. Jesus und Maria gehören auch zur islamischen religiösen Welt. Die Menschwerdung Gottes, das Kreuz und die Trinität kann er als Muslim jedoch nicht bekennen. Gerade diese Spannung treibt ihn um: Kann man etwas wegen seiner Andersheit lieben? Nicht nur dort, wo es Übereinstimmungen gibt?

Eine Kippa, ein Kreuz und die Zumutung des Fremden

Sein Buch über das Judentum entstand vor dem Hintergrund des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023, des Kriegs in Gaza, von Antisemitismus sowie politischer und religiöser Polarisierung. „Judenliebe“ meint für Karimi dabei weder Romantisierung noch Philosemitismus. Das Judentum soll in seiner Eigenart wahrgenommen werden, mit seiner Geschichte und Würde. Dazu gehört auch Kritik – und die Fähigkeit, Kritik auszuhalten. Entscheidend bleibt für ihn, dem anderen seine Menschlichkeit nicht abzusprechen.

Karimi plädiert für die verbindenden spirituellen Wurzeln von Judentum und Islam und wendet sich gegen Hass und Abgrenzung. Bei seinem ersten Besuch in einer Synagoge erhält er eine Kippa. Er verbindet sie mit Demut, Hingabe, Ehrfurcht, Verletzlichkeit, Geschichte und Freiheit. Als er sie zurückgibt, verschwindet ihre symbolische Bedeutung nicht. Übrig bleibt die Erfahrung einer möglichen Verbindung, getragen von Schönheit.

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Auch im Christentum sucht Karimi nicht bloß das Bekannte. Beim Betreten christlicher Kirchen erlebt er Raum, Größe und Kreuz als überwältigend und spirituell anziehend. Das Kreuz löst Fragen und Zweifel aus – vielleicht nähert er sich dadurch sogar zunehmend dem christlichen Glauben an. Gleichzeitig sagt er klar: Er könne nicht glauben, dass Gott gekreuzigt wurde oder in Jesus Mensch geworden ist.

Im interreligiösen Dialog genügt es ihm deshalb nicht, ständig Unterschiede oder „rote Linien“ zu betonen. Beim Blick auf das Kreuz sieht er nicht nur einen theologischen Lehrsatz, sondern einen verwundeten Menschen. Das Kreuz beschönige Leiden nicht, sondern fordere dazu auf, Schmerz, Ohnmacht und die unverlierbare Würde des Menschen wahrzunehmen.

Die Schönheit der Bedürftigkeit

Als zentrale Schönheit des Christentums beschreibt Karimi das Kind in der Krippe. Der christliche Glaube richte den Blick auf ein bedürftiges, schutzloses Kind. Der Mensch erscheine zunächst nicht als mächtig, vernünftig oder leistungsfähig, sondern als jemand, der empfangen und versorgt werden müsse. Bedürftigkeit steht am Anfang des menschlichen Lebens – noch bevor jemand sprechen, handeln oder Leistung zeigen kann.

Daraus entwickelt Karimi eine „Anthropologie der Vulnerabilität“. Menschen seien nicht erst durch Sprechen, Handeln, Leistung oder Entscheidungen würdig. Würde bestehe bereits darin, überhaupt zu atmen. Das Christentum stelle menschliche Bedürftigkeit und Verletzlichkeit in den Mittelpunkt, statt sie an den Rand zu schieben.

Mit der christlichen Lehre von der Menschwerdung Gottes setzt sich Karimi aus muslimischer Perspektive auseinander. Er glaubt nicht an die Menschwerdung Gottes. Trotzdem lässt er den Gedanken in seiner Fremdheit und seiner Nähe zum Menschen auf sich wirken. Darin erkennt er eine Vorstellung von Liebe, die den Menschen ernst nimmt und ihn nicht auf Schuld, Verlorenheit oder Erbärmlichkeit reduziert.

Dass das Christentum menschliche Bedürftigkeit und Verwundbarkeit nicht beschämt, sondern in den Horizont göttlicher Zuwendung stellt, schätzt Karimi. Die christliche Lehre könne er nicht ohne innere Auseinandersetzung bekennen. Die darin sichtbare Menschenliebe könne er aber lieben, ebenso die Betonung der Menschenwürde.

Zur Schönheit des Christentums gehören für ihn außerdem Kirchen, Pilgerwege, die christliche Vorstellung von Gottes Nähe und die Menschwerdung Gottes. Besonders bewegt ihn der Gedanke, dass Gott die Endlichkeit annimmt und menschlichen Schmerz von innen erfährt. Maria beschreibt er als demütige, zugleich widerständige und starke Frau, die sich gegen die Erwartungen ihrer Sippe gestellt habe. Auch die Darstellung Jesu, seines Lebens und seines Umgangs mit dem Widerfahrenen empfindet er als bedeutend.

Begegnung ohne Einigungspflicht

Liebe bedeutet für Karimi weder Zustimmung noch Glauben. Sie bedeutet Begegnung und die Bereitschaft, sich vom anderen bewegen zu lassen. Das Fremde muss nicht vertraut werden; entscheidend ist, bei ihm zu verweilen und sich davon berühren zu lassen. Karimi nennt diese Haltung „innere Gastfreundschaft“.

Judentum, Islam und Christentum können dabei verbunden und zugleich unterschiedlich bleiben. Ein Dialog, der nur Gemeinsamkeiten sammelt, reicht ihm nicht, weil am Ende womöglich nur das Eigene geschätzt wird. Religiöser Dialog sei Begegnung und müsse nicht mit einer Einigung enden. Kreuz, Menschwerdung Gottes und Trinität bleiben Unterschiede, aber sie müssen keine trennende Mauer bilden.

Das Kreuz ist für Karimi als Muslim nicht nur ein Problem der Christen, sondern auch eine eigene Herausforderung. Vor dem Kreuz bewegt zu sein, obwohl man nicht an seine theologische Bedeutung glaubt, beschreibt er als mögliche menschliche Verwandlung. Wenn ein Glaube eine solche Wirkung entfalten könne, sei das für ihn ein Grund, ihn zu würdigen.

Karimi beobachtet allerdings auch, dass Christen möglicherweise nicht ausreichend von ihrem eigenen Glauben erschüttert seien, weil sie an Kreuz und Kirche gewöhnt seien. Er plädiert dafür, dass Christen und Muslime ihren Glauben neu entdecken – in seiner Schönheit, Erschütterung und Ernsthaftigkeit. Gerade angesichts einer verletzten Welt sei das wichtig.

Sein Buch verstehe er nicht als Werbung für das Christentum. Es sei auch ein Hinweis darauf, dass Muslime die Schönheit eines anderen Glaubens erkennen können. Für seinen eigenen Glauben wolle er ebenfalls nicht werben, sondern die Schönheit der Schöpfung wahrnehmen und benennen. Negative Rückmeldungen habe er bislang nicht erhalten; Kritik würde er grundsätzlich begrüßen.

Am Ende bezeichnet Karimi das Christentum als geistigen Weggefährten. Es entspricht nicht seinem eigenen Glauben, bringt ihn aber dazu, den eigenen Glauben tiefer zu verstehen. Die Zartheit christlicher Bilder, die Hoffnung und die Ernsthaftigkeit der Liebe zum Menschen sprechen ihn an. Das Christentum zieht ihn nicht von seinem Glauben weg, sondern lässt ihn darin tiefer werden.

Ein Gespräch in einer religiös vielfältigen Gesellschaft

Vorgestellt und ausführlich zitiert werden beide Bücher von Helga Kohler-Spiegel. Sie ist emeritierte Professorin für Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg sowie Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und Supervisorin.

Der größere Rahmen ist durchaus nüchtern: In Deutschland und Europa gibt es neben den christlichen Kirchen zahlreiche weitere Religionen und religiöse Gemeinschaften. Kirchen müssen ihre gesellschaftliche und theologische Rolle neu bestimmen – etwa die Frage, welche Bedeutung und Aufgaben sie im öffentlichen Leben haben und wie sie ihre Beziehungen zu anderen Religionsgemeinschaften gestalten.

Der Islam und muslimische Gemeinschaften spielen bei religiösen Fragen in der Gesellschaft eine besondere Rolle. Musliminnen und Muslime machen in Deutschland etwa 5–6 Prozent der Bevölkerung aus und bilden damit nach den Kirchen die zahlenmäßig größte religiöse Gruppe. Zugleich ist die öffentliche Wahrnehmung muslimischer Menschen häufig von Verallgemeinerungen und einem vereinfachenden Bild von „dem Islam“ geprägt. In Teilen der Gesellschaft gibt es spezifische Islamfeindlichkeit, die oft mit rassistischer Diskriminierung verbunden ist.

Karimis Hoffnung für den interreligiösen Dialog klingt vor diesem Hintergrund ziemlich praktisch: Menschen sollen lernen, Unterschiede am anderen zu würdigen und sich auch auf unbequeme oder herausfordernde Aspekte einzulassen. Nicht alles muss vertraut werden. Manchmal reicht es, nicht sofort davonzulaufen.