Miss Germany: Vom Schönheitswettbewerb zur Unternehmerinnen-Bühne
Max Klemmer hat lange nicht gern erzählt, womit er sein Geld verdient. Wenn jemand nach seinem Beruf fragte, sprach der Veranstalter von „Marketing und Veranstaltungen“. „Miss Germany“ verschwieg er teilweise – aus Scham, wie er heute sagt. Der Wettbewerb, den seine Familie jahrzehntelang organisiert hatte, fühlte sich für ihn nicht mehr zeitgemäß an.
Vor allem die frühere Ausrichtung, die Klemmer als „Fleischbeschau“ bezeichnete, wollte er nicht fortführen. Stattdessen machte er aus dem Schönheitswettbewerb ein Event für Unternehmerinnen. Der Kurswechsel brachte Streit mit seinem Vater und seinem Großvater – und war finanziell ein ordentliches Wagnis.
Vom Schönheitswettbewerb zur „Mission“
Bereits 2019 habe man mehrere Jahre für die Transformation eingeplant, sagte Klemmer. Er sei zunächst zu optimistisch gewesen, was das Tempo betraf, mit dem sich das etablierte Geschäftsmodell ersetzen lasse. Seit 2021 werden die Kandidatinnen bei der Wahl jedenfalls nicht mehr ausschließlich nach ihrem Aussehen beurteilt. Sie sollen außerdem eine „Mission“ vertreten.
Ein sichtbares Zeichen dieses neuen Konzepts war Domitila Barros. Die gebürtige Brasilianerin, geboren am 27. Juni 1984 in Recife, gewann am 19. Februar 2022 im Europa-Park Rust gegen elf Finalistinnen den Titel Miss Germany 2022. Barros engagiert sich für Umweltschutz und Kinderrechte in Brasilien. Ihre Wahl fand in mehreren lateinamerikanischen Ländern mediale Beachtung.
Danach blieb es bei ihr nicht beim Krönchen: 2023 nahm Barros an der brasilianischen Reality-Show „Big Brother Brasil“ teil. Anschließend zahlte sie 3.600 Euro für die Teilnahme an den World Influencer and Blogger Awards und wurde dort als „Sustainable Influencer“ ausgezeichnet. 2024 erschien beim Ullstein Verlag ihr Buch „Rebel Dreamer: Wie mich die Favela auf das Leben vorbereitete, um das wahre Glück zu finden“ (ISBN 978-3-548-06890-9).
Ein teurer Neuanfang
Die neue Richtung musste sich erst rechnen. Zum 100. Jubiläum von „Miss Germany“ im kommenden Jahr strebt Klemmer den Break-even an: Einnahmen und Veranstaltungskosten sollen sich dann ausgleichen. Seit 2025 findet die Wahl in München statt.
In der Stadt bekommt der Wettbewerb damit eine neue Bühne – und zugleich mehr Abstand zu jener Tradition, aus der er stammt. Der Name ist geblieben, der Anspruch dahinter hat sich verschoben: weg vom bloßen Aussehen, hin zu Frauen mit eigenen Projekten und einer „Mission“. Ob das Geschäftsmodell am Ende trägt, entscheidet sich nicht nur im Scheinwerferlicht, sondern auch ganz nüchtern in der Bilanz.
