Am 5.11.2026 wird an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd sichtbar, worüber in der Krebsversorgung noch immer erstaunlich selten gesprochen wird: Liebe, Sexualität, Intimität und Einsamkeit nach einer Krebserkrankung. Eine Studie der PH untersucht, wie Krankheit und Behandlung Partnerschaften, Körpergefühl und den Umgang mit Nähe verändern. Studienleiterin Marlen Niederberger ist Professorin am Institut für Gesundheitswissenschaften der PH Schwäbisch Gmünd.

In Deutschland leben mehr als vier Millionen Menschen mit Krebs oder nach einer überstandenen Krebserkrankung. Dank medizinischer Fortschritte ist die Sterblichkeit seit der Jahrtausendwende deutlich gesunken. Das ist die gute Nachricht. Die andere lautet: Wenn die akute Therapie vorbei ist, sind längst nicht alle Folgen verschwunden. Manche sitzen tiefer – im eigenen Körper, in der Partnerschaft, manchmal auch nachts im Bett, wenn der Schlaf ohnehin nicht kommen will.

Wenn der Körper sich verändert

Operationen oder Bestrahlungen bei Prostata-, Gebärmutter- oder Brustkrebs können körperliche Funktionen verändern oder Schmerzen verursachen. Hormonbehandlungen können die sexuelle Lust verringern. Chemotherapien bringen oft Erschöpfung und Fatigue mit sich; Haarausfall und andere äußerlich sichtbare Veränderungen verändern zudem den Blick auf den eigenen Körper. Auch Menschen mit Leukämie oder anderen Krebsarten können betroffen sein.

Die Leitlinie „Liebe und Sexualität mit und nach einer Krebserkrankung“, gültige Version vom Mai 2024, nennt weitere mögliche Folgen: Narben, ein Stoma, Brust- oder Hodenamputationen, Gewichtsveränderungen und den Verlust von Körperteilen. Sensibilitätsstörungen, Missempfindungen und Schmerzen können noch Jahre nach der Behandlung bestehen. Endokrine Therapien beeinflussen unter Umständen Libido, Vaginalfeuchtigkeit und Erektionsfähigkeit. Bei chronischen Schmerzen wird ein gutes Schmerzmanagement empfohlen.

All das kann die Wahrnehmung des eigenen Körpers, das Selbstbewusstsein und das Empfinden von Attraktivität beeinträchtigen. Auch Partnerinnen und Partner können unsicher sein – etwa beim Umgang mit Narben. Rückfallängste, Sorgen über die Reaktion der anderen Person oder die Frage, ob der eigene Körper noch begehrenswert ist, sitzen nicht selten mit am Tisch.

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Psychische und psychosoziale Probleme treten teilweise erst Jahre nach der Behandlung auf. Während der akuten Erkrankung stehen Überleben und Therapie im Mittelpunkt, Angehörige unterstützen Betroffene in dieser Phase häufig besonders stark. Später tauchen andere Fragen auf: Was ist aus meinem Körper geworden? Wie offen kann ich darüber sprechen? Warum bin ich niedergeschlagen, schlafe schlecht oder fühle mich trotz überstandener Behandlung noch nicht wieder wie früher?

Viele Betroffene erleben den Anspruch, wieder vollständig „normal“ wie vor der Erkrankung zu sein. Dabei kann sexuelles Verlangen angesichts der Belastungen schlicht in den Hintergrund treten. Sexualität fühlt sich dann manchmal wie eine zusätzliche Aufgabe an. Erkrankung und langwierige Therapie verändern Rollen, Aufgaben und die Verteilung von Aufmerksamkeit in Partnerschaft und Familie.

Das Schweigen in der Versorgung

Für die Studie wertete das Forschungsteam Gespräche mit Betroffenen und medizinischem Personal, Beiträge aus Online-Foren sowie Krebs-Informationsbroschüren aus. Belastbare Zahlen dazu, wie häufig sexuelle und partnerschaftliche Probleme nach Krebs auftreten, gibt es bislang nicht. Die Datenlage ist in Deutschland schlechter als in anderen Ländern. Das Thema wird wenig untersucht – gerade psychische und psychosoziale Folgen sind schwer zu erfassen.

In der medizinischen Versorgung wird über mögliche Auswirkungen auf Sexualität meist nicht gesprochen. Betroffene sprechen das Thema häufig nicht selbst an, Fachpersonal fragt in der Regel nicht danach. Zu Beginn zählen Diagnose, Therapie und Heilung. Wenn sexuelle Probleme später auftreten, sind viele Menschen bereits nicht mehr in der Versorgung.

Hausärzte, Gynäkologen und Urologen konzentrieren sich häufig auf körperliche Funktionen: Männern werden etwa Medikamente gegen Erektionsstörungen verschrieben, Frauen erhalten beispielsweise Gleitgel. Psychische Folgen, Scham und die Auswirkungen auf die Partnerschaft bleiben dabei meist außen vor. Auch in Reha-Einrichtungen wird Sexualität in der Regel nicht angesprochen. Dort geht es häufig darum, Betroffene wieder arbeitsfähig zu machen. Finanzielle Belastungen und das Thema Krebs und Armut können andere Bedürfnisse zusätzlich verdrängen.

Sexualität gilt gesellschaftlich oft als Privatsache innerhalb einer Paarbeziehung. Selbsthilfegruppen und Online-Foren gehören deshalb zu den wenigen Orten, an denen Betroffene offen darüber sprechen. Das Forschungsteam führt Einzelinterviews und kontaktiert systematisch Selbsthilfegruppen. Gespräche und Beobachtungen sollen unter Einhaltung des Datenschutzes stattfinden. Allerdings liefern auch direkte Interviews nicht immer vollständige Aussagen, sagt Niederberger: Betroffene sprechen möglicherweise nicht alles an.

Paare, Singles und die Lücken in den Broschüren

Ob Frauen oder Männer stärker betroffen sind, untersucht das Team noch. Geplant sind Interviews mit Paaren, bei denen Betroffene und Partner getrennt befragt werden sollen. In Broschüren zu Krebsarten, die ausschließlich Männer betreffen, wird Sexualität etwas häufiger erwähnt – dann aber vor allem im Zusammenhang mit Erektionsfähigkeit und Zeugungsfähigkeit. Andere Aspekte werden oft mit allgemeinen Hinweisen auf Kommunikation und alternative Formen von Nähe abgehandelt. Für viele Paare ist das ein ziemlich großer Sprung: „Redet miteinander“ klingt leicht, kann aber überfordern.

Die Vielfalt von Lebensmodellen kommt in solchen Materialien kaum vor. Homosexuelle Paare und Singles werden weitgehend nicht angesprochen; die Darstellungen orientieren sich überwiegend an heterosexuellen Mann-Frau-Beziehungen und traditionellen Rollenbildern. Selbstbefriedigung, insbesondere bei Frauen, wird kaum thematisiert.

Für Singles stellen sich ganz praktische Fragen: Wie funktioniert Dating mit Narben, einem Stoma oder verändertem Körpergefühl? Wann erzähle ich von der früheren Erkrankung? Menschen, die bisher allein gelebt haben, verlieren nach einer Krebserkrankung teilweise das Vertrauen, überhaupt eine neue Beziehung eingehen zu können. Unsicherheit, mögliche Stigmatisierung, Vorurteile, veränderte Prioritäten sowie der zeitliche und emotionale Aufwand erschweren die Suche zusätzlich.

Scham und Rückzug können Einsamkeit verstärken. Einsamkeit ist bei Menschen nach einer Krebserkrankung laut dem Artikel stärker verbreitet als in der übrigen Bevölkerung. Schönheitsideale und der Druck, jugendlich oder äußerlich unverändert auszusehen, wirken dabei mit. Viele Betroffene möchten den früheren Körper wiederherstellen und Narben möglichst unsichtbar machen. Eine Frau, die nach einer Brustamputation öffentlich erklärte, ihren Körper unverändert akzeptieren zu wollen, wird als Ausnahme beschrieben. Die Vorstellung, dass ein veränderter Körper dauerhaft anders sein kann, wird laut Niederberger wenig vermittelt.

Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums gibt gemeinsam mit der Krebsliga Schweiz zwei Broschüren heraus: „Männliche Sexualität und Krebs“ sowie „Weibliche Sexualität und Krebs“. Sie behandeln mögliche Gründe für Beeinträchtigungen, den Umgang mit Veränderungen, wichtige Aspekte in einer Partnerschaft, eine mögliche neue Partnerschaft nach der Erkrankung und Auswirkungen auf den Kinderwunsch. Die Ratgeber sollen Orientierung bieten und verweisen auf Beratungsstellen und weiterführende Informationen für Betroffene und ihre Partner. Einzelexemplare stehen als PDF-Dateien zum Lesen und Ausdrucken bereit, gedruckte Exemplare können beim Krebsinformationsdienst bestellt werden.

Der Artikel „Sexualität und Krebs – Ratgeber für Paare und Alleinlebende“ wurde am 21.11.2023 aktualisiert. Autorin ist Teresa Glauner, Krebswissenschaftlerin (M.Sc.). Der Beitrag gehört zum Themenbereich „Alltag mit Krebs“, zu dem auch „Kinderwunsch nach Krebs“, „Leben mit Brustkrebs“ und „Hodenkrebs“ zählen. Herausgeber ist das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), als Autoren werden die Internet-Redaktion des Krebsinformationsdienstes genannt. Die Inhalte prüft die Fachredaktion mit Fachleuten aus Medizin, Naturwissenschaften, Psychoonkologie und Recht regelmäßig auf Aktualisierungsbedarf und passt sie bei relevanten neuen Quellen an.

Nähe muss nicht beim Geschlechtsverkehr beginnen

Die Leitlinie von Jens Richard Stäudle und Inken Hilgendorf, an der die DGHO beteiligt ist, beschreibt Selbstakzeptanz als wichtige Grundlage für Nähe und Sexualität. Betroffene sollen ihren Körper neu entdecken und gesellschaftliche Schönheitsideale nicht zum Maßstab machen. Das klingt nicht immer nach einem schnellen Weg – eher nach vielen kleinen Schritten, an manchen Tagen auch nach einem Schritt zurück.

Veränderungen bedeuten nicht zwingend das Ende von Intimität. Sie können Anpassungen erfordern: neue Stellungen, andere erogene Zonen oder neue Sexualpraktiken. Intimität umfasst auch Kuscheln, Streicheln und wertschätzende Gesten. Erotik kann in Berührungen, Komplimenten und Alltags