Wildschweine auf Friedhöfen: Wie Städte mit tierischen Eindringlingen umgehen
Auf dem Friedhof im Kaiserslauterer Stadtteil Mölschbach ist vorerst Ruhe eingekehrt. Wochenlang hatten Wildschweine nachts Gräber umgewühlt, Blumen ausgegraben, Wurzeln abgefressen und Erde über die Wege verteilt. Selbst kunstvoll in Gräber eingebettete Steine entfernten die Tiere teilweise. Für Angehörige muss der Anblick beim Besuch der Gräber ziemlich belastend gewesen sein.
Die ersten größeren Schäden wurden Anfang August 2026 festgestellt, danach wiederholten sich die Verwüstungen. Der Friedhof grenzt direkt an den Pfälzerwald. Der Zaun steht dort teilweise auf sandigem Boden – für Wildschweine offenbar eine Einladung, sich unten durchzugraben. Ein zunächst eingesetzter Elektrozaun hielt sie jedenfalls nicht ab.
Stärkerer Zaun, scharfer Geruch
Die Stadt Kaiserslautern reagierte mit mehreren Maßnahmen: Ein stark riechendes Vergrämungsmittel soll die Tiere fernhalten, außerdem wurde der Elektrozaun verstärkt. Nach der letzten Verwüstung legte die Stadt noch einmal nach. Falls die Wildschweine erneut unter der Absperrung hindurchkommen, sollen im Boden verankerte Metallplatten eingesetzt werden.
Ortsvorsteherin Jutta Rech (SPD) zufolge wurde der Friedhof seit mehreren Wochen nicht mehr verwüstet. Das Vergrämungsmittel riecht kräftig und soll den Tieren den Zugang verleiden. Ob solche Reize auf Dauer wirken, ist allerdings unter Fachleuten umstritten: Wildschweine können sich an akustische Signale, Duftstoffe oder Lichtinstallationen gewöhnen.
Als mögliche Ursache für die ungewöhnliche Suche nach Nahrung nennt Rech die anhaltende Trockenheit. Die Tiere könnten nach feuchten Wurzeln, Nahrung und Wasser gesucht haben. Die betroffenen Gräber waren bewässert worden – dort war der Boden offenbar attraktiver als anderswo.
Auch in Gärten von Anwohnern versuchten Wildschweine einzudringen. Ein Tier verfing sich dabei so stark in einem Zaun, dass es von einem Förster getötet werden musste. In Leimen in der Südwestpfalz ziehen Wildschweine seit Wochen durch Straßen, Gärten und Felder; dort verursachen sie Schäden in fünfstelliger Höhe.
Friedhöfe als nächtliche Futtersuche
Das Problem reicht längst über Mölschbach hinaus. In Rheinland-Pfalz wurden unter anderem Friedhöfe in Koblenz, Kaiserslautern und Trier betroffen. Wildschweine reißen Blumen heraus, beschädigen Grabschmuck und können innerhalb einer einzigen Nacht gepflegte Grabstätten verwüsten. Blumenarrangements liegen dann verstreut herum, Schmuck wird beschädigt oder verschleppt.
Im Boden suchen die Tiere nach Würmern, Insektenlarven und anderen Kleintieren. Friedhöfe bieten dafür günstige Bedingungen: Die Erde wird regelmäßig gelockert, Pflanzen werden gepflegt und gedüngt, viele Anlagen liegen am Stadtrand nahe Wäldern und Feldern. Dazu kommt der Zeitpunkt. Wildschweine sind nachtaktiv und tauchen vor allem abends und morgens auf – genau dann, wenn Friedhofspersonal kaum kontrollieren kann, was draußen passiert.
Verwaltungen in mehreren Städten beschäftigen sich inzwischen mit den Vorfällen. Eine vollständige Einfriedung großer Friedhofsanlagen wäre jedoch oft kaum umsetzbar, Zäune gelten als aufwendig und teuer. Konkrete Maßnahmen der einzelnen Kommunen waren zunächst nicht bekannt. In Kaiserslautern gibt es nun immerhin einen verstärkten Elektrozaun, Duft als Abschreckung und notfalls Metallplatten im Erdreich.
Friedhöfe sind dabei nur ein Schauplatz. Wildschweine dringen auch in Parks, auf Sportplätze, in Gärten und andere Siedlungsbereiche ein. In vielen Städten zeigen sie nur noch geringe Scheu vor Menschen. Rheinland-Pfalz zählt zu den Bundesländern mit den höchsten Wildschweinpopulationen Deutschlands. Zu den wichtigen Lebensräumen gehören die Wälder der Eifel, des Hunsrücks und des Pfälzerwalds – von dort gelangen die Tiere in angrenzende Städte.
Die Jagd gilt als wichtigstes Mittel, um Bestände zu regulieren. In städtischen Gebieten ist sie allerdings stark eingeschränkt. Innerhalb von Ortschaften und auf Friedhöfen darf in der Regel nicht gejagt werden, um die öffentliche Sicherheit zu schützen. Kommunen brauchen deshalb abgestimmte Konzepte aus Stadtplanung, Jagdrecht und Wildtiermanagement. Solange die Population in Rheinland-Pfalz hoch bleibt, dürften die Konflikte zwischen Wildtieren und städtischer Infrastruktur anhalten.
Forschung zwischen Stadt, Krankheit und KI
Wie flexibel sich Wildschweine an menschliche Räume anpassen, untersucht auch das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Mehrere Forschungsprojekte und Initiativen beschäftigen sich mit den Tieren. Dazu gehört ein KI-basierter Fütterungsautomat: ein modularer, hoch selektiver Automat zur artspezifischen oralen Verabreichung tiermedizinischer Präparate an Wildtiere.
Infrage kommen Impfstoffe, Mittel zur Behandlung akuter Erkrankungen, Ergänzungsstoffe, Mittel zur chemischen Immobilisation und pharmazeutische Empfängnisverhütung. Sensoren und Kameras überwachen die Umgebung, künstliche Intelligenz soll Wildschweine als Zieltierart erkennen. Zunächst wird ein Demonstrator auf Wildschweine angepasst. Ausgewählt wurden sie wegen der Bedeutung ihres Populationsmanagements für landwirtschaftliche Interessen.
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt sind die Dynamiken von Wildtierkrankheiten. Dabei geht es darum, wie Bewegungsmuster und Lebensstrategien von Wirtsarten – darunter Wildschweine – die Ausbreitung, Persistenz und Evolution von Krankheitserregern beeinflussen. Pathogene werden als Bestandteil der Biodiversität betrachtet; sie können Populationsdynamiken und Artengemeinschaften mitprägen.
Im Rahmen des GAIA-Aktionsplans zu Afrikanischer Schweinepest (ASP) und Maul- und Klauenseuche (MKS) entwickelte das Leibniz-IZW einen Ansatz zur großflächigen Überwachung und schnellen Beseitigung von Infektionsherden mittels künstlicher und biologischer Intelligenz. Seit dem ersten deutschen ASP-Nachweis bei einem Wildschwein im September 2020 wurden mehr als 6.500 Fälle in sieben Bundesländern nachgewiesen. Im Januar 2025 wurde bei einem Wasserbüffel in Brandenburg MKS festgestellt. Eine Übertragung auf Wildtierbestände wird als wahrscheinlich beschrieben; die MKS kann sich dort festsetzen und wiederholt Nutztiere infizieren.
Eine NABU-Berliner Broschüre aus dem Jahr 2021 enthält Hintergrundinformationen zu Wildschweinen in Berlin und Forschungsergebnisse des Leibniz-IZW. Genannt werden außerdem mehrere Publikationen beteiligter Forschender:
- 2023: Freuling et al.: Ursprung des Suid alphaherpesvirus 1 bei Wildschweinen als aktuelle Quelle der Aujeszky-Krankheit bei Fleischfressern in Deutschland. Virology Journal 20, 110. DOI: 10.1186/s12985-023-02074-3.
- 2022: Günther et al.: Umweltfaktoren im Zusammenhang mit dem Auftreten von ESBL-/AmpC-produzierenden Escherichia coli bei Wildschweinen. Frontiers in Veterinary Science 9, 980554. DOI: 10.3389/fvets.2022.980554.
- 2022: Hagemann et al.: Genetische Populationsstruktur und die Rolle von Wildschweinen als urbane Nutznießer in Barcelona. Science of the Total Environment 833, 155126. DOI: 10.1016/j.scitotenv.2022.155126.
- 2017: Stillfried et al.: Städte als Quellen, Senken oder isolierte Inseln für die Populationsstruktur städtischer Wildschweine. Journal of Applied Ecology 54, 272–281. DOI: 10.1111/1365-2664.12756.
- 2017: Stillfried et al.: Anpassung der Risikowahrnehmung und Toleranz gegenüber Störungen durch städtische Wildschweine. Frontiers in Ecology and Evolution 5, 157. DOI: 10.3389/fevo.2017.00157.
- 2017: Stillfried et al.: Auswahl natürlicher statt anthropogener Nahrungsquellen durch städtische Wildschweine. PLOS ONE 12, e0175127. DOI: 10.1371/journal
