Beim Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn traf Friedrich Merz auf eine Jugendorganisation, die sich ihrer eigenen Bedeutung sehr bewusst ist. Die JU galt vor seiner Kanzlerschaft als verlässliche Unterstützergruppe des heutigen Bundeskanzlers. In den vergangenen zwei Jahren ist das Verhältnis jedoch abgekühlt – vor allem wegen der Rentenpolitik.

JU-Chef Johannes Winkel wurde mit 94,3 Prozent im Amt bestätigt. Er stellte die JU als wichtige Kraft für die Zukunft von CDU und CSU dar. Zugleich fordert die Jugendorganisation eine konsequente Umsetzung der geplanten Rentenreformen und hat Merz für diesen Fall ihre Unterstützung zugesagt. Im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin, geführt von Christina von Ungern-Sternberg, ging es um die Stimmung der JU gegenüber Merz, ihren Einfluss auf CDU und CSU sowie die zentralen Konfliktpunkte.

Merz wirbt, die JU bleibt hart

Beim „Deutschlandtag“ in Rust warb Merz für das Rentenpaket der Bundesregierung. Der Parteinachwuchs solle sich konstruktiv beteiligen und nicht nur aufzählen, was alles nicht möglich sei, forderte der Kanzler. Vor einem Wettbewerb um das niedrigste Rentenniveau warnte er ebenfalls: Damit gewinne man keine Wahlen.

Als Parteivorsitzender müsse er sicherstellen, dass die Union strukturell mehrheitsfähig bleibe. Die Forderung der JU nach einer Überarbeitung des Rentenpakets wies Merz zurück. Er werde dem Gesetzentwurf „mit gutem Gewissen“ zustimmen. Berechnungen der JU, wonach die Festschreibung des Rentenniveaus über 2031 hinaus rund 120 Milliarden Euro kosten könnte, bezweifelte er.

Nach Merz’ Darstellung gilt das Rentenniveau von 48 Prozent des Nettoeinkommens nur bis 2031 – so, wie es im Koalitionsvertrag vereinbart sei. Danach solle ein neues System entstehen, das gesetzliche, private und betriebliche Altersvorsorge verbindet. Eine umfassende Rentenreform werde die Kosten später dämpfen, sagte der Kanzler.

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Viel Applaus bekam Merz für diese Positionen in Rust allerdings nicht. Kritik am Rentenpaket und Forderungen nach einer Umkehr wurden von den Delegierten dagegen mit starkem Beifall aufgenommen. Winkel hatte zu Beginn des Treffens erklärt, das Paket dürfe keinesfalls umgesetzt werden. Die SPD müsse daran erinnert werden, dass die Union die Bundestagswahl gewonnen habe.

18 Stimmen können entscheidend sein

Die JU und die Junge Gruppe der Unionsabgeordneten im Bundestag wollen das Rentenpaket nicht unterstützen. Die Junge Gruppe umfasst 18 Abgeordnete. Weil die schwarz-rote Koalition im Bundestag nur einen Vorsprung von zwölf Mandaten hat, ist die Mehrheit für das Gesetz ungewiss.

Die junge Gruppe kritisiert eine Regelung, nach der das Rentenniveau auch nach 2031 etwa einen Prozentpunkt über dem geltenden Recht liegen soll. Ihrer Ansicht nach ist das nicht im Koalitionsvertrag vereinbart; die zusätzlichen Kosten beziffert sie auf 118 Milliarden Euro. Der Vorsitzende Pascal Reddig erklärte, das Rentenpaket sei in der vorliegenden Form nicht zustimmungsfähig. Alle JU-Landesverbände unterstützten diese Position in einer Abstimmung.

Winkel nahm Merz zugleich direkt in die Pflicht: Ohne die JU wäre Merz weder CDU-Vorsitzender noch Kanzlerkandidat geworden. Unterstützung erhielt die JU von CDU-Vize Michael Kretschmer. Er bezeichnete die Kritik als berechtigt und sagte, die derzeitige Rentenpolitik vergrößere das Problem. Als Gründe nannte Kretschmer Zugeständnisse an CSU und SPD: Die CSU habe die höhere Mütterrente durchgesetzt, während die SPD ein Ende der Rente mit 63 verhindert habe.

Kanzleramtschef Thorsten Frei hatte zuvor erfolglos dafür geworben, das mit der SPD ausgehandelte Gesamtpaket zu beschließen. Die Fraktionsspitzen hatten bereits erklärt, keine Änderungen anzustreben. Frei verwies auf eine geplante Rentenkommission, die eine von der JU geforderte grundlegende Reform beraten soll.

Vizekanzler und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sprach sich ebenfalls gegen weitere Änderungen aus. Beim SPD-Landesparteitag in Ulm erklärte der SPD-Vorsitzende, am Rentengesetz werde nichts mehr geändert und es werde im Bundestag verabschiedet. Klingbeil verwies auf lange Verhandlungen und Kompromisse, mit denen die Rentengarantie ermöglicht worden sei. Er kritisierte, dass nach dem Kabinettsbeschluss einzelne Fraktionsmitglieder weitere Änderungen verlangen könnten.

Generationengerechtigkeit gegen Lebensstandard

Die 18 jungen Abgeordneten wollen das Rentenpaket im Parlament stoppen. Sie fordern, das Rentenniveau nach 2031 stärker abzusenken. Künftige Rentnerinnen und Rentner sollen nach ihrer Vorstellung nicht mehr an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung beteiligt werden. Ihre Begründung: Generationengerechtigkeit und langfristige Finanzierbarkeit.

Die Große Koalition plant dagegen, das Rentenniveau in den kommenden Jahren bei 48 Prozent zu stabilisieren. Die Renten sollen weiterhin der Lohnentwicklung folgen. Ein sinkendes Rentenniveau würde den Lebensstandard künftiger Rentnerinnen und Rentner senken; dadurch könnten mehr ältere Menschen in Armut geraten.

Die jährlichen Kosten der Rentenreform sollen von 5 Milliarden Euro im Jahr 2027 auf 18 Milliarden Euro im Jahr 2031 steigen. Das entspräche 2,5 Prozent der geplanten Ausgaben des Bundeshaushalts beziehungsweise 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ein Scheitern des Rentenpakets könnte eine Regierungskrise auslösen – und ausgerechnet jene 18 Stimmen könnten dabei den Unterschied machen.

Stand: 17.10.2026. Gesprächspartner war Prof. Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin. Quellen: ZDFheute, Tagesschau und ver.di.