Schmerztherapie per App: UW/H-Doktorandin erhält Förderpreis für digitale Nachsorge
Amelie Schmidt, Doktorandin an der Universität Witten/Herdecke (UW/H), ist mit dem Förderpreis für Schmerzforschung der Deutschen Schmerzgesellschaft ausgezeichnet worden. Sie erhielt den mit 7.000 Euro dotierten ersten Preis in der Kategorie „Klinische Forschung“ für ihre wissenschaftliche Publikation zur app-gestützten Nachbehandlung von Kindern und Jugendlichen mit schweren chronischen Schmerzen.
Verliehen wurde der Preis am 22. Oktober 2026 beim Deutschen Schmerzkongress in Mannheim. Schmidt promoviert in der Arbeitsgruppe von PD Dr. Julia Wager am Lehrstuhl für Kinderschmerztherapie und Pädiatrische Palliativmedizin unter Prof. Dr. Boris Zernikow.
Wenn die Therapie zu Hause weitergehen muss
Chronische, teils stark beeinträchtigende Schmerzen sind bei Kindern und Jugendlichen häufig. In Deutschland leiden mehr als 500.000 junge Menschen darunter. Die Erkrankung kann den Schulbesuch, soziale Kontakte und den Schlaf erheblich beeinträchtigen – also genau jene Dinge, die im Alltag ohnehin schon genug Kraft kosten.
Derzeit gilt eine intensive, kurzzeitige Schmerztherapie mit medizinischen und psychosozialen Elementen als bevorzugter Behandlungsansatz. Während eines stationären Aufenthalts lernen die Betroffenen Strategien zum Umgang mit ihren Schmerzen; Eltern werden als wichtiger Teil des sozialen Umfelds in die Therapie einbezogen. Nach der Entlassung müssen Kinder und Eltern das Erlernte jedoch selbstständig im Alltag anwenden. Regelmäßige Rückmeldungen fehlen dann häufig, was den langfristigen Behandlungserfolg gefährden kann.
Im Deutschen Kinderschmerzzentrum der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln werden jährlich mehr als 300 junge Menschen mit schweren chronischen Schmerzstörungen stationär behandelt. Die dreiwöchige Therapie ist intensiv. Danach beginnt der schwierigere Teil oft dort, wo niemand mehr regelmäßig nachfragt: zu Hause, zwischen Schule, Familienleben und schlechten Nächten.
Sechs Monate mit „MyBrainCity“
Genau hier setzte das Forschungsprojekt „Feed-bApp“ an. Untersucht wurde, wie eine App Kinder und Eltern nach dem Klinikaufenthalt bei der Schmerzbewältigung unterstützen kann. Die Teilnehmenden nutzten sechs Monate lang die App „MyBrainCity“, die jederzeit und ortsunabhängig verfügbar ist und sich insbesondere an jüngere Zielgruppen richtet.
Die Unterstützung fiel unterschiedlich intensiv aus: Eine Gruppe erhielt automatisiertes Feedback und Tipps. Die andere wurde aktiv von einer Schmerzpsychotherapeutin begleitet. Das Ergebnis war ziemlich klar: Kinder und Jugendliche mit psychotherapeutischer Begleitung verbesserten ihre Alltagsfunktionalität stärker als jene, die ausschließlich automatisierte Nachrichten bekamen.
Auch innerhalb der begleiteten Gruppe zeigte sich ein Unterschied. Verbesserungen bei Depressivität und Angst gab es nur bei den Kindern, mit denen die Therapeutin regelmäßig aktiv Kontakt aufnahm. Das Projekt weist damit darauf hin, dass die direkte Ansprache der Kinder ein wichtiger Bestandteil einer Schmerz-App sein kann. Ein bloßer Nachrichtenstrom reicht offenbar nicht immer – manchmal muss jemand wirklich nachhaken.
Die App bietet Feedback-Funktionen mit unterschiedlicher Intensität. In der multizentrischen, randomisierten Wirksamkeitsstudie wurden 400 Patientinnen und Patienten im Alter von 12 bis 18 Jahren sowie deren Eltern untersucht. Analysiert wurde, wie die verschiedenen Feedback-Stufen die schmerzbezogene Beeinträchtigung und die Therapiezufriedenheit beeinflussen. Zusätzlich ging es um die Beziehungen zwischen medizinischen Versorgern, Patientinnen und Patienten sowie Eltern.
Millionenförderung und viele Beteiligte
Die Studie prüfte außerdem, ob die App zur Senkung der Gesundheitskosten beitragen kann. Die Forschenden erwarten einen positiven Einfluss auf den Behandlungsverlauf, eine geringere Nutzung nicht indizierter Gesundheitsleistungen und niedrigere Kosten für das Gesundheitssystem. Feed-bApp wird über 48 Monate mit insgesamt rund 2,4 Millionen Euro gefördert. Zudem sollen allgemeine Empfehlungen zum Einsatz von Feedback-Funktionen in Gesundheits-Apps entstehen. Eine Übertragung der Ergebnisse auf andere Bereiche der Gesundheitsversorgung gilt als möglich.
Das Projekt wurde mit mehr als zwei Millionen Euro aus dem Innovationsfonds gefördert und von der PedScience Vestische Forschungs-gGmbH geleitet. Beteiligt waren die UW/H, das Deutsche Kinderschmerzzentrum, die Krankenkassen BARMER und Techniker Krankenkasse sowie klinische Partner in Garmisch-Partenkirchen, Stuttgart und Augsburg.
Die PedScience Vestische Forschungs-gGmbH wurde 2018 als Tochterunternehmen der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln gegründet. Sie forscht unter anderem in den Bereichen Kinder- und Jugendmedizin, Versorgung, Prävention, Schmerztherapie und Palliativmedizin.
Projektleiter Prof. Dr. Boris Zernikow betont, dass digitale Anwendungen die Versorgung ergänzen können, sofern ihre Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist. Die Ergebnisse des Projekts sollen deshalb zur gezielteren Entwicklung digitaler Nachsorgeangebote für junge Schmerzpatienten beitragen. Zwischen Klinikaufenthalt und Alltag liegt dann vielleicht nicht mehr ganz so viel Leere – sondern eine App, die zur richtigen Zeit nachfragt.
