Selbstständigkeit lernen: Warum Kinder Freiheit, Fehler und freies Spiel brauchen
Wenn Erwachsene Aufgaben vor sich herschieben, Entscheidungen meiden oder sich selbst mit hohen Ansprüchen antreiben, kann ein Teil der Erklärung in der Kindheit liegen. Der klinische Psychologe Ramón Schlemmbach beschreibt, wie Kinder durch eigene Erfahrungen und Fehler Selbstwirksamkeit entwickeln – die Überzeugung: „Ich kann das.“ Wer dagegen ständig hört: „Ich mache das für dich“, bekommt weniger Gelegenheit, dieses Gefühl aufzubauen.
Ausgangspunkt war eine Frage auf Reddit zu schädlichen Erziehungsmethoden. Zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer warnten davor, Kindern alles abzunehmen und sie vor jedem Scheitern zu bewahren. Laut Schlemmbach können Kinder später Schwierigkeiten haben, selbstständig zu handeln, wenn Eltern Aufgaben regelmäßig übernehmen. Das klingt im Familienalltag oft fürsorglich, kann aber auf Dauer den eigenen Handlungsspielraum klein halten.
Was passiert, wenn niemand warten lässt?
Auch Prokrastination, also das Aufschieben von Aufgaben, führt Schlemmbach teilweise auf die Kindheit zurück. Gibt es keine klaren Fristen für Hausaufgaben oder das Aufräumen, wird der „Disziplin-Muskel“ nicht trainiert. Im Erwachsenenalter kann es dann schwerfallen, überhaupt anzufangen. Hinter dem Aufschieben können außerdem Versagensangst oder die Angst vor Erfolg stecken – und der Glaubenssatz: „Ich bin nicht gut genug.“
Eva Asselmann, Psychologieprofessorin an der HMU Health and Medical University in Potsdam, weist darauf hin, dass Kinder bei ständigem elterlichem Eingreifen weniger Erfahrungen mit Unsicherheit, Konflikten, Rückschlägen und Frustration sammeln. Auch eigene Lösungsversuche bleiben aus. Das kann Ängste vor Fehlern verstärken und die Bereitschaft verringern, sich auf neue oder schwierige Situationen einzulassen.
Altersgerechte Entscheidungen helfen dagegen, einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und seinen Folgen zu erkennen. Kinder erfahren dabei, dass sie mit Unsicherheit umgehen können. Ein geringes Selbstwertgefühl kann sich später auch als starker Perfektionismus zeigen. Schlemmbach versteht Perfektionismus dabei nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern als Bewältigungsstrategie: Betroffene leisten übermäßig viel, um Anerkennung zu bekommen und nicht als „nicht gut genug“ wahrgenommen zu werden.
Oft läuft im Kopf parallel ein Dauerprogramm möglicher Probleme – „Overthinking“. Dahinter kann die Überzeugung stehen: „Ich bin nicht okay, so wie ich bin.“ Schlemmbach betont allerdings auch: Eltern können nicht alles richtig machen. Das dürfte für viele Familien eine erleichternde Nachricht sein, gerade an Tagen, an denen zwischen Brotdose, Hausaufgaben und Wäsche ohnehin kaum Luft bleibt.
Spielen ist kein Zeitvertreib
Wie früh sich fehlende Eigenständigkeit zeigen kann, beschreibt ein Beitrag der Sendung «Einstein». Eine qualitative Befragung von Lehrpersonen der Pädagogischen Hochschule Zürich ergab, dass mehr als 50 % der vier- bis achtjährigen Kinder keine altersgerechte Spielentwicklung zeigen. Zu wenig Spielen kann die Entwicklung beeinträchtigen: Kinder lernen beim Spielen, und spielerische Erfahrungen sind für den späteren Schulerfolg wichtig.
Die Stadt Zug führt deshalb in allen Kindergärten das Programm «Spielen Plus» der Pädagogischen Hochschule Zürich ein. Im Kindergarten Letzi beschlossen Kinder gemeinsam, ein Frühlingsdorf zu bauen. Sie sollen selbst ausprobieren, Entscheidungen treffen und das Dorf nach ihren Vorstellungen gestalten. Das Projekt fördert Selbstbestimmung, Eigeninitiative und Freude am Spiel; durch die Übernahme von Verantwortung soll auch das Selbstvertrauen wachsen.
Herkömmliche Spielsachen stehen dort nicht im Mittelpunkt. Stattdessen gibt es vielseitig einsetzbares Baumaterial und zusätzlich sinnliche Spiele, die im Alltag vieler Kinder zu kurz kommen. Aus Langeweile, verfügbarer Zeit und Musse entstehen oft besonders kreative Spielideen – vorausgesetzt, die Langeweile darf überhaupt auftauchen. Digitale Geräte werden dagegen häufig zur Ablenkung eingesetzt. Social Media, Google und Netflix gehören für viele Kinder selbstverständlich zum Alltag.
Generationenforscher Rüdiger Maas nennt Überbehütung als einen möglichen Grund für die verzögerte Spielentwicklung. Viele Eltern trauen ihren Kindern wenig zu und nehmen ihnen im Alltag zu viel ab. Damit fehlen wichtige eigene Erfahrungen. Ein weiterer Faktor ist ein stark strukturierter Tagesablauf mit vielen Freizeitaktivitäten, der wenig freie Spielzeit lässt.
Kindergartenlehrpersonen werden zu Spielexpertinnen und -experten ausgebildet. Sie sollen Kinder wieder an das Spielen heranführen und Neugier sowie Eigeninitiative fördern. Studien zufolge lernen Vier- bis Achtjährige besonders gut durch Spielen. Gleichzeitig berichten Lehrpersonen von einer wachsenden Entwicklungsbandbreite in Kindergärten: Manche Kinder kommen noch mit Schnuller und Windeln, andere können bereits lesen und schreiben. Unterschiedliche Spielformen ermöglichen es, Kinder auf ihrem jeweiligen Entwicklungsstand zu unterstützen.
Die Sendung «Einstein» wurde am Donnerstag, 18. April 2024, um 21.50 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt und von Kathrin Hönegger moderiert.
Wo Freiheit überhaupt möglich ist
Die Rede von sogenannten Helikoptereltern greift allerdings zu kurz, wenn nur das Verhalten der Eltern betrachtet wird. Eine Schweizer Studie untersuchte, wie frei sich Kinder in ihrem Wohnumfeld bewegen können. Die Studie «Freiraum für Kinder» analysierte 649 Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren in der Deutschschweiz und der französischsprachigen Schweiz. Die Eltern machten Angaben zum Spielverhalten an drei Werktagen.
An den Erhebungstagen spielten 85 % der untersuchten Kinder draußen in ihrem Wohnumfeld, aber nur 34 % davon ohne elterliche Aufsicht. Die Untersuchung wurde im November 2016 veröffentlicht und ist deshalb keine aktuelle Bestandsaufnahme. Ihr wichtigster Einflussfaktor auf die Bewegungsfreiheit war die Qualität des Aktionsraums, vor allem das unmittelbare Wohnumfeld.
Berücksichtigt wurden unter anderem das soziale Klima in der Nachbarschaft, die Qualität und Sicherheit des Wohnumfelds, die Einschätzung der Umgebung durch die Eltern, die Erreichbarkeit von Spielkameraden, Verkehrsbelastung und Strassenverkehrsgefahren sowie verfügbare und erreichbare Freiräume. Ein geeigneter Aktionsraum soll relativ sicher, gut zugänglich und gestaltbar sein und Begegnungen mit anderen Kindern ermöglichen.
Ob vor der Haustür eine stark befahrene Strasse liegt oder eine verkehrsarme Umgebung mit Spielmöglichkeiten, beeinflusst die Selbstständigkeit eines Kindes. Eltern entscheiden also nicht unter gleichen räumlichen und sozialen Bedingungen darüber, wie viel Freiheit sie ermöglichen können. Fehlen sichere Wege und geeignete Spielorte, lässt sich Selbstständigkeit nicht allein durch eine weniger kontrollierende Erziehung herstellen. Das betrifft auch den Schulweg und die Diskussion über Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen.
Pro Juventute fordert deshalb eine kinderfreundlichere Gestaltung des öffentlichen Raums mit sicheren Verbindungen und selbstständig nutzbaren Räumen. Die Bedürfnisse von Kindern sollten nach Ansicht der Stiftung stärker in der Raumplanung berücksichtigt werden. Eine verkehrsarme Seitenstrasse, ein erreichbarer Spielplatz und Nachbarschaften, in denen Kinder einander kennen, sind eben keine Nebensachen.
Zwischen Schutz und Loslassen
Neben dem Wohnumfeld prägt auch der Familienalltag die verfügbaren Freiräume. Urs Kiener von Pro Juventute verweist auf Kinder aus gut situierten Familien, deren Freizeit durch Kurse, Klubs und Weiterbildungen stark strukturiert ist. Dann fehlt Zeit für freies Spiel, bei dem Kinder selbst entscheiden, womit, mit wem und wie sie spielen.
Auch Familien, in denen beide Eltern aus finanziellen Gründen arbeiten müssen und die in wenig kinderfreundlichen Wohnumgebungen leben, können ihren Kindern oft nur begrenzte Freiräume bieten. Nicht jede Überbehütung lässt sich durch Wohnumfeld oder Familienorganisation erklären; manche Eltern schützen ihr Kind stärker, als es die konkrete Situation erfordert.
Der Psychotherapeut Felix Hof weist darauf hin, dass überbehütendes Verhalten für manche Eltern eine unterstützende oder stabilisierende Funktion für das eigene psychische Befinden haben kann. Solche Eltern wollen zugleich das Beste für ihr Kind. Gespräche über Überbehütung sollten deshalb vorsichtig und empathisch geführt werden – nicht mit dem Etikett «Helikoptereltern» als Keule.
Kinder brauchen Schutz, mit zunehmendem Alter aber auch Möglichkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen, Dinge auszuprobieren und Erfahrungen ohne unmittelbares Eingreifen der Eltern zu machen. Handlungsbedarf besteht laut Hof, wenn Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Autonomie auftreten. Überbehütung wird dabei nicht als Ursache bestimmter psychischer Erkrankungen dargestellt.
Hilfreicher sind konkrete Fragen: Welche Freiheiten erlaubt das Wohnumfeld? Wo bestehen reale Gefahren? Wo wäre mehr Selbstständigkeit möglich, fällt die Abgabe von Kontrolle aber schwer? Gibt es im Alltag ausreichend unverplante Zeit? Schutz und Selbstständigkeit müssen kein Entweder-oder sein. Kinder können schrittweise eigene Erfahrungen machen und
