21 Cent in Erfurt: Das IST-Kollektiv erprobt kollaborative Kunst als offenen Prozess
Seit ihrer Gründung vor einem Jahr arbeitet das IST-Kollektiv kollaborativ: Die einzelnen Mitglieder entwickeln ihre Werke zunächst individuell, anschließend werden sie gemeinsam präsentiert. In Erfurt ist nun die Ausstellung „21 Cent“ zu sehen. Sie richtet den Blick auf das namensgebende „IST“ – und damit auf die Frage, was gegenwärtig da ist, wie es sich anfühlt und was daraus entstehen kann.
Der Titel verweist auf das Geburtsjahrhundert der Kollektivmitglieder. Gleichzeitig versteht sich „21 Cent“ als Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation und als Reflexion über Denken, Fühlen und Handeln in der Gegenwart. Das klingt groß, bleibt aber nah an den Menschen, die diese Gegenwart erleben: mit ihren Widersprüchen, ihren Unsicherheiten und ihren eigenen Vorstellungen davon, wie Kunst aussehen und funktionieren kann.
Ein eigener Raum in der Kunstwelt
Das junge, noch nicht etablierte Kollektiv will sich einen Raum innerhalb einer Kunst- und Kulturwelt erarbeiten, die von elitären Strukturen und ökonomischem Druck geprägt ist. Dieser Raum soll nicht bloß eine Ausstellungsfläche sein. Durch Workshops, kunstvermittelnde Angebote und Kooperationen mit anderen jungen Kulturschaffenden möchten die Beteiligten ihn öffnen, weitergeben und gemeinsam gestalten.
Begleitet wird die Ausstellung von einem vielseitigen Programm. Weitere Informationen finden sich auf der Website der Stadt Erfurt sowie im Instagram-Kanal des Kollektivs. Geöffnet ist „21 Cent“ von Mittwoch bis Sonntag, jeweils von 14 bis 18 Uhr. Bei Veranstaltungen kann es Abweichungen von diesen Öffnungszeiten geben.
Wenn Beteiligung mehr ist als Mitmachen
Die Idee, Ausstellungen mit Workshops, Kooperationen und offenen Prozessen zu verbinden, steht in einem größeren Zusammenhang zeitgenössischer Kunst. Ein Beitrag auf kubi-online beschäftigt sich mit künstlerischen und partizipativen Ansätzen in der kulturellen Bildungsarbeit mit Jugendlichen – vor allem in offenen, außerschulischen Settings. Künstlerinnen kommen dabei aus sehr unterschiedlichen künstlerischen Kontexten und bringen vielfältige Arbeitsbiografien mit. Erfahrungen und theoretisches Wissen in kultureller Bildung erwerben sie häufig erst nach dem Studium, in einer heterogenen Projektpraxis.
Das Berufsfeld ist entsprechend weit gespannt: zwischen künstlerischer Autonomie und sozialem Engagement, prekären Beschäftigungen, Selbstständigkeit und Arbeit in Netzwerken. Eine einheitliche Kategorie „Künstlerin in der kulturellen Bildung“ gibt es nicht. 2010 wurden bundesweit etwa 243.000 Künstlerinnen in freien künstlerischen oder publizistischen Berufen erfasst, darunter Musikerinnen, darstellende Künstlerinnen und Bildende Künstlerinnen aus freien und angewandten Bereichen. Zahlreiche Angebote für Kinder und Jugendliche werden von freischaffenden Künstlerinnen in ganz unterschiedlichen Organisationsformen initiiert.
Mehr als die Hälfte der Projekte fand laut der Datenbank mapping//kulturelle-bildung 2010 im außerschulischen Bereich und damit in offenen Settings statt. Projekte aus der Bildenden Kunst waren bundesweit stark vertreten. 2019 waren rund 10.000 Künstlerinnen im Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler organisiert. Deutschland verfügte über 24 Kunsthochschulen oder Akademien mit unterschiedlichen Studienangeboten.
Im grundständigen Studium vermitteln Kunst- und Designstudiengänge allerdings meist nur begrenzt Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie theoretisches Wissen über kulturelle Bildungsarbeit. Als Ausnahme wird die Klasse „Kooperative Strategien“ von Irene Hohenbüchler an der Kunstakademie Münster genannt. Allgemeine Aussagen über Zielgruppen künstlerischer Bildungsprojekte bleiben wegen der Heterogenität des Feldes schwierig. Studien und Programme zur Zusammenarbeit von Künstlerinnen, Bildungs- und Jugendinstitutionen beziehen sich zudem häufig auf Schulen – etwa das Landesprogramm „Kultur und Schule“, „Kulturagenten für kreative Schulen“ und „Artus“.
Zwischen Idealismus und institutionellem Druck
Viele Kunstprojekte mit Kindern und Jugendlichen entstehen aus stark idealistischer Motivation, zu diesem Ergebnis kommt die Studie „WOW Kunst für Kids“. Eine Checkliste der Universität der Künste Berlin fragt Künstlerinnen unter anderem nach der Freude an der Initiierung von Projekten und am Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Die unterschiedlichen Antworten zeigen, dass Beteiligte im Feld mitunter sehr verschiedene Erwartungen und Haltungen verbinden.
Ob Künstlerinnen sich strategisch positionieren können, hängt stark von den Bedingungen des jeweiligen Settings ab. Auf der Mikroebene geht es um die konkrete Situation und die Zusammenarbeit verschiedener Akteurinnen, auf der Mesoebene um Institutionen und organisatorische Systeme, auf der Makroebene um politische und gesellschaftliche Strukturen. In Schulen setzen feste Zeitstrukturen, Gruppengrößen, Curricula und Anwesenheitspflicht enge Grenzen. Jugendliche nehmen solche Projekte oft als Teil des Unterrichts wahr – nicht unbedingt aus eigenem Antrieb.
Anders ist die Ausgangslage in Jugendkulturzentren. Jugendliche kommen freiwillig und können offene Angebote selbst auswählen. Es gibt keine Benotung; dadurch kann ein wertfreier Gestaltungsraum entstehen. Zeitliche Abläufe lassen sich stärker an den Bedürfnissen der Beteiligten ausrichten, Fachkräfte aus der Jugendarbeit können soziale und partizipative Prozesse unterstützen. Ganz ohne Druck ist aber auch dieser Raum nicht: Jugendkulturzentren unterliegen institutionellen und finanziellen Rahmenbedingungen, und im Jugendbereich stehen meist weniger Ressourcen zur Verfügung als im Bildungsbereich. Zusätzliche Finanzierungen für künstlerische Projekte sind häufig nötig.
Ganztagsschulen und schulischer Leistungsdruck verkleinern außerdem den frei verfügbaren Freizeitbereich Jugendlicher und erschweren ihre Gewinnung für Projekte. Künstlerische Ziele müssen an bestehende Bedingungen angepasst und innerhalb dieser schrittweise weiterentwickelt werden. Positionierung bedeutet hier, mögliche Veränderungen auszuloten und zugleich andere Akteurinnen einzubeziehen. Laut der BBK-Studie halten viele Künstlerinnen Gruppen bewusst klein, damit sie individuell auf Jugendliche eingehen können – obwohl größere Gruppen finanziell lukrativer wären.
Die Entwicklungsmöglichkeiten der Jugendlichen haben für viele Künstlerinnen einen zentralen Stellenwert. Manche übertragen bereits entwickelte künstlerische Konzepte angepasst auf die kulturelle Bildungsarbeit. Andere entwickeln ihre Konzepte erst gemeinsam mit den Teilnehmenden; später können diese Erfahrungen sogar die eigene künstlerische Arbeit verändern. Ein Prozess, der nicht sauber an der Eingangstür zur Ausstellung endet.
Labor, Werkzeuge, offene Verläufe
Gerade die zeitgenössische Kunst arbeitet zunehmend mit gesellschaftlichen Räumen, kollaborativen Projekten und politischen Themen. Die Orientierung am abgeschlossenen Kunstwerk wird dabei teilweise durch eine stärkere Konzentration auf Prozesse und Subjekte ergänzt oder ersetzt. Seit den 1990er-Jahren treten Kunstformen mit politischer Intervention und Kunstvermittlung stärker hervor.
Das „Rose Valland Institut“ von Maria Eichhorn untersuchte Enteignungen der jüdischen Bevölkerung Europas und band die Öffentlichkeit über einen Open Call zu unrechtmäßigen Besitzverhältnissen ein. Aboubakar Fofanas Installation „Fundi“ verband Forschung zur Indigofärberei mit Workshops zum Wissenstransfer. Beide Projekte nutzen Verfahren, die als Ausgangspunkt für partizipative kulturelle Bildungsarbeit dienen können.
Oft geht es dabei nicht um eindeutige Bedeutungen, sondern um Transformation, Suche und gemeinsam entwickelte Ausdrucksformen. Open Calls, Workshops und andere Kooperationsstrategien können multiple Autorinnenschaften hervorbringen. Beteiligte werden zu Ko-Autorinnen eines Kunstwerks, etwa bei „Democracy Poll“ von Group Material oder „Twelve Ballads for a Huguenot House“ von Theaster Gates. Kunstwerke können auch als Werkzeuge für Gruppen entstehen, wie bei Seth Siegelaubs „The Artists Reserved Rights Transfer and Sale Agreement“.
Das Konzept des „Labors zeitgenössische Kunst“ wurde zwischen 2013 und 2016 mit dem künstlerischen Büro der KW Institute for Contemporary Art und Studierenden erprobt. Es floss in die Arbeit der Faculty des Vermittlungsprogramms der documenta 14 ein. In Athen und Kassel wurden rund 200 Choristinnen qualifiziert, die Spaziergänge für und mit documenta-Besucherinnen durchführten. Zur Faculty gehörten unter anderem die Künstlerinnen und Kunstpädagoginnen Mona Jas, Gila Kolb, Konstanze Schütze, David Smeulders und Leanne Turvey.
Das Labor entwickelt Werkzeuge und Räume, in denen zeitgenössische künstlerische Verfahren mit Akteurinnen verschiedener Professionen und Altersgruppen erprobt werden. Räume und Werkzeuge werden für jedes Projekt gemeinsam mit den Beteiligten neu entwickelt. In Langzeitbeobachtungen untersuchte die Autorin Prozesse, Repräsentationsformen, Produkte und Kooperationsstrukturen. Nach ihrer Einschätzung können die Ansätze des Labors die Partizipation Jugendlicher in außerschulischen künstlerischen Projekten unterstützen.
Aus der gemeinsamen Arbeit wurden zehn Prinzipien entwickelt, die je nach Projekt reflektiert und verändert werden:
- Verstehen durch eigenes Erleben: Ausgangspunkt sind Biografien, Erfahrungen, Lebenswelten und
