Steuersysteme weltweit befinden sich in einem stetigen Wandel, bedingt durch nationale und internationale Reformen. Die Akzeptanz dieser Steuerreformen ist häufig abhängig von der Wahrnehmung ihrer Auswirkungen durch die Bürger. Forschende des Transregionalen Forschungszentrums TRR 266 „Accounting for Transparency“ untersuchen, wie Einzelpersonen und Unternehmen Steuersysteme wahrnehmen und interpretieren. Dabei zeigt eine aktuelle Analyse, dass nordeuropäische Länder wie Estland, Finnland und Norwegen als weniger komplex gesehen werden, wohingegen Deutschland im internationalen Vergleich als durchschnittlich komplex gilt. Diese Wahrnehmungen haben ernsthafte Konsequenzen, denn hohe Steuerkomplexität wird oft mit ungenauen Einschätzungen der Steuerlast verbunden. Insbesondere hohe Einkommen werden häufig unterschätzt, während niedrigere und mittlere Einkommen oft überschätzt werden.

Fehlwahrnehmungen dieser Art führen nicht nur zu einer Unzufriedenheit mit dem Steuersystem, sondern können auch Fehlentscheidungen bei Investitionen nach sich ziehen. Ein klarer und transparenter Austausch von Informationen kann helfen, diese Fehleinschätzungen zu verringern. Studien zeigen, dass weniger komplexe Steuersysteme das Vertrauen in die Regierung und Steuerbehörden erhöhen. Gleichzeitig sind Lösungen zur Reduzierung von Fehleinschätzungen oft kontextabhängig und variieren von Land zu Land. Diese Erkenntnisse werden durch den „Tax Complexity Index“ gestützt, der seit 2016 von einem Team aus über 100 Wissenschaftler*innen erstellt und alle zwei Jahre aktualisiert wird. Der Index bietet wichtige Einblicke in die Komplexität von Steuergesetzen und -rahmenbedingungen.

Steuerkomplexität und ihre Ursachen

Das Global MNC Tax Complexity Project, das von Deborah Schanz von der LMU München und Caren Sureth-Sloane von der Universität Paderborn ins Leben gerufen wurde, ist ein zentraler Bestandteil des DFG-geförderten TRR 266. Ziel des Projekts ist es, die Determinanten der Steuerkomplexität zu identifizieren und einen spezifischen Index (Tax Complexity Index, TCI) zu entwickeln, der die Steuerkomplexität in verschiedenen Staaten misst. Der TCI erfasst sowohl die Komplexität des Steuergesetzes als auch die des steuerlichen Rahmens aus der Sicht multinationaler Unternehmen. Der Index kann Werte zwischen 0 (nicht komplex) und 1 (extrem komplex) annehmen.

Die Daten für den Index stammen aus einer globalen Umfrage unter Steuerberatern großer Unternehmen und Steuerberatungsnetzwerken, die alle zwei Jahre durchgeführt wird. Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass die Steuerkomplexität insbesondere seit 2016 angestiegen ist. Dies gilt besonders für die 38 OECD-Mitgliedstaaten. Ein Artikel im US-Magazin „Forbes“ stellt die Relevanz des Tax Complexity Index heraus und hebt hervor, wie steigende Steuerkomplexität als potenzielle Bedrohung für Wirtschaft und Gesellschaft wahrgenommen wird. Dabei berichten die Befragten von negativen wirtschaftlichen Auswirkungen durch die zunehmende Steuerkomplexität, insbesondere in Bezug auf Verrechnungspreisregelungen, die interne Transaktionen zwischen verbundenen Unternehmen betreffen.

Folgen der Steuerkomplexität

Die Komplexität entsteht unter anderem durch steuerliche Vorschriften zu Unternehmensumstrukturierungen und Maßnahmen zur Bekämpfung missbräuchlicher steuerlicher Gestaltung. Ein bedeutender Unsicherheitsfaktor für Unternehmen bleibt die mangelnde Transparenz bei Steuerprüfungen. Prof. Dr. Caren Sureth-Sloane unterstreicht, dass die wachsende Steuerkomplexität bürokratische Hürden und zusätzliche wirtschaftliche Kosten, vor allem für kleinere und mittelständische Unternehmen, verursacht. Klare und transparente Steuerregeln sowie verlässliche administrative Prozesse sind daher für Innovation und Investitionstätigkeit entscheidend.

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Zusammenfassend zeigt der Tax Complexity Index die aktuellen Herausforderungen und Tendenzen im globalen Steuerumfeld auf. Es wird deutlich, dass Aufklärung und Transparenz unerlässlich sind, um Fehleinschätzungen zu vermeiden und das Vertrauen der Bürger in die Steuersysteme zu stärken. Weitere Informationen zu den Entwicklungen und Ergebnissen des Projekts sind auf der Webseite taxcomplexity.org verfügbar.