Studie der Universität Leipzig: Sexismus ist strukturell in der sächsischen Polizei verankert
Eine Studie der Universität Leipzig stellt strukturelle sexistische Diskriminierung bei der sächsischen Polizei fest. Die Untersuchung entstand im Forschungsprojekt „Geschlecht und Polizei“ des Sächsischen Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung. Vorgestellt wurden die Ergebnisse am 7.10.2026 in Leipzig.
Was die Forschenden schildern, klingt nicht nach einzelnen Ausrutschern, die irgendwo im Dienstalltag untergehen. Sexismus zeigt sich laut Studie körperlich, verbal und strukturell – manchmal offen, manchmal als vermeintlicher Spaß, manchmal in der Aufgabenverteilung.
Übergriffe, Sprüche und ein enges Frauenbild
Zur körperlichen Form zählen Griffe unter den Rock, unerwünschtes Anfassen und andere Übergriffe. Verbal berichten die Befragten von sexuell expliziten Bildern, Beleidigungen wie „Hure“, Kommentaren über Körper sowie unerwünschten sexuellen Einladungen und Kontakten mit expliziten Einladungen.
Auch im Arbeitsablauf wird die Schieflage sichtbar: Frauen würden häufiger zum Putzen oder zum Überbringen schlechter Nachrichten eingeteilt. Gleichzeitig hält sich innerhalb der Polizei ein stereotypes Bild der „guten Polizistin“. Sie soll hübsch und niedlich sein, aber nicht groß oder muskulös. Polizistinnen würden wegen körperlicher Leistungen oder ihrer Stimme abgewertet – die Rede ist auch von einer „Piepsstimme“.
Von Frauen werde teils erwartet, die Sexualisierung ihres Körpers hinzunehmen, damit sie von Kollegen als gleichwertig behandelt werden. Wer sexistische Kommentare kritisiert oder unerwünschte Berührungen zurückweist, gilt demnach mitunter als „sensibel“ oder „Spaßbremse“. Eine ziemlich enge Komfortzone, in der Kritik offenbar schnell als Störung gilt.
Warum viele Vorfälle verborgen bleiben
Die qualitative Untersuchung basiert auf 23 ausführlichen Interviews mit Polizistinnen und Polizisten verschiedener Dienstgrade, Einsatzorte, Einsatzbereiche, Funktionen und Erfahrungen. Die Gespräche wurden zwischen November 2023 und April 2024 geführt. Repräsentativ ist die Auswertung nicht; sie soll typische Erscheinungsformen und individuelle Erfahrungen sichtbar machen.
Begünstigt werde sexistische Diskriminierung durch hierarchische Abhängigkeiten, starke Gruppenzusammenhänge und Unsicherheit über mögliche Folgen einer Beschwerde. Viele Betroffene machten Vorfälle nicht öffentlich, um dem Ansehen ihrer Dienststelle oder des Berufsstandes nicht zu schaden. Gerade in einer Organisation, in der Vertrauen und Zusammenhalt ständig mitlaufen, kann das Schweigen schwer wiegen.
Studienleiter Thomas Schmidt-Lux ordnet Sexismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen ein, das sich in der Polizei in konkreten Formen zeigt. Beim Umgang mit Sexismus und Rassismus erkennt die Studie deutliche institutionelle Schwächen: Schutzmöglichkeiten gebe es zwar, sie erreichten Betroffene aber nicht immer – insbesondere dann, wenn diese sich gegen Diskriminierung wehren.
Polizei kündigt Veränderungen an
Landespolizeipräsident Jörg Kubiessa zeigte sich von den Ergebnissen betroffen. Er habe gedacht, die Polizei sei weiter. Bei der Vorstellung der Studie betonte er außerdem die Bedeutung von Vertrauen innerhalb der Organisation. Die Polizei müsse ihre Führungskultur und den Umgang miteinander kritisch hinterfragen.
Kubiessa kündigte eine Arbeitsgruppe an, die auf Grundlage der Ergebnisse erste Maßnahmen entwickeln soll. Geplant ist, Melde- und Unterstützungsangebote für Beschäftigte auszubauen und bekannter zu machen, Risikokonstellationen gezielter zu erkennen und Führungskräfte stärker in die Verantwortung zu nehmen. Dazu soll eine offene Fehler- und Diskussionskultur gefördert werden – auf dem Papier klingt das klar, im Dienstalltag wird es auf die Umsetzung ankommen.
Eine zusätzliche quantitative Befragung von 3500 Beschäftigten wird derzeit ausgewertet. Sie soll weitere Hinweise liefern, wie verbreitet die beschriebenen Erfahrungen sind. Die Leipziger Interviews bleiben derweil bei den konkreten Szenen: ein Griff, ein Spruch, eine Aufgabe, die auffällig oft bei Frauen landet. Und die unangenehme Frage, wie viel davon längst als normal durchgerutscht ist.
