Studie der Universität Leipzig zeigt verbreiteten Sexismus in der sächsischen Polizei
An der Universität Leipzig ist eine Studie zu Sexismus bei der sächsischen Polizei vorgestellt worden. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Sexistische Diskriminierung ist innerhalb der Polizei verbreitet und zeigt sich auf mehreren Ebenen. Anlass für das Forschungsprojekt war der Verdacht, dass Sexismus auch in der Polizei eine Rolle spielt. Der Männeranteil liegt dort bei rund 70 Prozent.
Entwickelt wurde die Projektidee 2023 vom Sächsischen Institut für Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS). Weil das Institut selbst zur Polizei gehört, holte es die Universität Leipzig als unabhängige Partnerin dazu. Die Untersuchung entstand im Forschungsprojekt „Geschlecht und Polizei“.
Berichte von Übergriffen und Sprüchen
Für die erste Teilstudie führten die Forschenden zwischen November 2023 und April 2024 insgesamt 23 ausführliche Einzelinterviews. Befragt wurden Polizistinnen und Polizisten verschiedener Dienstgrade, Einsatzorte, Einsatzbereiche, Funktionen und Erfahrungsstufen. Die Gespräche geben vertiefte Einblicke in typische Erscheinungsformen und individuelle Erfahrungen, sind aber nicht repräsentativ für die gesamte sächsische Polizei.
Beamtinnen berichteten von Grapsch-Attacken, Griffen unter den Rock und unerwünschtem Anfassen. Genannt wurden außerdem Belästigungen per Nachricht, unerwünschte Kontakte mit expliziten Einladungen und Pornografie im Streifenwagen. Sexismus zeigte sich laut Studie auch verbal: durch sexuell explizite Bilder, Beleidigungen wie „Hure“, Kommentare über Körper und andere Sprüche. Polizisten schilderten ebenfalls sexistische Bemerkungen, etwa wenn es um den Wunsch ging, Elternzeit zu nehmen.
Die Studie unterscheidet drei Formen: körperliche Übergriffe, verbale Abwertungen und strukturellen Sexismus. Frauen würden demnach häufiger zum Putzen oder zum Überbringen schlechter Nachrichten eingeteilt. Teilweise werde von Polizistinnen erwartet, die Sexualisierung ihres Körpers hinzunehmen, damit sie von Kollegen gleichberechtigt behandelt werden. Wer Kommentare kritisiere oder sich gegen Berührungen wehre, werde mitunter als „sensibel“ oder „Spaßbremse“ bezeichnet.
Das Bild der „guten Polizistin“
Besonders deutlich wird der Druck in dem von der Studie beschriebenen Stereotyp der „guten Polizistin“. Sie soll nicht zu groß und nicht zu muskulös sein, zugleich aber hübsch und niedlich aussehen. Frauen würden wegen geringerer körperlicher Leistungen oder wegen ihrer „Piepsstimme“ abgewertet. Ein ziemlich enges Korsett für einen Beruf, in dem es eigentlich auf Können und Verlässlichkeit ankommen sollte.
Begünstigt wird das laut den Forschenden durch hierarchische Abhängigkeiten, starke Gruppenzusammenhänge und die Unsicherheit über mögliche Folgen einer Beschwerde. Viele Betroffene machten Vorfälle nicht öffentlich, weil sie dem Ansehen ihrer Dienststelle oder des Berufsstandes nicht schaden wollten.
Studienleiter Thomas Schmidt-Lux bezeichnete den Umgang der Polizei mit sexistischem Verhalten als ambivalent. Grundsätzlich gebe es weitreichende Schutzmöglichkeiten, diese erreichten Betroffene in der Praxis aber nicht immer. Gerade bei Unterstützung gegen Sexismus und Rassismus würden institutionelle Schwächen sichtbar. Schmidt-Lux ordnet Sexismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen ein, das sich in Institutionen jeweils unterschiedlich zeigt.
3.500 Beschäftigte befragt
Nach den Interviews startete eine zusätzliche Befragung über das polizeiinterne Intranet. Rund 3.500 Beschäftigte beteiligten sich – etwa ein Viertel der gesamten sächsischen Polizei. Die quantitative Befragung wird noch ausgewertet. Die Ergebnisse sollen voraussichtlich im zweiten Quartal des kommenden Jahres vorgestellt werden, also im zweiten Quartal 2027.
Landespolizeipräsident Jörg Kubiessa zeigte sich von den Ergebnissen betroffen. Er habe gedacht, die Polizei sei weiter, sagte er. Zugleich betonte er, wie wichtig Vertrauen innerhalb der Organisation sei. Die Polizei müsse ihre Führungskultur und den Umgang miteinander kritisch hinterfragen. Die Ergebnisse zeigten Handlungsbedarf.
Arbeitsgruppe soll Maßnahmen entwickeln
Als Konsequenz will die Polizei Sachsen Melde- und Unterstützungsangebote ausbauen und bekannter machen. Risikokonstellationen sollen gezielter erkannt, Führungskräfte stärker in die Verantwortung genommen werden. Außerdem ist eine offene Fehler- und Diskussionskultur geplant – auf dem Papier klingt das trocken, im Dienstalltag dürfte es an vielen Stellen ziemlich konkret werden.
Kubiessa kündigte eine Arbeitsgruppe an, die auf Grundlage der Ergebnisse erste Maßnahmen entwickeln soll. Sie arbeitet parallel zur Auswertung der quantitativen Befragung. Anschließend sollen konkrete Schritte gegen Sexismus entstehen. An der Universität Leipzig liegen damit erst einmal Interviews, Zahlen und viele unangenehme Schilderungen auf dem Tisch.
