Trierer Forscher legen neue Erkenntnisse zum sexuellen Missbrauch im Bistum vor
An der Universität Trier werden heute, am 9. Oktober 2026, neue Ergebnisse zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier vorgestellt. Die Forscher arbeiten seit November 2022 an dem historischen Forschungsprojekt, das von der Unabhängigen Aufarbeitungskommission im Bistum Trier in Auftrag gegeben wurde.
Im Zentrum des vierten Zwischenberichts stehen die Amtszeiten der früheren Bischöfe Franz Rudolf Bornewasser von 1946 bis 1951 und Matthias Wehr von 1951 bis 1966. Für die Untersuchung wurden Tausende Akten ausgewertet und Gespräche mit Betroffenen geführt. Neben Fällen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und Laien im Verantwortungsbereich des Bistums werden auch Fälle von Kinderpornografie sowie der Umgang kirchlicher Verantwortlicher mit bekannt gewordenen Taten untersucht.
Akten, Betroffene und ein langer Zeitraum
Das Forschungsprojekt betrachtet Missbrauchsverbrechen im Bistum Trier von 1946 bis 2021. Die genauen Ergebnisse des neuen Zwischenberichts sollen am Donnerstagnachmittag veröffentlicht werden. Das Endergebnis ist für Ende November angekündigt und soll bei einer Pressekonferenz vorgestellt werden.
In früheren Teilstudien untersuchten die Historiker Lena Haase und Lutz Raphael die Amtszeiten von Bernhard Stein, Hermann Josef Spital, Reinhard Marx und Stephan Ackermann. Für diese Untersuchungen ermittelten sie 734 Betroffene sowie 248 Beschuldigte und Täter. Die Zahlen beziehen sich nach Angaben der Forscher allerdings nur auf das bekannte Hellfeld.
Ein weiterer Zwischenbericht zu den Amtszeiten von Reinhard Marx und Stephan Ackermann nannte 37 Beschuldigte und 59 Betroffene. Marx war von 2002 bis 2008 Bischof von Trier. Über mehrere Jahrzehnte stellten die Historiker Defizite im Umgang der Bistumsleitungen mit Missbrauchsfällen fest. Beschuldigte Geistliche wurden teilweise an andere Einsatzorte versetzt. Besonders während der Amtszeiten von Bernhard Stein und Hermann Josef Spital war die Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaften mangelhaft oder fehlte ganz.
Seit 2010 veränderte sich der Umgang grundlegend: Sexueller Missbrauch wurde zunehmend als strukturelles Problem betrachtet. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Bistum Trier wurde 2021 gegründet und soll ihre Arbeit Ende 2026 beenden.
Das Bistum und seine Geschichte
Das Bistum Trier gilt als ältestes Bistum Deutschlands. Es umfasst 12.870 Quadratkilometer, grenzt an Frankreich, Luxemburg und Belgien und hat etwa 2,5 Millionen Einwohner, darunter rund 1,1 Millionen Katholiken. Als erster Bischof gilt der heilige Eucharius im dritten Jahrhundert. Als späteres Erzbistum mit kurfürstlichen Oberhirten gehörte Trier zu den wichtigsten Gebieten des Alten Reichs.
Gerade diese lange Geschichte macht die Arbeit der Forscher zu einer zähen Angelegenheit: Aktenbestände aus unterschiedlichen Jahrzehnten, wechselnde Zuständigkeiten und Schicksale, die oft erst nach vielen Jahren öffentlich wurden. Vieles liegt nicht sauber sortiert bereit. Manches steht in Randnotizen, anderes in Personalakten oder Gesprächsprotokollen.
Bundesweit deutlich mehr Fälle als offiziell erfasst
Wie groß das Problem tatsächlich ist, bleibt auch über Trier hinaus offen. Recherchen des ARD-Magazins „Fakt“ zeigen, dass das Ausmaß sexueller Gewalt in der katholischen Kirche größer ist als offiziell bekannt. Eine Umfrage unter allen 27 deutschen Bistümern ergab seit 1945 mindestens 6.529 Betroffene und 2.848 Beschuldigte.
Die MHG-Studie von 2018 hatte auf Grundlage von Aktenanalysen 3.677 Betroffene und 1.670 Beschuldigte erfasst. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen ist unbekannt. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, unter anderem, weil viele Fälle aus Scham nicht öffentlich gemacht wurden.
Für die „Fakt“-Erhebung wurden in 18 Bistümern eigene Studien berücksichtigt. In den übrigen Bistümern flossen Ergebnisse der MHG-Studie oder Zahlen aus dem Verfahren zur „Anerkennung des Leids“ ein. Erfasst wurden dabei Betroffene, die selbst eine finanzielle Anerkennung beantragt hatten. Nach der Auswertung gab es in allen 27 Bistümern Fälle sexuellen Missbrauchs.
Ein dokumentierter Fall betrifft Norbert Denef aus Delitzsch in Sachsen. Zwischen 1959 und 1965 wurde er als Kind von dem Vikar Alfons Kamphusmann schätzungsweise 300-mal missbraucht. Der Missbrauch begann, als Denef zehn Jahre alt war. Kamphusmann war beim Bistum Magdeburg beschäftigt, gestand den Missbrauch später, und es gab weitere Opfer. Er wurde mehrfach versetzt und arbeitete unter anderem in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Denef brach 2005 sein jahrzehntelanges Schweigen. Kamphusmann starb 1998 in Magdeburg. Ein kirchlicher Nachruf würdigte ihn als schlicht, selbstlos, freundlich und hilfsbereit. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige bezeichnete die Straftaten und das Verhalten der damaligen Verantwortlichen 2023 als unentschuldbar. Zugleich bezeichnet Feige den Fall weiterhin als „Vergehen“ und lehnte ein Interview mit „Fakt“ ab.
Das Bistum erklärte auf Anfrage, junge Priester würden regelmäßig versetzt. Eine konkrete Erklärung zu Kamphusmanns Versetzungen gab es nicht.
Aufarbeitung im Osten und der Streit um Verjährung
Sabine Otto, langjährige Sprecherin des Betroffenenbeirats Ost und selbst Betroffene, kritisiert, dass in Ostdeutschland kaum Aufarbeitung stattgefunden habe. Es gebe lediglich punktuelle Ansätze. Über erste Schritte und die Einrichtung von Beauftragtenstrukturen hinaus sei wenig geschehen. Die ostdeutschen Bistümer widersprechen und erklären schriftlich, Aufarbeitung bleibe ein wichtiges Thema.
Norbert Denef leidet weiterhin unter schweren Depressionen und wird von seiner Tochter Kristin in Vollzeit gepflegt. Nach eigenen Angaben erhielt er 2005 und 2023 insgesamt 55.000 Euro von der Kirche. Weitere Forderungen lehnte das zuständige Bistum unter Hinweis auf den bereits hergestellten „Rechtsfrieden“ und Verjährung ab.
Die sogenannte Einrede der Verjährung ist ein zentraler Streitpunkt. Bistümer berufen sich wiederholt darauf, wenn Taten mehr als 30 Jahre zurückliegen. Nach Ansicht von Betroffenen verhindert das Prozesse. Viele der dokumentierten Taten liegen inzwischen mehrere Jahrzehnte zurück – und in den Archiven der Kirche wird weiter gesucht.
