Am 10. Juni 2026 hielt Stefan Wellgraf einen Vortrag über die Subkultur der BFC Treibjäger, einer Fangruppe des BFC Dynamo. In der Veranstaltung wurde ein Gruppenbild präsentiert, das eine heterogene Mischung zeigte: Hells Angels, den Geschäftsführer der JVA Tegel, Mitglieder der Linkspartei und Personen, die rechte Lieder sangen. Die fließenden Grenzen zwischen rechten und linken Subkulturen waren ein zentrales Thema, da viele Skinheads zuvor der Punk-Szene angehörten. Zusätzlich zu den bekannten Subkulturen der Skinheads und Punks wurden auch Tramper, Breakdancer und die Technoszene ab den 1990er-Jahren erwähnt. Ein zentraler Treffpunkt dieser vielfältigen Gruppen ist der Alexanderplatz in Berlin.

Wellgraf forscht intensiv in Archiven und vor Ort, um die Veränderungen in der Wahrnehmung von Skinheads und Punks über die Jahre nachzuvollziehen. Ein Beispiel ist ein Artikel aus dem Jahr 1986 im Jugendmagazin Bravo, der positiv über den Wechsel einer Punk-Tochter zu den Skinheads berichtete. Damals galten Skinheads als sauber und gut erzogen, während Punks als verdreckt und rebellisch angesehen wurden. Dies änderte sich jedoch dramatisch nach einem gewalttätigen Vorfall im Jahr 1987, als Skinheads ein Konzert von Element of Crime angegriffen. Diese Ereignisse führten zu einer gefährlichen Neuwahrnehmung der Skinhead-Szene in der DDR, obwohl sie zuvor von der Staatssicherheit positiv konnotiert wurde. Ab den 1990er-Jahren häuften sich die Gewaltakte von Hooligans und Skinheads, was die öffentliche Meinung weiter negativ beeinflusste.

Rechtsextreme Entwicklungen

Ein besonders drastisches Beispiel für die gewalttätige Neuausrichtung war ein Flugblatt der BFC Dynamo aus dem Jahr 1995, das zur Gewalt gegen einen türkischen Verein aufrief. Wellgraf plädierte dafür, die Auseinandersetzung mit Sub- und Fankulturen zu suchen, anstatt diese zu ignorieren. Wissenschaftliche Zuschreibungen, die Ostdeutsche psychologisieren, kritisierte er scharf, da sie die vielschichtigen Entwicklungen nicht adäquat erklären würden.

Historisch lassen sich drei Strömungen der Rechten identifizieren: die straßenorientierte, die parteiorientierte und die intellektuelle. Während in der DDR nur die straßenorientierte Rechte entstehen konnte, hat sich inzwischen die parteiorientierte Rechte, vertreten durch die AfD, konsolidiert. Dies wird unter anderem durch ein Aufeinandertreffen des AfD-Bundesfraktionsvorsitzenden Tino Chrupalla mit Ultras im Stadion von Energie Cottbus sichtbar. Politische Zugänge für andere Parteien im Stadion sind dabei als undenkbar beschrieben worden. Wellgraf plant, dieses Thema in einem seiner nächsten Bücher vertieft zu behandeln und die verschwommenen Grenzen zwischen unterschiedlichen politischen Akteuren weiter zu beleuchten.

Skinheads als besondere Subkultur

Die Skinhead-Bewegung hat ihren Ursprung in den 1970er Jahren in Großbritannien und hat sich weltweit verbreitet. Schätzungen zufolge leben in Deutschland rund 15.000 Skinheads, von denen ein Drittel rechtsextrem eingestellt sein soll. Der Begriff „Skinhead“, was so viel wie „Kahlkopf“ bedeutet, bezieht sich auf das markanteste Merkmal der Bewegung: die Glatze. Die Kleidungsstile der Skinheads, geprägt von Arbeitskleidung, sind durch dicke Stiefel, Bomberjacken und Hosenträger charakterisiert. Weibliche Skinheads, auch als Skingirls oder Renees bekannt, haben oft rasierte Köpfe, tragen jedoch Frontfrisuren und lassen an den Schläfen längere Haare stehen.

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Skinheads pflegen einen starken Männlichkeitskult, der sich auch in der Musik niederschlägt. Genretypisch stehen Oi- und Ska-Musik sowie Alkoholkonsum im Fokus. Ursprünglich entstand die Bewegung in Londoner Arbeitervierteln, wo weiße Jugendliche auf Einwanderer aus Jamaika trafen und gemeinsam Musik hörten. Allerdings griff im Laufe der Zeit das Neonazi-Spektrum zunehmend auf die Bewegung zu, was zu einer Überlagerung von Skinhead- und Neonazi-Kultur führte, die bis Ende der 1990er Jahre prägnant war.

Obwohl Skinheads oft mit Neonazis gleichgesetzt werden, ist diese Vereinfachung irreführend. Nicht alle Skinheads sind rechtsextrem, und es gibt eine große Zahl von nicht-rechtsextremen und sogar antirassistischen Skinheads. In der aktuellen Diskussion über subkulturell geprägten Rechtsextremismus wird deutlich, dass Merkmale wie unkonventionelles Auftreten, geringer Organisationsgrad und politische Ignoranz spezifisch für diesen Bereich sind. Musik als Identitätsstifter und Propagandamedium bleibt hingegen ein zentraler Bestandteil der Szene.

In Baden-Württemberg beispielsweise sind etwa 320 Rechtsextremisten der subkulturell geprägten Szene zuzurechnen, die oft als Konzertveranstalter auftreten. Ihre Texte, welche gegen staatliche Repräsentanten, Migranten, Juden oder Homosexuelle hetzen, überschreiten selten die Schwelle zu direkten Gewaltaufrufen, um rechtlichen Konsequenzen zu entgehen. Diese Entwicklung ist sowohl ein Resultat von internen Streitigkeiten als auch von der allgemeinen Skepsis gegenüber den negativen Auswirkungen auf ihr Image.

Für Wellgraf bleibt die Ergründung dieser Phänomene von essenzieller Bedeutung, um die Komplexität und Vielschichtigkeit dieser Subkulturen zu erfassen und um präventive Maßnahmen gegen rechtsextreme Tendenzen zu entwickeln. Der Diskurs über die Grenzüberschreitungen und die Verflechtungen zwischen verschiedenen politischen und subkulturellen Strömungen wird auch in der künftigen Forschung eine zentrale Rolle spielen.