TU Berlin debattiert über Bildsprache und Antisemitismus in der Israel-Berichterstattung
Wie deutsche Medien über Israel berichten, steht am Freitag an der Technischen Universität Berlin zur Debatte. Unter dem Titel „Zwischen Schlagzeile und Wirklichkeit: Israel in den Medien“ lädt die TU Berlin zu einem ganztägigen Fachaustausch ein. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler treffen dabei auf Journalistinnen und Journalisten.
Die Veranstaltung findet am 30. Oktober 2026 statt – drei Tage nach den israelischen Parlamentswahlen und rund drei Jahre nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel vom 7. Oktober 2023. Laut Einladung prägt die mediale Berichterstattung maßgeblich, wie Israel, der Nahostkonflikt und israelbezogener Antisemitismus in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
Zwischen Bildsprache und Quellenwahl
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Berichterstattung Realität abbildet und öffentliche Wahrnehmungen formt. Besprochen werden unter anderem die Funktion und Wirkung von Bildsprache, Themen- und Quellenauswahl, journalistische Routinen und die Frage, wie stark Kontextualisierung gelingt.
Auch kulturell geprägte Vorstellungen und Deutungsmuster kommen auf den Tisch. Einen eigenen Schwerpunkt bildet die Rolle von Antisemitismus in medialen Darstellungen. Das klingt zunächst nach einer trockenen Fachdebatte, dürfte aber schnell sehr konkret werden: Schon eine Überschrift, ein ausgewähltes Foto oder eine ausgelassene Information kann den Blick auf einen Konflikt verschieben.
Mit dabei ist Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Kognitionswissenschaftlerin und Antisemitismusforscherin sowie Leiterin des Fachgebiets Allgemeine Linguistik an der TU Berlin. Außerdem nehmen Jörg Gehrke, Medienkritiker und Historiker sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter bei „Zeugen der Zeitzeugen“, Ayala Goldmann, Redakteurin der „Jüdischen Allgemeinen“, und Secilia Kloppmann, Journalistin und freie Mitarbeiterin des MDR, teil.
Zum Kreis der Mitwirkenden gehören außerdem Dr. Marc Neugröschel vom London Centre for the Study of Contemporary Antisemitism und vom Center for Law and Antisemitism am College of Management Academic Studies in Rishon LeZion, Israel; er arbeitet zudem als freier Journalist. Ebenfalls angekündigt sind Susanne Stephan, Redakteurin und Co-Vorsitzende des Verbands Jüdischer Journalistinnen und Journalisten, sowie Dr. des. Markus Weiß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Allgemeine Linguistik der TU Berlin. Beteiligt sind damit auch Vertreterinnen und Vertreter des Verbands Jüdischer Journalistinnen und Journalisten sowie der „Jüdischen Allgemeinen“.
Eine Debatte mit Vorgeschichte
Der Austausch fällt in eine Zeit, in der die deutsche Nahost-Berichterstattung selbst Gegenstand wissenschaftlicher Kritik ist. Eine Studie des Berliner Tikvah Instituts untersucht eine mögliche Einseitigkeit deutscher Medienberichte über Israel. Das Forschungsprojekt läuft seit 2023 und wird mit Fördermitteln des Bundesforschungsministeriums unterstützt.
Jonas Hessenauer, Antisemitismus-Experte und Mitautor der Studie, kritisiert wiederkehrende antisemitische Stereotype in deutschen Medien. Für die Untersuchung wurde aus rund 40.000 Artikeln deutscher Medien eine Stichprobe gezogen, die quantitativ und qualitativ ausgewertet wird. Die endgültigen Forschungsergebnisse liegen noch nicht vor.
Als positive Ausnahme nennt Hessenauer die Wochen nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023. Damals hätten Berichte und Kommentare den Schock über die Gewalt und die Solidarität mit der israelischen Zivilgesellschaft betont. Israelische Opfer und ehemalige Hamas-Geiseln seien häufig interviewt worden; im internationalen Vergleich hätten deutsche Medien eine größere Sensibilität für Antisemitismus gezeigt.
Im weiteren Verlauf des Konflikts seien Solidaritätsbekundungen gegenüber Israel in deutschen Medien jedoch zurückgegangen. Gleichzeitig hätten Darstellungen zugenommen, die Israel allein für den Konflikt verantwortlich machten. Besonders problematisch findet Hessenauer Überschriften, in denen Israel als Aggressor erscheine, obwohl der dazugehörige Artikel teilweise eine Reaktion auf Hamas-Angriffe beschreibe.
Vom Angriff zum Gaza-Krieg
Beim Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 wurden etwa 1.200 Menschen getötet und mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Israel begann anschließend eine Militäroffensive gegen die Hamas im Gazastreifen. Dabei wurden Zehntausende Menschen getötet.
Laut dem zugrunde liegenden Artikel wurden inzwischen alle 20 noch lebenden Hamas-Geiseln freigelassen und der Gaza-Krieg beendet. In einem Kommentar sei dennoch behauptet worden, bestimmte israelische Akteure lenkten den deutschen Mediendiskurs. Hessenauer wertet dies als antisemitisches Motiv einer jüdischen Weltverschwörung.
Expliziter Rassismus gegenüber Palästinensern sei in der Untersuchung weniger häufig festgestellt worden. Palästinenser würden in der deutschen Nahost-Berichterstattung allerdings oft ausschließlich als Opfer und nicht als handelnde Akteure dargestellt. Genau solche Muster – und die Routinen dahinter – sollen beim Fachaustausch in Berlin genauer betrachtet werden.
Termin und Anmeldung
Die Veranstaltung richtet sich an Interessierte aus Wissenschaft und Medien sowie an die interessierte Öffentlichkeit. Sie beginnt am Freitag, 30. Oktober 2026, um 9:30 Uhr und endet um 15:30 Uhr.
Veranstaltungsort ist die Technische Universität Berlin; der genaue Raum wird mit der Anmeldebestätigung mitgeteilt. Wer teilnehmen möchte, kann sich per E-Mail an events(at)linguistik.tu-berlin.de anmelden.
Der Bericht über die Studie entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
