Am vergangenen Freitag wurde an der TU Berlin über Schlagzeilen gestritten – und darüber, was sie mit dem Bild von Israel machen. Beim Workshop „Zwischen Schlagzeile und Wirklichkeit: Israel in den Medien“ ging es um deutsche Berichterstattung, die öffentliche Wahrnehmung Israels und des Nahostkonflikts sowie um israelbezogenen Antisemitismus. Veranstaltet wurde die Tagung vom Fachbereich Allgemeine Linguistik unter Leitung der Professorin Monika Schwarz-Friesel.

Rund 35 Teilnehmer hörten zunächst Schwarz-Friesels Vortrag „Das Versagen der vierten Macht“. Sie kritisierte die wiederholte Darstellung von Laien als Experten, fehlende kritische Nachfragen und Zurückweisungen, das Weglassen von Informationen und sprachliche Euphemismen. Als Beispiel nannte sie den Begriff „Geisel-Austausch“, obwohl Israel ihrer Darstellung zufolge keine Geiseln gefangen halte. Bei Falschmeldungen reagierten deutsche Medien ihrer Einschätzung nach nur selten mit umfassenden Korrekturen. Schwarz-Friesel sprach von „Affektmobilisierung mit Wörtern“.

Von Schlagzeilen und Deutungsmustern

Die Täter-Opfer-Umkehr in Teilen der deutschen Presse nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sei, so Schwarz-Friesel, eine Folge jahrelanger Berichterstattung. Die vorherrschenden Deutungsmuster bezeichnete sie als „politisch korrekten Antisemitismus“. Eine kritische, nicht antisemitische Berichterstattung über Israel sei ihrer Auffassung nach möglich, wenn sie sich auf empirische Forschung stütze.

Mit der Geschichte des Genozidvorwurfs gegen Israel befasste sich Dr. Marc Neugröschel vom London Centre for the Study of Contemporary Antisemitism. Das moderne „Genozid-Framing“ sei in den 1970er-Jahren in der Sowjetunion entstanden und später von verschiedenen politischen Milieus übernommen worden. Eine ältere Variante des Vorwurfs fand Neugröschel in einer nationalsozialistischen Propagandabroschüre von 1941. Dort wurden Juden beschuldigt, einen Völkermord an Deutschen zu planen. Zurück führte er den Vorwurf bis zu einem Zitat Martin Luthers, in dem Juden unterstellt wird, Christen töten zu wollen.

Nach einer von Neugröschel vorgestellten statistischen Auswertung verdreifachte sich die Verwendung der Begriffe „Völkermord“ und „Genozid“ in der deutschen Berichterstattung nach dem Hamas-Anschlag gegenüber dem gleich langen Zeitraum davor. Er führte die Zunahme auf politische Motive zurück: Der Vorwurf werde genutzt, um die deutsche Staatsräson infrage zu stellen und den Holocaust zu relativieren.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Im öffentlichen Diskurs würden häufig dieselben Experten mit ähnlichen Aussagen zitiert, sagte Neugröschel. Besonders oft trete der Historiker und ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz auf. Neugröschel warf Benz vor, in Interviews das Problem des Antisemitismus zu verzerren und dadurch den Eindruck zu vermitteln, es müsse nichts gegen Judenfeindlichkeit unternommen werden.

Ein Forschungsprojekt mit fast 40.000 Artikeln

Auch eine Studie des Berliner Tikvah-Instituts untersucht eine als einseitig beschriebene deutsche Berichterstattung über Israel. Das Forschungsprojekt „Israel in deutschen Medien“ läuft seit 2023 und wird mit Fördermitteln des Bundesforschungsministeriums unterstützt. Mitautor Jonas Hessenauer, Antisemitismus-Experte des Instituts, kritisiert wiederkehrende antisemitische Stereotype in deutschen Medien. Das Tikvah-Institut gehört zu den Organisationen, deren Gesellschafter unter anderem der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, ist.

Für die Untersuchung wurde aus knapp 40.000 deutschen Medienartikeln eine Stichprobe gezogen, die quantitativ und qualitativ ausgewertet wird. Die endgültigen Forschungsergebnisse liegen noch nicht vor. Als positive Ausnahme nennt Hessenauer die Wochen nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023: Berichte hätten häufig Schock über die Gewalt der Hamas und Solidarität mit der israelischen Zivilgesellschaft ausgedrückt. Viele Artikel porträtierten oder interviewten israelische Opfer und ehemalige Hamas-Geiseln. Im Vergleich zur internationalen Berichterstattung habe zudem eine größere Sensibilität für Antisemitismus bestanden.

Zum Hintergrund des Konflikts: Die Hamas tötete am 7. Oktober 2023 etwa 1.200 Menschen und verschleppte mehr als 240 Geiseln in den Gazastreifen. Israel begann daraufhin eine Militäroffensive gegen die Hamas; dabei wurden Zehntausende Menschen getötet. Laut Artikel wurden inzwischen alle 20 noch lebenden Hamas-Geiseln freigelassen und der Gaza-Krieg beendet.

Im weiteren Verlauf seien Solidaritätsbekundungen gegenüber Israelis zurückgegangen. Darstellungen, wonach Israel allein für den Konflikt verantwortlich sei, hätten wieder zugenommen. Hessenauer nennt als Beispiel eine Umkehrung von Ursache und Reaktion in Überschriften: Israel werde häufig als Aggressor bezeichnet, während aus dem Artikeltext anschließend teilweise hervorgehe, dass Israel auf Hamas-Angriffe reagiert habe.

In einem Kommentar sei außerdem behauptet worden, bestimmte israelische Akteure lenkten den deutschen Mediendiskurs. Hessenauer wertet das als antisemitische Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung. Expliziter Rassismus gegenüber Palästinensern sei dagegen weniger häufig beobachtet worden. Palästinenser würden in der deutschen Nahost-Berichterstattung jedoch oft ausschließlich als Opfer und nicht als handelnde Akteure dargestellt.

Wenn der Klick die Themen setzt

Über ihren Arbeitsalltag berichteten Ayala Goldmann von der Jüdischen Allgemeinen, die freie Journalistin Secilia Kloppmann und Susanne Stephan vom Focus. Als zentrales Problem nannten die drei Journalistinnen den Einfluss sozialer Netzwerke auf klassische Medien. Die Themenauswahl werde häufig nach erwartbaren Klickzahlen getroffen. Algorithmen verstärkten Inhalte durch hohe Reichweite; im Themenfeld Israel führe dies ihrer Darstellung nach eher zu einer negativen Perspektive. Ein Klick ist schnell gesetzt, eine saubere Einordnung dauert länger – lästig, aber wahr.

Der Historiker Jörg Gehrcke untersucht Medienberichte über Israel in der deutschsprachigen Presse und prüft sie auf Fehler. Beiträge über die Region würden laut Gehrcke häufig von Redaktionen erstellt, die nicht auf das Thema spezialisiert seien. Er berichtete über seine Hinweise an öffentlich-rechtliche Rundfunkgremien. Falschaussagen würden nach seinen Angaben häufig nachträglich korrigiert. Die zuständigen Ausschüsse reagierten jedoch eher intern, statt öffentlich Rügen auszusprechen.

Gehrckes Überprüfungen seien wiederholt erfolgreich, zugleich aber mühsam und langwierig. Manchmal steckt der Fehler offenbar nicht in einer großen Recherche, sondern in einem Satz, der zu glatt klingt und deshalb durchrutscht.

Neugröschel bewertete den Workshop als Austausch zwischen Wissenschaft und Journalismus. Mitveranstalter Markus Weiß erklärte, wissenschaftliche Expertise, Medienkritik und journalistische Praxis seien zusammengeführt und konstruktiv diskutiert worden.