TU Berlin zwischen Sanierungsstau und Forschungsoffensive: Präsidentin Deniz fordert Milliarden für den Campus der Zukunft
An der Technischen Universität Berlin liegen Zukunftspläne und akuter Reparaturbedarf dicht beieinander. Fatma Deniz ist seit einem halben Jahr Präsidentin der TU. Einen Monat nach ihrem Amtsantritt musste das Hauptgebäude wegen Wasserschäden und Brandschutzmängeln kurzfristig geschlossen werden. Die Mängel waren bei einer behördlichen Begehung aufgefallen. Bei undichten Decken standen mancherorts Eimer gegen das Tropfwasser – kein Bild, das man sich für einen modernen Wissenschaftsstandort wünscht.
Deniz war auf den Sanierungsstau vorbereitet, nicht aber auf die Schließung des Hauptgebäudes. Vorlesungen und Seminare wurden umorganisiert, Büros mussten geräumt werden. Studierende fragten sich, ob sie ihr Bachelor- oder Masterstudium an der TU überhaupt abschließen können oder dafür den Wohnort wechseln müssen.
Volle Hörsäle statt ausgefallener Lehrveranstaltungen
Im laufenden Wintersemester können alle von der Schließung betroffenen Lehrveranstaltungen in anderen Gebäuden stattfinden. Durch eine bessere Nutzung der Randzeiten fällt keine Lehrveranstaltung aus. Dafür sind die Hörsäle voller. Neben den Gebäuden müssen auch die Labore modernisiert werden.
Mehr als 90 Prozent der TU-Gebäude gelten als sanierungsbedürftig. Der Sanierungsstau wird auf rund 2,4 Milliarden Euro geschätzt; den gesamten Investitionsbedarf beziffert die TU sogar auf rund drei Milliarden Euro. Der Rückstand besteht nach Angaben von Professor Eike Roswag-Klinge, der für die Campusentwicklung zuständig ist, seit etwa 30 Jahren. Die Gebäude seien über lange Zeit stark abgenutzt worden.
Nach der Gebäudeschließung stellte das Land Berlin rund 20 Millionen Euro Nothilfe bereit. Für erste kleinere Reparaturen reicht diese Summe laut Roswag-Klinge. Für die TU wären bis zum Ende der Legislaturperiode jedoch 300 bis 500 Millionen Euro vom Land Berlin erforderlich. Ohne höhere Investitionen könnten weitere Gebäude geschlossen werden. Die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft erklärte, die Forderungen seien bekannt; man befinde sich in einem konstruktiven Austausch.
Gleichzeitig muss die TU wegen Sparvorgaben des Berliner Senats in den kommenden Jahren jeweils zweistellige Millionenbeträge einsparen. Deniz will Sanierung und Forschungsinvestitionen trotzdem parallel vorantreiben. Die TU verfügt über einen jährlichen Instandhaltungsetat von etwa 25 Millionen Euro, während die Forschungsausgaben davon unabhängig sind. Allein die Sanierung des Hauptgebäudes wird voraussichtlich einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Zusätzliche Brandschutzauflagen erhöhen den Finanzbedarf. Ohne zusätzliche Mittel sei das Vorhaben nicht zu bewältigen.
Deniz fordert deshalb schnellere und effizientere Bauverfahren. Sanierungen sollen möglichst minimalinvasiv und ressourcenschonend erfolgen, wobei Fachwissen aus den TU-Fachgebieten genutzt werden soll. Ihre erste Maßnahme war die Einrichtung eines Vizepräsidentenamts für Campusentwicklung und Nachhaltigkeit. Den Campus versteht sie als Experimentierraum und Reallabor, in dem mit begrenzten Ressourcen Lösungen erprobt werden.
Neue Gebäude trotz alter Probleme
Ganz ohne Neubauten geht es an der TU allerdings nicht zu. Die „Chemical Invention Factory“ soll europaweit die größte Laborfläche für grüne Chemie werden. Internationale Talente sollen dort Start-up-Ideen zur nachhaltigen Chemie entwickeln. Mit dem Ausstellungsort „TULIUM“ entsteht außerdem ein Beispiel für nachhaltiges Bauen.
Im September wurde ein Gebäude für 400 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen eröffnet, unter anderem zur Modellierung im 3-D-Druck. Angesichts langfristiger Sanierungskosten sollen neue Investitionen strategisch ausgewählt werden. Deniz hat dafür eine Expertenkommission eingesetzt, die die Forschungsschwerpunkte der TU überprüfen soll. Grundlage sind eine Analyse des Forschungsprofils, die Strategien der Fakultäten und die Vorstellungen des Präsidiums.
Das Ziel ist weit gesteckt: In 10 bis 15 Jahren soll die TU zu den führenden Forschungsuniversitäten Europas gehören und trotz knapper Kassen intelligent wachsen. Zu den genannten Prioritäten zählen grüne Chemie, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie in Kooperation mit der Charité, Architektur sowie Mobilität und Stadtentwicklung.
Die TU beherbergt eines von sechs nationalen KI-Kompetenzzentren. Dort wird unter anderem erforscht, wie KI-Entscheidungen nachvollziehbar gemacht werden können. Deniz forscht selbst zu Künstlicher Intelligenz. Eine zentrale offene Frage ist für sie, wie viel Vertrauen Systemen entgegengebracht werden kann, deren Ergebnisse nicht nachvollziehbar sind. Das „Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data“ untersucht genau diese Nachvollziehbarkeit.
KI-Systeme können laut Deniz halluzinieren und Fakten erzeugen. Schulen und Hochschulen müssten deshalb einen kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit KI vermitteln. Studienanfängern empfiehlt sie weiterhin ein Informatikstudium. Informatik sei ein breites Fach und bestehe nicht nur aus Programmieren. Programmieraufgaben würden zunehmend von KI übernommen. Doktoranden, die Sprachmodelle zum Programmieren einsetzen, müssten die Ergebnisse nachvollziehen und die Tests selbst schreiben können. Die Verantwortung für die Richtigkeit liege bei den Forschenden, nicht beim KI-System.
Ingenieurwesen, Geisteswissenschaften und Wissenschaftsfreiheit
Deniz betont die Tradition der TU, Ingenieur- und Geisteswissenschaften zu verbinden. Klimawandel und der Wandel der Arbeitswelt durch KI sollten aus ihrer Sicht interdisziplinär bearbeitet werden. Eine Bestandsgarantie für die Geisteswissenschaften an der TU will sie derzeit allerdings nicht aussprechen. Zunächst möchte sie die Ergebnisse der Strategiekommission abwarten.
Als Präsidentin einer öffentlichen Universität will Deniz sich hochschulpolitisch äußern, dabei aber die Wissenschaft in den Mittelpunkt stellen. Ihre Rolle sieht sie vor allem im Einsatz für Wissenschaftsfreiheit und für gute Rahmenbedingungen von Forschung und Lehre.
Auch beim Thema Antisemitismus steht eine personelle Veränderung an: Der bisherige TU-Antisemitismusbeauftragte Uffa Jensen hat sein Amt auf eigenen Wunsch niedergelegt. Die TU will zeitnah einen Nachfolger ernennen. Das Zentrum für Antisemitismusforschung bezeichnet Deniz als international anerkannt und wissenschaftlich breit aufgestellt. Sie stellt die Wissenschaftlichkeit des Zentrums in den Vordergrund und hält Gespräche zwischen den unterschiedlichen Kritikern für sinnvoll.
Aus ihrer Zeit an der University of California, Berkeley, hebt Deniz das hohe Tempo sowie eine ausgeprägte Lern- und Fehlerkultur an US-Hochschulen hervor. Deutschland verfüge dagegen über eine besonders starke Grundlagenforschung, müsse diese aber stärker in Anwendung und Transfer bringen. Dazu komme ein einzigartiges öffentliches Bildungssystem.
Abschlussdokumente: Abholung im ER-Gebäude
Für Studierende, die von der TU Berlin über die Abholbereitschaft ihrer Abschlussdokumente informiert wurden, gibt es seit dem 26.05.2026, 13:05 Uhr, eine konkrete Übergangslösung: Sie können die Dokumente ab dem 1. Juni 2026 abholen.
Die Abholung findet dienstags von 10:00–12:00 Uhr und donnerstags von 12:00–14:00 Uhr im ER-Gebäude, dem Ernst-Ruska-Gebäude, statt: Raum ER 391, 3. Etage, neben dem Career Service. Der Beschilderung soll gefolgt werden. Der Zugang erfolgt derzeit über den rückwärtigen Gebäudeteil an der Baustelle und die breite mittige Treppe. Dieser Zugang ist aktuell nicht barrierefrei.
Vor dem Raum soll in der Reihenfolge der Ankunft gewartet werden. Betreten werden darf der Raum erst nach Aufforderung und dann einzeln. Eine postalische Zusendung innerhalb Berlins ist nicht mehr möglich. Vor Ort können ausschließlich Abschlussdokumente abgeholt werden; eine offene Sprechstunde findet dort nicht statt.
Weitere Anliegen lassen sich weiterhin per E-Mail oder in den digitalen Zoom-Sprechstunden mit dem zuständigen Team klären. Vorläufige Abschlussbescheinigungen können beim jeweils zuständigen Prüfungsteam angefragt werden. Die Erstellung aktueller Abschlussdokumente läuft regulär weiter.
Ein Problem weit über Berlin hinaus
Der Blick auf die TU Berlin zeigt ein bundesweites Muster. An vielen deutschen Hochschulen besteht ein erheblicher Sanierungsstau. Der Deutsche Hochschulverband weist darauf hin, dass für die Hochschulsanierung deutlich mehr Geld gebraucht wird, als den Universitäten derzeit zur Verfügung steht. Professor Lambert Koch vom Deutschen Hochschulverband Hessen warnt vor negativen Folgen für Deutschland als Innovationsstandort.
In der Politik liegt der Fokus laut Koch häufig auf Prestigeprojekten wie neuen Forschungsgebäuden. In Marburg wird etwa ein Laborgebäude mit höchster Sicherheitsstufe errichtet. Gleichzeitig weisen Gebäude aus den 1960er- und 1970er-Jahren Betonschäden auf; das alte Chemieinstitut steht seit Jahren leer
