Die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) erhält 2,82 Millionen Euro für das Forschungsprogramm „Proof of Trust – Akzeptanz zur Anwendung“. Hessens Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Kaweh Mansoori übergab den Förderbescheid am 29. Oktober 2026 persönlich an der Universität in Gießen.

Das Geld kommt vom Land Hessen und aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Rund 3,53 Millionen Euro kostet das Gesamtprojekt, 20 Prozent davon übernimmt die JLU selbst. Im Mittelpunkt stehen Infrarotsensoren auf Basis von Galliumnitrid-Halbleitern – eine Technologie mit ziviler und militärischer Nutzung. Genau diese Doppelrolle, neudeutsch Dual Use, soll nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich untersucht werden.

Sensoren für Biogasanlagen und Raketen

Am Physikalischen Institut sollen die Halbleiter an der JLU hergestellt werden. Professor Sangam Chatterjee vom I. Physikalischen Institut sieht darin Know-how von strategischer Bedeutung für Deutschland und zeigte sich zuversichtlich, dass die Entwicklung der Sensoren erfolgreich sein werde. Einsetzen ließen sie sich etwa in Wärmebildgeräten, zur Erkennung von Raketenstarts oder zur Analyse von Schadstoffen in Verbrennungsmotoren.

Weitere mögliche Anwendungen reichen vom Aufspüren von Lecks in Biogasanlagen bis zur Abwehr von Drohnenschwärmen. Auch die Zielsteuerung wärmesuchender Raketen wird genannt. Technisch klingt das nach Labor, Kabeln und Messwerten; politisch geht es um eine Frage, die schnell mitten im Alltag landet: Wie viel militärische Forschung akzeptiert eine Gesellschaft?

Wirtschaftsgeograf Prof. Stefan Hennemann erklärte, die Ansiedlung von Rüstungsindustrie sei in der Öffentlichkeit bislang wenig beliebt. Das Projekt soll deshalb die gesellschaftliche Akzeptanz sicherheitsrelevanter Forschung verbessern und Fragen zur Nutzung solcher Technologien offen untersuchen. Mansoori bezeichnete die Forschung als bedeutend für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Angesichts veränderter geopolitischer Bedingungen müsse die Sicherheitsarchitektur widerstandsfähiger werden, sagte er.

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Hochpräzise Geräte, die sonst kaum zugänglich sind

Bei einem Laborrundgang wurden unter anderem eine Molekularstrahlepitaxie-Anlage, eine Atomlagenabscheideanlage und Vakuumkammern zum Testen von Ionentriebwerken gezeigt. Zwei der für solche Tests geeigneten Vakuumkammern gibt es laut Artikel in dieser Form nur zweimal in Europa. Die Forschungsgeräte kosten teilweise mehrere Millionen Euro – für mittelständische Unternehmen normalerweise unerreichbar.

Genau dort sollen regionale kleine und mittelständische Unternehmen von der Expertise und der technischen Ausstattung der JLU profitieren. JLU-Vizepräsident Karsten Krüger verwies auf die hochpräzisen Messungen und die Geräte der Universität. Wissenschaftlicher Erfolg brauche beides: geeignete Ausstattung und qualifiziertes Personal. Das klingt trocken, ist im Labor aber ziemlich handfest.

Vertreter von Schmidt und Bender aus Biebertal und Heraeus aus Hanau bezeichneten die Kooperation als von „unschätzbarem Wert“. Schmidt und Bender produziert hochwertige Zielfernrohre für Jagd, Sport, Polizei und Militär. Das Unternehmen stellt unter anderem Zielfernrohre her und finanziert zur technologischen Weiterentwicklung eine Promotionsstelle an der Universität. Jörg Hennemann von Schmidt & Bender verwies auf die Zusammenarbeit mit der JLU.

Heraeus stellt unter anderem Edelmetalle und Quarzglas her und entwickelt Sensoren sowie elektronische Komponenten. Das Unternehmen beliefert auch die Rüstungsbranche. Für die Firmen ist der Zugang zu universitärer Forschung damit nicht bloß ein netter Kontakt, sondern eine Möglichkeit, an Messverfahren und Anlagen zu arbeiten, die sie selbst kaum vorhalten könnten.

Ionen-Triebwerke und der Blick zur ESA

Anschließend besichtigte Mansoori die Forschungsabteilung für Ionen-Triebwerke. Dort arbeitet die JLU unter anderem mit der Ariane Group zusammen, die Triebwerke in einer Universitätshalle testet. Mansoori fragte, wie Hessen mehr Aufträge der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) gewinnen könne.

Chatterjee verwies auf den internationalen Wettbewerb und auf die Bedeutung hauptberuflich zuständiger Fachkräfte. Krüger betonte ebenfalls, dass wissenschaftlicher Erfolg nicht allein aus teuren Geräten entsteht. Mansoori erklärte, Hessen müsse trotz angespannter Haushaltslage in Forschung investieren, um die Wirtschaft voranzubringen.

Drittmittel seien für Universitäten angesichts von Hochschulkürzungen zunehmend wichtig, sagte Hennemann. Chatterjee ergänzte, die Industrie habe viele für die Verteidigungsbranche relevante Grundlagentechnologien in den vergangenen 20 bis 30 Jahren vernachlässigt. An der Universität sei entsprechendes Wissen teilweise noch vorhanden. Der weitere Betrieb und die Weiterentwicklung solcher Technologien seien allerdings zwei unterschiedliche Herausforderungen.

Das Förderprogramm verbindet damit mehrere Ebenen: Galliumnitrid-Sensoren, mögliche Anwendungen von der Biogasanlage bis zur Raketenfrüherkennung, Kooperationen mit Unternehmen und die Frage, wie Forschung mit militärischem Nutzen öffentlich vermittelt werden kann. Zum genannten PDF der Quelle 3 liegt kein lesbarer Nachrichtentext vor; eine sachliche Zusammenfassung daraus ist deshalb nicht möglich.