Wer heute über den Innenhof der Universität Greifswald geht, läuft über Jahrhunderte hinweg. Am 22. Oktober 2026 wirkt vieles alltäglich: Studierende mit Rucksäcken, Schritte auf altem Stein, irgendwo eine Tür, die ins Schloss fällt. Und doch begann diese Geschichte mit einem Pergament, das bis heute im Universitätsarchiv liegt.

Im Oktober 1456 besiegelten Universität Greifswald, Stadt und Kirchen mit der sogenannten „Eintrachtsurkunde“ ihre Zusammenarbeit. Die junge Hochschule brauchte Geld, Räume und verbindliche Regeln für das Zusammenleben mit der Stadt. Das mit drei Siegeln versehene Pergament zählt zu den ältesten Urkunden Greifswalds und wird geschützt im Universitätsarchiv aufbewahrt. Nach Auskunft der Archivleiterin Elisabeth Heigl kann es auf Nachfrage besichtigt werden.

Vier Fakultäten und ein fester Pakt

Gegründet wurde die Universität am 17. Oktober 1456 mit vier Fakultäten: Theologie, Philosophie, Medizin und Jura. Die Eröffnung erfolgte mit päpstlicher Genehmigung durch Herzog Wartislaw IX. Maßgeblich unterstützt wurde das Vorhaben vom Bürgermeister Heinrich Rubenow, der zugleich erster Rektor wurde. Bis um 1500 zog Greifswald Studierende aus Norddeutschland und Skandinavien an.

Die Eintrachtsurkunde regelte unter anderem die Funktionsweise der Universität, die Rechtsprechung und die Verteilung der Kosten. Sie war also kein feierliches Stück Papier für die Vitrine, sondern eine Art Betriebsanleitung für den Hochschulalltag – samt Stadtbeziehungen, Zuständigkeiten und Streitfragen. In ihr zeigt sich die enge historische Verbindung zwischen Universität und Greifswald ziemlich handfest.

Lange blieb dieser Anfang allerdings nicht ungestört. Wegen der ablehnenden Haltung zur Reformation und einer Pestepidemie kam der Lehrbetrieb 1526 und 1527 weitgehend zum Erliegen; ab 1527 gab es keine Einschreibungen. Erst 1539 eröffnete Herzog Philipp I. die Universität nach Wittenberger Vorbild wieder.

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Vom Universitätsgebäude zur Schwedenzeit

Zwischen 1591 und 1596 entstand das Universitätsgebäude „Ernesto-Ludovicianum“, das 1597 eröffnet und 1747 abgerissen wurde. 1604 wurde die Universitätsbibliothek gegründet. Ein wirtschaftlicher Wendepunkt folgte 1634: Herzog Bogislaw XIV. schenkte der Universität das Amt Eldena mit 24 Dörfern und rund 14.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Diese Grundlage sicherte ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit bis 1872.

Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 und die anschließende schwedische Herrschaft beeinträchtigten die Universität zunächst schwer. Ab 1637 begann die „Schwedenzeit“, die bis 1815 dauerte. Trotz wiederholter Kriege entwickelte sich die Hochschule im 17. und 18. Jahrhundert weiter und nahm Impulse der Aufklärung auf. Greifswald wurde zunehmend zur kulturellen Verbindung nach Schweden.

Das heutige Hauptgebäude mit Aula entstand von 1747 bis 1750 nach Entwürfen Andreas Mayers. 1763 kam der Botanische Garten hinzu, 1775 wurde das Lehrprogramm im Sinne der Aufklärung reformiert und ein Observatorium errichtet. Ernst Moritz Arndt studierte von 1791 bis 1793 in Greifswald und arbeitete dort von 1800 bis 1811 als Adjunkt und Geschichtsprofessor.

Als Schwedisch-Pommern 1815 an Preußen fiel, wurde Greifswald zur kleinsten und zugleich ältesten preußischen Universität. Im 19. Jahrhundert wuchs vor allem die Medizin. Klinische Erweiterungen und fachliche Spezialisierung machten sie zur zweitgrößten Medizinischen Fakultät Preußens. 1830 wurde die erste Universitätsklinik eingerichtet. Drei Jahre später gründete man auf dem Universitätsgut die Staats- und Landwirtschaftliche Akademie Eldena; sie bestand bis 1876 in enger Verbindung mit der Universität.

Kliniken, Bibliothek und neue Studierende

Zum 400-jährigen Bestehen 1856 wurden das Rubenow-Denkmal eingeweiht und der Grundstein für die heutige Medizinische Klinik gelegt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Hochschulgebäude, darunter Kliniken, das Audimax und Institutsgebäude. Die Universitätsbibliothek wurde 1882 gebaut – mit einer der ersten freitragenden Magazinkonstruktionen.

Frauen wurden 1908 erstmals zum Studium zugelassen. Bis 1920 vergab Greifswald rund 50 private Stipendien. Schon vor 1933 richtete die Gesellschaft der Freunde und Förderer auf Hiddensee die erste deutsche Biologische Forschungsanstalt ein. Ab 1925 expandierten medizinische und naturwissenschaftliche Institute auf ein von der Stadt geschenktes Gelände im Osten Greifswalds; dort entsteht heute der neue Campus.

Dann kam der politische Bruch. 1933 wurde die Universität in Ernst-Moritz-Arndt-Universität umbenannt. Während des Nationalsozialismus wurden zahlreiche Universitätsangehörige verfolgt, demokratische Selbstverwaltungsorgane weitgehend beseitigt, Professoren entlassen sowie republikanisch und demokratisch gesinnte Studierende verhaftet oder relegiert. Die Zahl der Studierenden sank zwischen 1933 und 1939 von 2.137 auf 543.

1945 blieb Greifswald durch die kampflose Übergabe an die Rote Armee von Zerstörung verschont. Universitätsangehörige, darunter die Professoren Katsch und Engel, wirkten als Parlamentäre. Am 15. Februar 1946 wurde der Lehrbetrieb mit 733 Studierenden an der Medizinischen, Philosophischen und Theologischen Fakultät wieder aufgenommen. Der Rektor Ernst Lohmeyer wurde von sowjetischen Behörden verhaftet und später hingerichtet.

Hochschule im Sozialismus und Neubeginn

1946 öffneten die Pädagogische und die Landwirtschaftliche Fakultät, außerdem nahm eine Vorstudienschule den Betrieb auf. Von 1949 bis 1951 wurde die Arbeiter- und Bauern-Fakultät aufgebaut. 1950 löste man die Landwirtschaftliche Fakultät auf, 1951 entstand die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät. Die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät blieb bis 1992 geschlossen.

1955 wurden die Militärmedizinische Ausbildung eingerichtet und die Militärmedizinische Sektion gegründet; studentische Proteste wurden von Massenverhaftungen begleitet. 1956 feierte die Universität ihr 500-jähriges Bestehen. Eine Medizinische Schule wurde 1961 angegliedert. 1962 löste man die Arbeiter- und Bauern-Fakultät auf – Hermann Kant verarbeitete sie später im Roman „Die Aula“.

Das neue Universitätsstatut von 1963 verankerte den demokratischen Zentralismus als Leitungsprinzip. Mit der dritten Hochschulreform 1968/1969 wurden Fakultäten und Institute in Sektionen umgewandelt, der Akademische Senat stellte seine Tätigkeit ein. Zwischen 1945 und 1968 entwickelte sich Greifswald zu einer sozialistischen Hochschule.

1989 und 1990 wurden Studentenrat und Theologische Fakultät neu gegründet. Fakultätsräte und Akademischer Senat nahmen ihre Arbeit wieder auf, der Rektor wurde frei gewählt. 1990 kamen ein vorläufiges Universitätsstatut, Personalratswahlen, eine allgemeine Studentenvertretung und ein Studentenwerk hinzu; außerdem wurde die Universität auf das Land Mecklenburg-Vorpommern übertragen.

1991 gab es die ersten Einschreibungen in Rechts- und Staatswissenschaften. 1992 wurde die Fakultät nach mehr als 60 Jahren neu konstituiert, erstmals seit 1929 fand wieder ein Croy-Fest statt. Mit der neuen Grundordnung von 1995 war der rechtliche und strukturelle Umbau weitgehend abgeschlossen.

Ein Name, viele Auseinandersetzungen

Seit 1990 wurde wiederholt über Ernst Moritz Arndt als Namenspatron debattiert. Kritiker verwiesen auf seine antisemitischen und nationalistischen Äußerungen, Befürworter auf seinen Einsatz gegen die Leibeigenschaft sowie für Meinungs- und Pressefreiheit. 2010 stimmte der Senat mit 22 zu 14 Stimmen für die Beibehaltung des Namens; die erforderliche Zweidrittelmehrheit für eine Änderung wurde verfehlt.

2016 und 2017 beantragten zwölf Senatorinnen und Senatoren erneut eine Abstimmung. Eine Namenskommission organisierte am 11. Januar 2017 eine öffentliche Diskussion. Am 18. Januar stimmte der Senat mit 24 zu 11 Stimmen bei einer Enthaltung für die Ablegung des Namens – die Zweidrittelmehrheit war erreicht